Ein Meinungsartikel der «New York Times» zum Thema des sexuellen Missbrauchs von inhaftierten Palästinenserinnen und Palästinensern durch israelisches Personal wirft hohe Wellen. Israels Aussenministerium spricht von «einer der schlimmsten je in der zeitgenössischen Presse erschienenen Blutbeschuldigungen» und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erwägt eine Diffamierungsklage gegen die Zeitung. Die «Times» selbst dementiert, den Beitrag zurückziehen zu wollen und stellt sich hinter ihren Autor.
Der Artikel von Nicholas Kristof, der am 11. Mai unter dem Titel «Das Schweigen, das der Vergewaltigung von Palästinenserinnen und Palästinensern begegnet» erschienen ist, beginnt mit einem einfachen Vorschlag: «Was immer unsere Ansichten zum Nahost-Konflikt sind, wir sollten uns in der Verurteilung von Vergewaltigung einig sein.» Der Autor erinnert an die brutalen sexuellen Übergriffe gegenüber israelischen Frauen während des Massakers der Hamas am 7. Oktober 2023 und an die Aufforderung hochrangiger amerikanischer Politiker und Benjmin Netanjahus an «alle zivilisierten Führer», sich laut und deutlich gegen sexuelle Gewalt auszusprechen.
«Und doch», schreibt Kristof, «haben mir Palästinenserinnen und Palästinenser in erschütternden Interviews von einem Muster weit verbreiteter sexueller Gewalt durch Israelis gegen Männer, Frauen und sogar Kinder berichtet – begangen von Soldaten, Siedlern, Verhörbeamten des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und vor allem von Gefängniswärtern.»
«Systematische sexuelle Gewalt»
Es gebe, führt der renommierte Journalist aus, zwar keine Belege dafür, dass führende Israeli Vergewaltigungen befehlen würden: «In den letzten Jahren haben sie jedoch einen Sicherheitsapparat aufgebaut, in dem sexuelle Gewalt, wie es ein Bericht der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr formuliert hat, zu einer der ‘Standardvorgehensweise’ Israels und zu ‘einem wesentlichen Bestandteil der Misshandlung von Palästinensern’ geworden ist. Ein im vergangenen Monat veröffentlichter Bericht des ‘Euro-Med Human Rights Monitor’, einer in Genf ansässigen und häufig Israel-kritischen Interessenvertretung, kommt zum Schluss, dass Israel ‘systematische sexuelle Gewalt’ einsetzt, die ‘weit verbreitet als Teil einer organisierten staatlichen Politik praktiziert wird’».
«Im Laufe meiner Karriere», berichtet Nicholas Kristof, «habe ich über Kriege, Völkermord und Gräueltaten berichtet, darunter auch Vergewaltigungen – manchmal an Orten, an denen das Ausmass sexueller Gewalt weitaus grösser ist als alles, was von militanten Hamas-Kämpfern, israelischen Soldaten oder Siedlern begangen worden ist. Im Tigray-Konflikt in Äthiopien vor einigen Jahren wurden möglicherweise 100’000 Frauen vergewaltigt. Im Sudan finden derzeit Massenvergewaltigungen statt.»
Amerikas Komplizenschaft
Doch amerikanische Steuergelder, argumentiert der Autor, würden das israelische Sicherheitsestablishment subventionieren, so dass es sich hierbei um sexuelle Gewalt handle, an der die Vereinigten Staaten mitschuldig sind. Sein Interesse an einer Berichterstattung über sexuelle Übergriffe auf palästinensische Gefangene sei geweckt worden, nachdem ihm Issa Amro, ein gewaltfreier Aktivist, bei einem früheren Besuch erzählt habe, dass er von israelischen Soldaten sexuell missbraucht worden sei, und er glaube, dass dies weit verbreitet sei, aus Scham aber nur selten gemeldet werde.
Einer Schätzung zufolge hat Israel seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober allein im Westjordanland 20’000 Menschen festgenommen, und mehr als 9’000 Palästinenserinnern und Palästinenser befanden sich diesen Monat noch immer in Haft. Viele werden nicht angeklagt, sondern unter vagen Sicherheitsgründen festgehalten. Seit 2023 sind den meisten Inhaftierten auch Besuche des Roten Kreuzes und von Anwälten verweigert worden.
Schwer erträgliche Details
Der «Times»-Artikel, dessen Lektüre in seinen Details nur schwer erträglich ist, basiert auf Gesprächen mit 14 Frauen und Männern, die berichteten, von israelischen Siedlern oder Angehörigen der Sicherheitskräfte sexuell missbraucht worden zu sein. Die Aussagen der Betroffenen wurden so eingehend wie möglich überprüft. In Fällen, wo das nicht möglich war, war es wohl die Scham, die Opfer daran gehindert hat, sich Familienangehörigen oder Dritten gegenüber zu öffnen. Das gilt einem Bericht der NGO «Save the Children» zufolge auch für inhaftierte Jugendliche, von denen mehr als die Hälfte berichtete, sexuelle Gewalt erfahren zu haben.
Die israelische Regierung weist Vorwürfe zurück, sie würde Palästinenserinnen und Palästinenser sexuell missbrauchen, ebenso wie die Hamas bestritten hat, israelische Frauen vergewaltigt zu haben. Israel begrüsste zwar einen Uno-Bericht, der sexuelle Übergriffe von Palästinensern auf israelische Frauen dokumentiert, lehnte jedoch die Forderung des Reports ab, israelische Übergriffe auf Palästinenser zu untersuchen. Das israelische Ministerium für nationale Sicherheit mochte sich nicht zum Artikel der «New York Times» äussern. Der Strafvollzugsdienst weise die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs «kategorisch zurück», sagte ein Sprecher der Behörde, der anonym bleiben wollte, und fügte hinzu, dass Beschwerden «von den zuständigen Stellen geprüft» würden.
Keine Beweise für Befehle
Dagegen sagte Sari Bashi, eine israelisch-amerikanische Menschenrechtsanwältin und Geschäftsführerin des Öffentlichen Komitees gegen Folter in Israel, der grassierende sexuelle Missbrauch palästinensischer Gefangener sei eine Tatsache und zur Normalität geworden: «Ich sehe keine Beweise dafür, dass dies angeordnet worden ist. Aber es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass die Behörden wissen, dass dies geschieht, und nichts dagegen unternehmen.» Ein weiterer israelischer Anwalt, Ben Marmarelli, erzählte dem Autor, dass nach den Erfahrungen palästinensischer Häftlinge, die er vertreten hat, Vergewaltigungen von Inhaftierten mit Gegenständen «auf breiter Front stattfinden». Eine der verstörendsten Aussagen des «Times»-Berichts ist denn jene, wonach israelische Instanzen Kampfhunde einsetzen, um Palästinenser zu vergewaltigen. Was Kritiker umgehend als unwahrscheinlich oder wissenschaftlich unmöglich bezeichneten, zum Beispiel aber aus Pinochets Chile überliefert ist
«Wie kommt es zu dieser Art von Gewalt?», fragt Nicholas Kristof: «Jahrzehntelange Berichterstattung über Konflikte hat mich gelehrt, dass eine Kombination aus Entmenschlichung und Straffreiheit Menschen in einen Hobbes’schen Naturzustand treiben kann.» Er habe dieses Abgleiten in die Barbarei auf den Schlachtfeldern vom Kongo über den Sudan bis nach Myanmar erlebt, und er glaube, dass dies auch in groben Zügen erkläre, wie es dazu kam, dass amerikanische Soldaten Gefangene in Abu Ghraib im Irak sexuell missbrauchten: «Die schonungslose Realität ist: Wenn es keine Konsequenzen gibt, sind wir Menschen zu ungeheurer Verderbtheit gegenüber jenen fähig, die wir als Untermenschen verachten sollen.» So hat etwa Itamar Ben-Gvir, Israels Minister für nationale Sicherheit, Häftlinge als «Abschaum» und «Nazis» bezeichnet und damit geprahlt, die Haftbedingungen für Palästinenser verschärft zu haben.
Ex-Premier nicht überrascht
Um zu versuchen, zu verstehen, was er herausgefunden hatte, rief der «Times»-Autor Ehud Olmert an, der von 2006 bis 2009 Israels Ministerpräsident war. Der Ex-Premier habe ihm gesagt, er wisse nicht viel über sexuelle Gewalt gegen Palästinenser, sei aber von den Berichten, die Kristof gehört hatte, nicht überrascht: «Ob ich glaube, dass so etwas passiert?», fragte Olmert: «Auf jeden Fall.» In den israelisch besetzten Gebieten würden jeden Tag Kriegsverbrechen begangen, habe er hinzugefügt.
«Wir Journalisten verlangen unseren Quellen viel ab, und das trifft auf diesen Artikel so sehr zu wie selten zuvor», kommentiert Nicholas Krostof seinen Artikel: «Vielleicht fiel es Ihnen schwer, diesen Beitrag zu lesen, aber für die Überlebenden sexueller Übergriffe war es tausendmal schwerer, ihre Geschichten zu erzählen. Ich bat sie, über die intimsten und erschütterndsten Erlebnisse zu sprechen, die man sich vorstellen kann – Erlebnisse, die ihnen bereits Alpträume bereiteten –, und bei der Faktenprüfung haben wir das alles noch einmal durchlebt.»
Sorgen um die Reaktionen
Die Gespräche mit den Opfern seien zeitweise qualvoll gewesen: «Sie empfinden Scham und auch intensive Angst, dass sie von den israelischen Behörden erneut verhaftet und dafür bestraft werden könnten, sich zu Wort gemeldet haben. Sie machen sich Sorgen um die Reaktion ihrer palästinensischen Mitbürger, die vielleicht glauben, diese Berichte würden die Moral der Gefangenen untergraben und das Bild des ungebrochenen, stets trotzigen palästinensischen Gefangenen zerreissen. Und sie sorgen sich um die Auswirkungen auf ihre eigenen Familien und darum, ob ihre Töchter oder Schwestern möglicherweise weniger Chancen auf eine Heirat haben, weil sie darüber gesprochen haben, dass sie missbraucht wurden.»
Heftigste Reaktionen auf den Artikel der «New York Times» liessen diese Woche nicht lange auf sich warten. «Heute hat sich die NYT entschieden, eine der schlimmsten Blutbeschuldigungen zu publizieren, die in der zeitgenössischen Presse je erschienen ist», postete das israelische Aussenministerium in den sozialen Medien: «In einer unerklärlichen Umkehr der Realität und durch einen endlosen Strom grundloser Lügen verwandelt Propagandist Nicholas Kristof das Opfer in den Täter.»
Das Ministerium klagte, die Story sei «Teil einer falschen und gut orchestrierten Anti-Israel Kampagne» und beschuldigte die «Times», die Veröffentlichung des Stücks bewusst so getimt zu haben, um einen neuen israelischen Bericht zu kontern, der «systematische» sexuelle Gewalt während der Attacke der Hamas am 7. Oktober detaillierte: «Sie haben die Soldaten Israels diffamiert und eine blutige Verleumdung über Vergewaltigungen verbreitet, um eine falsche Gleichsetzung zwischen den genozidalen Terroristen der Hamas und den tapferen Soldaten Israels herzustellen.»
«Ein Stück Hamas-Propaganda»
Doch die Zeitung berichtete einen Tag später sehr wohl auch über den Report der «Civil Commission on October 7 Crimes by Hamas Against Women and Children»: «Ein Forscherteam in Israel veröffentlichte am Dienstag einen Report, den es als den bislang umfassendsten Bericht über sexuelle Gewalt durch palästinensische Militante während und nach dem von der Hamas angeführten Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 bezeichnete. Der Bericht, der den Höhepunkt einer zweijährigen Untersuchung durch ein nichtstaatliches Team darstellt, kommt zum Schluss, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen und Männer ‘systematisch, weit verbreitet und integraler Bestandteil’ des Angriffs der Hamas und ihrer Verbündeten sowie der Übergriffe auf Geiseln war, die nach Gaza zurückgebracht wurden.»
Andere pro-israelische Stimmen versuchten, Nicholas Kristofs Quellen als «Hamas-nahe», «anti-israelisch oder «anti-zionistisch» zu diskreditieren. Die konservative Kommentatorin Michelle Tandler insistierte, nicht ganz widersprüchlich, der Artikel beinhalte nicht «den winzigsten Beweis» ausser den Aussagen von 14 Personen. Ein Redaktor des pro-israelischen Blogs «The Free Press» ereiferte sich, die Quellen des Beitrags würden «Israel hassen» und der Artikel sei «ein gut gewaschenes Stück Hamas-Propaganda, die Kristof und die Times am Ende noch bedauern werden». Premier Netanjahu sagte: «Wir werden diese Lügen vor dem Gericht der öffentlichen Meinung und vor einem ordentlichen Gericht bekämpfen.»
Täter oder Helden
In «Haaretz» hat Noa Epstein den Artikel der «New York Times» und den Bericht der «Civil Commission» verglichen. Ohne die Aussagen des Kommissionsreports trivialisieren zu wollen, kommt sie zum Schluss, dass es dem Report an einer nachvollziehbaren Beweisführung mangle, wie sie der «Times»-Beitrag zeigt: «Der israelische Bericht beschäftigt sich mit Verbrechen, die eine terroristische Organisation gegen Zivilisten begangen hat. Kristofs Recherche fokussiert auf Anschuldigungen systematischer sexueller Gewalt, die von Leuten begangen wird, die im Namen des Staates handeln, im Innern seiner Haftanstalten oder unter dem Schutz der Macht, die er ausübt.»
Die Suche nach den Verantwortlichen dürfe deshalb nicht mehr bei den einzelnen Tätern enden, schliesst die Autorin: «Sie sollte auch Kommandanten, Ermittler der Polizei, Staatsanwälte, Minister und eine Gesellschaft erreichen, die entscheidet, ob die Täter als Verbrecher oder als Helden angesehen werden sollen.»
«Ein Bericht aus erster Hand»
Währenddessen dementierte ein Sprecher der «New York Times», die Zeitung erwäge, wie teils behauptet, den Artikel zurückzuziehen: «Das entbehrt jeglicher Grundlage. Nicholas Kristof ist ein Journalist, der zwei Pulitzer-Preise gewonnen und während Jahrzehnten über sexuelle Gewalt berichtet hat und als einer der weltbesten Reporter vor Ort gilt, die sexuelle Gewalt dokumentieren und bezeugen, die Frauen und Männer in Konfliktgebieten erfahren. Er ist ins Gebiet gereist, um aus erster Hand über die Erfahrungen von Palästinenserinnen und Palästinensern zu berichten, die Missbrauch erfahren haben, und sein Artikel sammelt Aussagen in den eigenen Worten der Opfer, bestätigt durch unabhängige Studien.»
«Die heftigen Reaktionen auf Kristofs Berichterstattung und die Drohungen gegen die New York Times haben die wahren Prioritäten Israels und seiner Verteidiger offenbart: den Preis dafür, Israels Verbrechen aufzudecken und sich dagegen auszusprechen, immer weiter in die Höhe zu treiben», schliesst Yuli Novak, Exekutivdirektorin der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die wegen Todesdrohungen als angebliche Landesverräterin zwischenzeitlich im Exil gelebt hat: «Die Frage ist nicht mehr, ob es Beweise gibt. Die Frage ist, wie lange dieses System noch weiterlaufen darf, bevor die Welt auf eine grundlegende Wahrheit reagiert, die Israel so eifrig zu verschleiern versucht: Palästinenser sind Menschen, und ihr Leben muss geschützt werden.»
Quellen: The New York Times, Haaretz, The Guardian, Zeteo