In der Desktop-Welt wird der handfeste Umgang mit Dingen ersetzt durch das Management von Informationen über Dinge. Handwerkliche Hobbys gewinnen die Unmittelbarkeit des Tuns ein Stück weit zurück.
Es mutet paradox an: In fortgeschrittenen Gesellschaften übernimmt die Technologie zunehmend menschliche Tätigkeiten und gleichzeitig holen sich die Menschen diese Tätigkeiten gewissermassen von den Maschinen zurück – zumindest in urbanen, gentrifizierten Milieus. Man bäckt selber Brot, braut selber Bier, stellt selber Käse her, man betreibt Urban Gardening und Selbstversorgung. TV-Formate feiern traditionelles Handwerk wie Töpfern, Glasblasen, Schmieden. Auf Plattformen wie Etsy kaufen und verkaufen Millionen von Menschen Handgefertigtes wie Schmuck, Keramik, Kleidung oder Dekoration, obwohl industrielle Alternativen meist günstiger wären.
Arts-and-Crafts-Bewegung
Diese Rückwendung zum Manuellen ist nicht neu. Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Grossbritannien die Arts-and-Crafts-Bewegung um John Ruskin und William Morris – der eine ein angesehener Maler und Kunstkritiker, der andere Maler, Designer und Unternehmer. Abgestossen von der «Verhässlichung» Englands durch die Massenproduktion, propagierten sie die Rückkehr zum Handwerk als Rettung des Menschen vor dem Moloch der Industrialisierung.
Aber so emanzipatorisch die Arts-and-Crafts-Bewegung auf den ersten Blick erscheinen mochte, so antimodern erwies sie sich bei näherem Hinsehen: Mit der Idealisierung des Handwerks projizierte sie das Ideal des guten Lebens und des guten Designs in eine vermeintlich heile «gotische» Welt der Steinmetze zurück – als ob in der Vormoderne mit ihrer auf Werkstätten und Handarbeit beruhenden Produktion Freiheit und Erfülltheit geherrscht hätten.
Martin Heideggers Fundamentalkritik der Technik
Handwerk spielt auch in einer der radikalsten Kritiken der industrialisierten Moderne eine Rolle. Martin Heidegger forderte dazu auf, Technik nicht unter dem Gesichtspunkt des Werkzeugs zu betrachten, sondern als eine Denkweise, die alles nur noch als «Bestand» wahrnimmt – als etwas, das verfügbar gemacht und ausgebeutet werden kann. Handwerk diente Heidegger nicht als Beispiel einer vorindustriellen Produktionsweise, sondern eines philosophischen Weltverhältnisses, jenem des «In-der-Welt-Seins». Hölderlins Wort «Dichterisch wohnet der Mensch» deutete Heidegger entsprechend so, dass der Mensch die Dinge nicht nur gebraucht, sondern in ihnen auch etwas wahrnimmt, das ihn anspricht und zu ihm in Beziehung tritt. Im Heidegger-Idiom: Das Ding «dingt» ihn.
«Dunkle Ökologie» und die Sense
Diesem In-der-Welt-Sein verleiht der britische Umweltaktivist und Autor Paul Kingsnorth eine aktuelle politisch-ökologische Bedeutung. Auch er zielt aufs Ganze, das er es schlicht «Maschine» nennt: das neoliberale Wirtschaftssystem. Ihm setzt Kingsnorth eine handwerkliche Praxis entgegen. In seinem Essay «Dunkle Ökologie» (deutsch 2025) singt er das Loblied der Sense. Das Mähen verlangt Anstrengung, Aufmerksamkeit, Übung – typisch handwerkliche Tugenden. Eine Sense korrekt zu benutzen «ist eine Meditation», schreibt Kingsnorth. Sie bringe den Körper «in Einklang mit dem Werkzeug» und das «Werkzeug in Einklang mit dem Land».
Aber Kingsnorth mäht mit der Sense nicht einfach Gras, er mäht englisches Gras. Das heisst, mit dem Werkzeug versichert er sich auch seiner «heimischen» Bodenverbundenheit und Kultur. Naturschutz heisst Ortsschutz. Kingsnorth spricht von einem «wohlwollend grünen Nationalismus». Die Sense wird zum Emblem des Ausstiegs aus globalen Zusammenhängen und einer «stolzen Verteidigung von Territorium und Kultur im Namen der Natur, verwurzelt in Liebe». Hier sind wir nahe am rückwärtsgewandten Öko-Kitsch. Dass Kingsnorth den Brexit unterstützte, erscheint vor diesem Hintergrund nur folgerichtig.
Eine Verlusterfahrung
Die heutige Wertschätzung des Handwerks lässt sich anders interpretieren. Sie folgt weder dem Wunsch einer Rückkehr in die Vergangenheit oder ins Idyll des «angestammten» Territoriums, noch ist sie Ausdruck von Maschinenstürmerei. Sie zeigt vielmehr eine Verlusterfahrung am eigenen Leib an.
Heute bestehen viele Berufe nicht im handfesten Umgang mit Dingen, sondern im «Management» der Information über Dinge. Selber Hand anlegen hat für viele geradezu exotischen Charakter angenommen. Die Desktop-Welt der postindustriellen Dienstleistung ist immateriell. Und in dieser Immaterialität verschwindet, was man den anthropologischen Kern der Arbeit nennen könnte. Er besteht darin, dass man etwas hervorbringen und sich selber im Produkt wiedererkennen möchte. Selber eine Tasse zu töpfern, bedeutet nicht einfach, ein Objekt zu fertigen, es bedeutet, sich selbst in der Tasse zu «materialisieren». Sie trägt die Handschrift ihres Herstellers. Handgemachte Objekte sind menschzugewandte Objekte. «Das habe ich selber gemacht, selber getan». Wieviel Selbstfindung und Sinnstiftung stecken doch in der Eigenhändigkeit!
Theodor Adorno und das Hobby als Ersatzbefriedigung
Freizeitliches Handwerk ist aber lediglich eine Arbeitsenklave im industriellen Verwertungsprozess: ein Hobby. Dafür hatte Theodor Adorno mit seinem erbarmungslosen Blick auf die industrielle Welt nur Hohn übrig. In seinem Essay «Freizeit» (1977) bezeichnete er Hobbys als Pseudoaktivität: «Fehlgeleitete Spontaneität. Fehlgeleitet aber nicht zufällig, sondern weil die Menschen dumpf ahnen, wie schwer sie ändern könnten, was auf ihnen lastet. Lieber lassen sie in scheinhafte, illusionäre Betätigungen, in institutionalisierte Ersatzbefriedigungen sich abdrängen.»
Es gibt kein wahres handwerkliches Tun im falschen industriellen Produktionsprozess. Hobbyhandwerker – so Adorno zynisch – werden «im Interesse der Spezialindustrie dazu animiert, das selbst zu tun, was andere besser und einfacher für sie tun könnten und was sie zutiefst ihrerseits eben darum verachten müssen».
Der lustvolle Wille zur Anstrengung
Doch es gibt auch eine optimistischere Deutung. Adornos Kritik trifft den ökonomischen Status des Hobbys, nicht aber dessen existenzielle Bedeutung. Es ist der lustvolle Wille zur Anstrengung, der Handwerk heute auf unerwartete Weise wieder in den Fokus rückt. Als ob der Mensch, all der Entlastungen durch die Maschine überdrüssig, sich seiner selbst gerade durch freiwillige «Belastungen» vergewissern wollte.
Hobbys zeichnen sich oft durch Merkmale aus, die vielen heutigen Berufen abhandengekommen sind: die ungeteilte Konzentration auf eine einzelne Aufgabe; ein Können, das sich in der Verbindung von Übung, Erfahrung und Urteilskraft entfaltet; die Möglichkeit, sich ein Leben lang an einer Fähigkeit weiterzuentwickeln. Im Hobby können wir uns vorstellen, wie unsere Arbeit eigentlich sein sollte.
Die Automatisierung schreitet voran, und deshalb wird unsere Sehnsucht nach anspruchsvollen, auf Können beruhenden Hobbys vermutlich nur noch weiter zunehmen. Es geht letztlich nicht um das eigene Sauerteigbrot oder die handgetöpferte Tasse, sondern um das Ethos des Handwerks – um eine Haltung, die Können, Aufmerksamkeit und Sorgfalt um ihrer selbst willen wertschätzt. In diesem Sinne gibt es übrigens auch geistiges Handwerk (darüber in einem anderen Stück).
Die Dialektik des technischen Fortschritts
Das Paradox, das ich zu Beginn angesprochen habe, ist Symptom einer Dialektik des technischen Fortschritts: Zunehmend technisierte Gesellschaften haben in den letzten zwei Jahrhunderten enorm viel Geist in die Arbeit investiert, um der Arbeit den Geist auszutreiben. Denn anders kann man eine Entwicklung kaum charakterisieren, die menschlichen Kenntnissen und Kompetenzen alles auspressen will, was sich an eine geistlose Maschine delegieren lässt. Und die Frage folgt natürlich auf dem Fuss: Was bleibt dann vom so ausgepressten Menschen übrig?
Diese Frage verleiht dem Handwerk eine Zukunftsperspektive – nicht als ökonomisch ernstzunehmende Produktionsweise, sondern als menschliche Seinsweise in technisch avancierten Gesellschaften. Es ist deshalb an der Zeit, diesen anthropologischen Sinn der Arbeit neu wahrzunehmen. Im Handwerk erfahren wir nicht nur, was wir herstellen, sondern wer wir werden können.