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Finnland-Schweden

Ein kleines arktisches «Eisenbahn-Wunder»

12. Juni 2026 , Tornio
Rudolf Hermann
Rudolf Hermann
Torne-Fluss
Die Eisenbahnbrücke über den Torne-Fluss im Norden Finnlands: das Herzstück der Bahnlinie, die Finnland nach längerer Pause wieder mit Schweden verbinden soll

Zwischen Tornio und Haparanda liegt nur ein Katzensprung. Doch in Europas hohem Norden ist die bevorstehende Wiedereröffnung der einzigen Bahnstrecke, die einst Finnland und Schweden verband, ein grosser Schritt. Nicht nur für die Einwohner und Besucher der vielleicht kuriosesten Doppelstadt in Europa, sondern auch für die europäische Verteidigungspolitik in einem zunehmend unbehaglichen Klima. 

Brückenbau ist keine Raketentechnologie, zumal es die fragliche Brücke schon seit über hundert Jahren gibt. Doch wenn demnächst über die vierhundert Meter lange und altehrwürdige Stahlfachwerkbrücke, die das finnische und das schwedische Ufer des Torne-Flusses verbindet, wieder Züge rumpeln, ist das für Lappland dennoch fast wie eine Mondlandung. Mehr als drei Jahrzehnte ruhte hier nämlich der reguläre Eisenbahnverkehr. 

Entsprechend gelöst war die Stimmung, als im April zwischen Finnland und Schweden ein Abkommen zur Wiederaufnahme des grenzüberschreitenden Personenverkehrs per Bahn unterzeichnet wurde. Wann tatsächlich der erste Zug fahren wird, ist noch nicht klar. Die beiden Länder wollten schon bis Mittsommer, einem der wichtigsten nordischen Feiertage, so weit sein, doch der administrative Kleinkram zieht sich immer noch in die Länge. Nun wird von August gesprochen. 

Tornio-Haparanda
(Karte: journal21.ch/stepmap.de)

Auch Lenin war hier 

Um die Bedeutung des Ereignisses zu verstehen, ist ein Blick zurück nötig. Und zwar ziemlich weit zurück; in die Zeit, als das, was heute Finnland ist, als Land noch gar nicht existierte, sondern ein mit einer gewissen Autonomie ausgestattetes Grossherzogtum des russischen Zarenreichs war. Das schwedische Königreich, der frühere Kolonialherr über die finnischen Gebiete, hatte die Region 1809 nach einem verlorenen Krieg an Russland abgeben müssen. Damit ging für Stockholm auch die Stadt Torneå verloren, eine grosse Siedlung an der Mündung des Flusses Torne älv in den Bottnischen Meerbusen. Denn der Zar hatte im Friedensvertrag diktiert, dass bei Torneå nicht die Flussmitte, sondern der westliche Seitenarm die Grenze bilden würde, und sich damit in den Besitz der ganzen Stadt gebracht. Sie war von grossem strategischem Wert, weil sie als altes Handelszentrum an einer wichtigen Stelle der schnellsten Landverbindung von Stockholm nach Helsinki lag. Schweden musste sich an dem ihm verbliebenen Ufer eine neue Stadt bauen und nannte sie Haparanda. 

Wie wichtig diese Landverbindung war, zeigte sich während des Ersten Weltkriegs. Eben hatte Schweden eine Eisenbahnlinie bis hier in den hohen Norden gezogen; auf finnisch-russischer Seite war Tornio schon 1903 ans Bahnnetz angeschlossen worden. Als die Mittelmächte im Ersten Weltkrieg die Ostsee beherrschten, war dies die einzige verbliebene stabile Verkehrsverbindung aus dem Zarenreich zu den Bündnispartnern Frankreich und Grossbritannien. Tornio-Haparanda war plötzlich mitten in der Weltpolitik. Genutzt wurde der Weg im April 1917 auch von einem russischen Sozialrevolutionär, der aus seinem Schweizer Exil nach St. Petersburg eilte, um die kommunistische Revolution zu vollenden: W. I. Lenin. Bis Haparanda mit dabei: der Zürcher Kommunist Fritz Platten, der die Reise organisiert hatte. 

Lenin musste damals noch mit einem Kahn über den Torne-Fluss setzen. Doch nur zwei Jahre später wurde eine Brücke in Betrieb genommen, die die Bahnverbindung durchgängig machte. Oder wenigstens so durchgängig wie möglich. Denn ein Zusammenschluss der Geleise war technisch nicht zu bewerkstelligen, weil die russische Bahn – und damit auch die Bahn im inzwischen unabhängig gewordenen Finnland – mit einer grösseren Spurweite als die europäische Normalspur arbeitete. Die russische Breitspur endete am Bahnhof Haparanda. 

Ein grandioser Bahnhof im Abseits 

Der Bahnhof wurde zu einem wichtigen Umschlags- und Umsteigeplatz; entsprechend grandios ist sein Gebäude aus rotem Backstein ausgefallen. Mit dem Ruhm war es indes bald vorbei. Aus der Sicht beider Hauptstädte geriet die entlegene Region am Polarkreis zunehmend ins Abseits. Der Personentransport per Bahn wurde abgebaut und auf der schwedischen Seite gar ganz stillgelegt. Somit war man hier wieder einsam am Ende der Welt. Fast wie zu den Zeiten, als Tornio nach seiner Gründung 1621 knapp zweihundert Jahre lang die nördlichste Stadt der Welt war, dahinter nur noch die unbekannten und mythisch verklärten Gefilde von Ultima Thule. 

Auch heute kann man sich hier ziemlich ab der Welt fühlen. Nach Stockholm sind es auf dem Landweg rund tausend Kilometer, nach Helsinki knapp achthundert. Und auch in die nächstgelegenen Städte, die grösser sind als Tornio-Haparanda selbst (Luleå in Schweden und Oulu in Finnland), fährt man zwischen anderthalb und zwei Stunden. So genügt die schwedisch-finnische Doppelstadt mit ihren insgesamt rund 30’000 Einwohnern vor allem sich selbst. 

Eine Kleinstadt nicht wie jede andere 

Gefühlsmässig war man sich in der Stadt schon immer sehr nahe, und mit EU und Schengenraum sind die sichtbaren Grenzen sogar ganz verschwunden. Für ihre Einkäufe im einzigen grossen Shoppingcenter der Doppelstadt müssen die Schweden nach Finnland, in die Ikea hingegen die Finnen nach Schweden. Der Fernbus-Bahnhof liegt auf der schwedischen Seite hart an der Grenze. Muss man einen Bus erwischen, gilt es allerdings, genau hinzuschauen, denn die Uhren gehen in Schweden und Finnland unterschiedlich – Finnland ist eine Stunde voraus. An wichtigen Orten, etwa im Einkaufszentrum oder in der Busstation, sind deshalb immer zwei Uhren nebeneinander, die die finnische und die schwedische Zeit zeigen. 

Busstation Haparanda-Tornio
Die Busstation Haparanda-Tornio bedient zwei Stadtteile in verschiedenen Zeitzonen. Deshalb braucht es auch zwei Uhren.

Das grenzüberschreitende Leben ist hier der Normalfall, zumindest in normalen Zeiten. Als die Covid-Pandemie ausbrach, erschien zwischen dem finnischen und dem schwedischen Stadtteil jedoch plötzlich ein Zaun, der die täglichen Abläufe und Routinen arg durcheinanderbrachte. Die Bevölkerung murrte, ertrug es aber mit nordischem Stoizismus.  

Nur eine Musikgruppe mit Mitgliedern aus beiden Stadtteilen erlaubte sich einen subtil-subversiven Protest: Man fand sich auf dem Vorplatz vor dem Einkaufszentrum ein, quer durch den der Zaun verlief, und spielte gemeinsam ein Konzert – jedes Bandmitglied auf «seiner» Seite des Zauns und damit ganz in Übereinstimmung mit den sanitarischen Vorschriften. 

Finnisch-schwedische Grenze
Die finnisch-schwedische Grenze verläuft direkt über den Platz vor dem einzigen grossen Einkaufszentrum der Doppelstadt. Man überquert sie an vielen Orten, ohne ihrer gewahr zu werden.
Parkplatz
Der Parkplatz vor dem Einkaufszentrum. Je nachdem, welche Ausfahrt man nimmt, landet man in Finnland (Suomi) oder Schweden (Ruotsi).

Wenn nun in Kürze der grenzüberschreitende Zugbetrieb wieder aufgenommen wird, erhofft man sich davon in Tornio-Haparanda nicht nur verbesserte persönliche Bewegungsfreiheit im regionalen Grenzverkehr, sondern auch einen Gewinn an touristischer Attraktivität in dieser weit abgelegenen Region. Mindestens bei Eisenbahn-Enthusiasten dürfte das Echo positiv ausfallen. Denn Tornio-Haparanda kommt nun an die längste durchgehend befahrbare Strecke durch die EU zu liegen.  

Bisher führte diese Route von der Südspitze Portugals an die Nordspitze Schwedens, doch bald wird man nun noch stundenlang weiterreisen können, etwa nach Rovaniemi, wo Santa Claus zu Hause ist, nach Helsinki oder auch bis Finnisch-Karelien an der Grenze zu Russland. Ein bedeutendes Passagieraufkommen zwischen Stockholm und Helsinki dürfte die neue Bahnverbindung hingegen kaum bringen: Mit 24 Stunden wird die Reisezeit länger sein als die 18 Stunden, die die fleissig zwischen den beiden Metropolen pendelnden Ostseefähren benötigen – vom Flugzeug ganz zu schweigen. 

Nicht nur Interrailer werden sich aber über die neue Strecke freuen, sondern auch Militärplaner. Denn eine aufgewertete Bahnverbindung erleichtert die Logistik zur Versorgung der Nato-Nordflanke in einem Krisenfall; nicht zuletzt, weil Finnland einen Eisenbahnzugang nach Narvik an der nordnorwegischen Atlantikküste erhält. Das ist nach dem Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands im Gefolge von Russlands Krieg gegen die Ukraine zweifellos ein gesamteuropäisches sicherheitspolitisches Plus.

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