Bisweilen ist die untergründige Thematik zweier Filme so verwandt, dass sich ein Vergleich nachgerade aufdrängt. Die ersten Wettbewerbsbeiträge, «Nagi Notes» («Quelques jours à Nagi») von Fukada Koji und Charline Bourgeois-Tacquets «La vie d’une femme», versuchen beide, ein Bild der zeitgenössischen «condition féminine» zu zeichnen.
Beide Inszenierungen bringen die jeweiligen Lebenslinien zu einem Bruchpunkt, der zu einschneidenden Veränderungen führt; sowohl die japanische als auch die französische Produktion illustrieren den Versuch ihrer Protagonistin, die sozialen und inneren Grenzen, an denen sich ihre Lebensentwürfe reiben, zu überwinden.
Gabrielle (Léa Drucker) ist eine Chirurgin, die im Operationssaal schwere Gesichtsverletzungen operiert und ausserhalb des Spitals ihr Leben mit nachgerade obsessiver Beharrlichkeit in den Griff zu kriegen versucht. Je höher die Hürden werden, desto brüchiger wird ihre Selbstkontrolle: ihre Mutter, die an einer fortgeschrittenen Alzheimererkrankung leidet, muss ins Pflegeheim gebracht werden, zu Hause kollidiert ihr Bedürfnis nach Ruhe mit der Festlaune der adoleszenten Kinder ihres Mannes. Als ihr Mitarbeiter Kamyar kurz vor dem Burn-out in die Privatmedizin wechselt und sie nach einer «Restrukturierung» des Spitalbetriebs die Kisten ihrer Abteilung eigenhändig zum neuen Arbeitsort tragen muss, erreicht sie das Ende ihrer Belastbarkeit.
Grenzen der Inszenierung
Problematisch erscheint in dieser «Vie d’une femme», dass paradoxerweise auch die Regisseurin ihrer Figur kaum Freiraum gibt und die Inszenierung in jeder Sequenz das Programm durchscheinen lässt, das sie zu illustrieren versucht. Die Kamera unterstreicht die Seelenlage Gabrielles mit symmetrischer Redundanz, während das Script die Nebenfiguren meist zu Silhouetten degradiert. Insbesondere Gabrielles Mann Henri (Charles Berling), der anfangs nur blass erscheint, wird gegen Ende, als er seinen ehelichen Klagen mit resignierter Ranküne freien Lauf lässt, zur Fallstudie männlicher Frustration.
Eine Atempause verschafft ihr die junge Schriftstellerin Frida, mit der Gabrielle nach anfänglichem Zögern ein Verhältnis eingeht. Insbesondere die Wanderung zum Bergsee in den Alpen wird zur Glückserfahrung, die sie kurzfristig von der Möglichkeit einer anderen Existenz träumen lässt. Als Frida kurz darauf ihrerseits auf ihrem Recht auf Selbstbestimmung beharrt, wird sich Gabrielle — so legt dies zumindest die Schlusssequenz nahe — mit ihren Realitäten abfinden. In einer Koda treffen die Chirurgin und ihr Mann in Turin auf die Autorin, die sich inzwischen mit einer japanischen Video-Artistin liiert hat. Man tauscht Banalitäten aus, versucht, den Smalltalk im Fluss zu halten, verabschiedet sich schliesslich linkisch. Man steht vor diesem Ende so ratlos wie die Figuren: sobald das Drehbuch nicht mehr auf die Soziologie zurückgreifen kann, werden auch die Grenzen der Inszenierung offensichtlich.
Feingetunten Erzählung
In «Nagi Notes» birgt die Homosexualität ebenfalls sozialen Sprengstoff; anders als die französische Produktion öffnet der Film seinen Figuren allerdings den Horizont.
Yuri ist eine Architektin aus Tokyo, die sich eine Auszeit erlaubt und in Nagi, einem japanischen Provinznest, ein paar Tage Erholung bei der Schwester ihres Ex-Mannes gönnt. Vorwand ihres Aufenthalts ist die Porträtskulptur aus Kampferholz, die Yoriko, ihre ehemalige Schwägerin, nach langem Unterbruch von ihr fertigstellen will. Die Momente des Modellstehens erlauben es Yuri, in die Welt der Bildhauerin einzutauchen: das Lokalradio überträgt die Musik der lokalen Trauerfeiern, aus der Ferne sind die Explosionen eines Manövers der japanischen Truppen zu hören. Bei ihren Erkundungsgängen wird sie mit zwei scheuen Heranwachsenden Bekanntschaft schliessen und einen verwitweten Ratshausangestellten kennenlernen, dessen Frau einst ebenfalls von Yoriko porträtiert worden ist.
Als sich Yuris Aufenthalt auf eine Woche erstreckt (die jeweils abgerissenen Kalenderblätter dienen der feingetunten Erzählung als Metronom) werden auch die Schatten der Toten und Abwesenden vermehrt auf den beiden Frauen lasten. Hier liegt zweifellos die attraktive Idee dieser Inszenierung: es sind die Aussparungen und das Schweigen, die im Lauf der Zeit an Relevanz gewinnen.
Diskret austarierte Regieführung
Nachdem sich die beiden schüchternen Teenager als Paar zu erkennen geben, wird auch die Kamera an Schwung gewinnen und Yuri nach anfänglichem Zögern ihre Karrierepläne aufgeben, um mit Yoriko in Nagi einen in jeder Hinsicht neuen Start zu wagen. Ist dies zu überzuckert? Blicke wie Gefühle werden von der diskret austarierten Regieführung jeweils der «Kunst» (den Skizzen, den Gemälden und der Kamera Obscura im Museum) gegenübergestellt, beziehungsweise von dieser auf den Prüfstand gehoben. Als die Bildhauerin (die gleich zu Beginn warnt, sie habe «schlechten Geschmack») in einer unerklärt bleibenden Geste die Holzskulptur mit starken Beitelstössen zerstört, wird unvermutet auch etwas vom Gewaltpotential spürbar, das von der eleganten ansonsten Regieführung sorgsam ausgeblendet bleibt.