«All at Once» titelt Shirana Shahbazi für ihre grosse Ausstellung im Kunstmuseum Luzern. Alles gleichzeitig? Alles zusammen? Wie soll man sich da noch zurecht finden? Die Installation der Schweizer Künstlerin mit persischen Wurzeln beschreibt ein aktuelles Lebensgefühl.
Süsse sphärische Klänge hören die Besucherinnen des Kunstmuseums Luzern in Jean Nouvels nüchternen Sälen. Die Klänge gehören zur Ausstellung «All at Once» der 1974 geborenen Künstlerin Shirana Shahbazi und begleiten eine ihrer (Video)-Installationen, sind aber in allen Ausstellungsräumen allgegenwärtig und stammen von einem Theremin, dem vom russischen Physiker und Erfinder Lew Termen (1896–1939) entwickelten Vorläufer des Synthesizers. Es ist ein ohne direkte Berührung zu spielendes, frühes elektronisches Musikinstrument, das Shirana Shahbazi allerdings nicht direkt einsetzt, sondern zu ihrer Installation über Lautsprecher abspielen lässt.
Der Einsatz des Theremins ist für die Ausstellung «All at Once» von Shirana Shahbazi nicht zentral. Der Hinweis auf das seltene Musikinstrument soll jedoch zeigen, wie die Künstlerin Medien und Techniken verwendet. Sie nutzt «alles gleichzeitig», überlagert das eine mit dem anderen – hier Schwarzweiss-Fotografie, dort Farbaufnahmen, Lithographie und Serigraphie, dann wieder Malerei und Skulptur. Dazu kommen Spiegel und Glasscheiben, welche die Räume unterteilen und die Besucherinnen und Besucher sich selbst und ihre Körper als Teile der Installationen erfahren lassen, oder getönte Gläser, welche die Farbgebung der fotografischen Aufnahmen überlagern und – je nach Standort der Betrachter – verändern. Auf die Glasscheiben projiziert oder an die Wände geheftet werden Bilder von Menschen unter Wasser, darunter Sima, die Tochter der Künstlerin, die sich im Wasser in streng konzipierter Choreographie bewegt.
Man wird als Museumsbesucher angeregt, sich in den Räumen zu bewegen und sich selbst je nach Standort in den Räumen und inmitten der abgebildeten Menschen immer wieder anders zu erleben. Man geht wie durch ein Spiegel-Labyrinth – für Luzerner und Luzern-Besucherinnen, denen der allerdings sehr viel simpler als Shahbazis Installation im Museum und direkt als Touristenattraktion gestaltete Spiegelsaal im Gletschergarten von Schulreisen her in lebhafter Erinnerung sein mag – keine ganz neue Erfahrung.
Fülle, Farben- und Detailreichtum
Dieser Ausflug in populäre kulturelle Zonen passt zu Shirana Shahbazi, die gerne triviale Bildwelten in ihre Installationen einbezieht – am deutlichsten im grossen zentralen Raum der Ausstellung, dessen vier Wände mit in den vergangenen zwanzig Jahren entstandenen Fotografien ganz unterschiedlicher Formate und Themen und unterschiedlicher farblicher Ausstrahlung gleichsam tapeziert sind: Üppige Früchtestillleben und Grossaufnahmen von Magnolienblüten stehen neben Porträts, trivialen Architekturbildern, alltäglichen Strassenszenen, scheinbar abstrakten Fotografien, neben Szenenbildern aus einem Eisenbahnabteil oder Fotos einer schlafenden Buspassagierin. Handkehrum sehen wir, als «Memento Mori» im Sinne niederländischer Stillleben, einen Totenschädel neben einem üppigen Blumenstrauss. In diesem Saal herrschen Fülle, Farben- und Detailreichtum, eine Vielfalt von unterschiedlichen oder auch gegensätzlichen Sinneseindrücken und Emotionen. Jedes Bild erzählt eine andere Geschichte – oder vielmehr: Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich selber zu den ganz unterschiedlichen Bildern eigene Geschichten zu erfinden und auch so – ähnlich den Verspiegelungen in andern Räumen – Teil des Kunstwerkes zu werden. In diesem Raum herrscht Opulenz. Die Farben glühen. Die Vielfalt verwirrt.
Andere Räume sind völlig anders gestaltet. Auf den Raum mit der Ansammlung der verwirrend vielen Bilder folgt ein Raum mit nur einer einzigen, allerdings riesigen vierteiligen, auf Baumwollpapier gedruckten Lithographie, die Shahbazis Tochter wiederum als Tänzerin unter Wasser zeigt: «Falling Sima». Ein anderer Saal ist angefüllt mit Videoprojektionen von schäumendem Wildwasser. In praktisch allen Räumen begegnen wir kleinen Foto-Objekten. Meist sind C-Prints auf Aluminium zu sehen mit abstrakten, gradlinig begrenzten Formen. Shahbazi fügt sie in skulptural gestaltete und in sorgfältiger Farbwahl bemalte, handgeformte Keramikrahmen. In dem grossen Raum, durch den man die Ausstellung «All at Once» betritt, hängen beinahe raumhohe pigmentierte Latexfolien: Ein Beitrag von Li Tavor, den Shirana Shahbazi zur Intervention in ihrer Ausstellung einlud. (Dieser Eröffnungsraum ist wohl der am wenigsten konzis gestaltete der ganzen Ausstellung.) Die Künstlerin lud auch Mastabeh Kamyab ein, in der Ausstellung ein Video zu zeigen, welches eine andere Art des Erlebens eines Raumes, jetzt eines Stadtraumes, demonstriert: Kamyab dokumentierte ausgedehnte Velofahrten durch Teheran und zeigt die lebendige Vielfalt einer Stadt, die uns vor allem in Fernseh-Bildern von politischen Demonstrationen oder Manifestationen gezeigt wird.
Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, das Nebeneinander des Verschiedenen oder Gegensätzlichen erleben wir als Programm von Shirana Shahbazis Arbeit. Die Künstlerin fordert das Wahrnehmungsvermögen der Besucherinnen und Besucher. Sie verunsichert mit dem Verzicht auf jegliche Hierarchie der Bilder und auf jede Rangordnung der Medien. Sie lässt den Besuchern keine Ruhe – und schafft so mit ihrer Bildpräsentation eine Analogie zu Welterfahrungen, die uns manches Geschehen, manche gesellschaftliche oder politische Veränderungen als verwirrend, irritierend und verunsichernd erleben lassen.
Ob Shirana Shahbazi in ihrer Arbeit auf Ernst Blochs (1885–1977) Konzept von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen rekurrieren will? Vielleicht, vielleicht aber liegt ihr Bloch mit seinen soziologisch-politisch-philosophischen Theorien auch fern. In seinem Buch «Erbschaft dieser Zeit» erklärte er seine Sicht auf den Begriff Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wie folgt: «Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äusserlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nachdem, wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine Zeiten. (…) Verschiedene Jahre überhaupt schlagen in dem einen, das soeben gezählt wird und herrscht. Sie blühen auch nicht im Verborgenen wie bisher, sondern widersprechen dem Jetzt; sehr merkwürdig, schief, von rückwärts her.» Bloch zielte mit seinem Konzept der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Sinne seiner Zuwendung zum Marxismus auf Politisches. (Er nannte Stalin noch in der frühen DDR-Zeit einen «wirklichen Führer ins Glück».) Shahbazi scheint Politisches weniger im Auge zu haben, wenn schon, dann in sehr allgemeinem Sinne, doch liessen sich, so man will, manche Aspekte ihres Schaffens, wie sie in der Luzerner Ausstellung «All at Once» zur Geltung kommen, als eine Art Illustration Bloch’scher Theorie oder als «sanfte» Analogie dazu interpretieren.
Shirana Shahbazis Ausstellung «All at Once» ist unterhaltend im besten Sinn des Wortes: Sie ist ein Fest der Sinne, mutet bisweilen, aber durchaus nicht immer fröhlich an, bietet visuelle und akustische Überraschungen, regt an zum kritischen Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung der für viele düsteren Wirklichkeit. Als Besucherin und Besucher kann man sich durch das rhythmisierte Labyrinth der Räume führen lassen, kann hier oder dort innehalten, den Theremin-Klängen lauschen und sich den fliessenden Wechselwirkungen der Bilder hingeben. Und akzeptieren, dass der Blick auf die Welt überfordernd und verwirrend und oft verstörend ist – wie die Welt selber.
Shirana Shahbazi
Die Schweizerin Shirana Shahbazi (*1974 in Teheran, Iran) studierte 1995 bis 1997 an der Fachhochschule Dortmund Fotografie und setzte ihre Studien bis 2000 an der Zürcher Hochschule der Künste fort. International beachtet wurden ihre konzeptkünstlerischen Arbeiten, die von der Fotografie ausgehen. Das Œuvre umfasst zudem Plakatmalereien und in traditioneller Knüpftechnik gefertigte, persische Seidenteppiche. Shahbazi verwirklicht auch Projekte im öffentlichen Raum. 2005 nahm sie an einer Plakataktion in der Stadt Zürich im Quartier Hardau teil. An der Baustelle des Swisscom Turms in Ostermundigen schuf sie während des Umbaus von Anfang bis Mitte 2020 eine künstlerische Invention zusammen mit dem Zürcher Künstler Cristian Andersen. Anfangs 2026 bespielte sie mit einer temporären Installation das Baugerüst des Zürcher Grossmünsters während dessen umfassender Sanierung.
In den vergangenen zehn Jahren hatte sie Einzelausstellungen im Kunsthaus Hamburg, im Istituto Svizzero in Mailand, im KINDL Zentrum für zeitgenössische Kunst, Berlin, in der Kunsthalle Bern, im Fotomuseum Winterthur, im New Museum, New York. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen Museumssammlungen vertreten, unter anderen im Aargauer Kunsthaus, Centre Pompidou, Paris, Fotomuseum Winterthur, Guggenheim Museum, New York, Kunstmuseum Zürich, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, Museum of Modern Art, New York, Tate Modern, London, National Museum of Photography, Kopenhagen und im Sprengel Museum, Hannover.
2002 erhielt sie den Fotopreis der Deutschen Börse, 2019 den Prix Meret Oppenheim des Bundesamtes für Kultur.