Judith Albert (*1969 in Alpnach) und Gery Hofer (*1958 in Emmenbrücke) haben in München im Stadtteil Bogenhausen einen prominenten Gestaltungswettbewerb am Maria-Nindl-Platz gewonnen. Sie realisierten mit dem «Salon der Gezeiten» ein begehbares Wasserspiel abseits üblicher Pfade: Ein Kunstwerk, das verschiedene Bedeutungsebenen miteinander verbindet.
Es mutet mehrfach absurd an: Der Maria-Nindl-Platz im Münchner Quartier Bogenhausen ist ein Rechteck, gesäumt auf allen Seiten von viergeschossiger moderner Stadtarchitektur. Mitten auf dem Platz steht eine Polstergruppe – schwere dunkle Sessel und Sofas nach Chesterfield-Design, wie man es in englischen Salons vor dem Cheminée erwartet, nicht aber hier im Freien. Sofas und Sessel muten weich an – sind sie aus Leder? – und laden ein zum Sich-Setzen und Sich-Ausruhen in den Polstern. Doch rasch wird man eines Bessern belehrt: Die Chesterfield-Gruppe ist harter dunkler Stein: Granit. Zusätzlich leuchtet über der Szenerie ein Mond, eine kugelförmige Laterne, die mit drei Seilen an Masten befestigt ist. Das Licht nimmt in langsamem Rhythmus zu und ab. In gleichem Rhythmus steigt Wasser aus dem Boden und bedeckt den leicht abgesenkten Bereich, wo die Sitzgruppe steht, bis zu einer Höhe von etwa 15 cm. Das Wasser fliesst in den Boden zurück und quillt erneut über den Platz. Im Bereich der Sitzgruppe sind, eine Art Teppich, rötlich gesprenkelte Steine («Rosso Balmoral» aus einem Steinbruch in Finnland) mosaikartig verlegt. Auf die gleichen Steine treffen wir in Münchens Innenstadt, auf dem Platz vor der Frauenkirche. So ergibt sich für jene, die sich auskennen, eine Verbindung zwischen Peripherie und dem Zentrum Münchens.
Die Sitzgruppe besteht aus dunkelgrauem, mit blauen Einschlüssen versehenem Granit «Labrador Emerald Pearl», den die Künstler in Norwegen fanden und der im in Larvik an der Südküste des Landes direkt am Meer gelegenen Steinbruch abgebaut wird. Die Formgebung basiert auf einem komplexen Verfahren: Zuerst wurden 3D-Scans realer Chesterfield-Sitzmöbel hergestellt und daraus in der Dimension gegenüber dem Original leicht veränderte digitale Modelle entwickelt, die schliesslich mittels CNC-Fräsen (computergesteuerte Fräsmaschinen) auf die massiven Granitblöcke übertragen wurden. In monatelanger Handarbeit gaben Handwerker abschliessend den steinernen Sitzmöbeln das Aussehen weichen Leders.
Zwischen Echtheit und Fake
Die Grenzen zwischen Hart und Weich und zwischen Realität und Fake überschritt Judith Albert schon früher: In der Kathedrale St. Ursen in Solothurn zum Beispiel gestaltete sie 2012 den Altar. Er besteht aus einem weissen Marmorblock, mutet aber an wie ein mit weissem Linnen bedeckter Tisch und sieht aus wie der Abendmahlstisch in Leonardo da Vincis «Cenacolo» in Mailand. Die Imitation ist so perfekt, dass schon Leute testend ans vermeintliche Altartuch griffen. Die Künstlerin, die Verankerungen ihres Schaffens in der Geschichte der Kunst immer wieder – auch in ihren Videos, die etwa Vallotton-Gemälde paraphrasieren – sucht, bezog sich mit diesem Altar nicht nur auf Leonardo, sondern auch auf die in der Kunstgeschichte gängige Praxis der Materialtäuschung. Ein Beispiel ist der Altar aus dem 17. Jahrhundert in einer Seitenkapelle von San Lorenzo in Mailand. Die Front des Altars wirkt wie ein textiles Antependium; dessen Falten sind aber in Stein gemeisselt.
Träumen von Ferien am Meer
Wer auf den Sesseln Platz genommen hat, spürt nicht nur den harten Granit, sondern bekommt auch bald nasse Füsse. Vielleicht ist er irritiert. Begehbaren Wasserspielen begegnet man manchenorts – in Bern auf dem Bundesplatz zum Beispiel oder in Chur im Bereich des Verwaltungsgebäudes der Rhätischen Bahn und des Bündner Kunstmuseums. Meist zischen Wasserstrahlen zur Freude der Kinder senkrecht nach oben. Judith Albert und Gery Hofer schwebte ein anderes Wasserspiel vor, und sie suchten nach einer neuen Idee und nach einer Lösung, die tiefer schürft und nach mehreren sich überkreuzenden, vielleicht sich ergänzenden oder widersprüchlichen – und gerade deswegen spannenden Deutungen ruft. Sie strebten eine Platzgestaltung an, die unterschiedliche Sinne und soziale Bedürfnisse anspricht.
«Salon der Gezeiten» nennt sich die Installation, gedacht als Bühne für gesellschaftliches Geschehen, als Treffpunkt für die Anwohner, die in den neuen Wohnung auf dem Areal der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne oder in der Seniorenresidenz am Platz leben und in den Geschäften um den Maria-Nindl-Platz, in der Bäckerei, im Pasta-Laden oder auf dem Wochenmarkt einkaufen, das Kulturzentrum «Neue Ziegelei» mit vielfältigem Angeboten an Konzerten, Ausstellungen, Vorträgen Filmvorführungen und die Sozialzentren mit Begegnungsräumen aufsuchen oder in den Restaurants am Platz essen. Es gibt ferner eine kleine Buchhandlung, ein grosses Velo-Reparatur-Zentrum, eine Apotheke und eine Grundschule mit Spielplatz. Die Gezeiten Ebbe und Flut sind hier nicht real erlebbar. An sie erinnern aber das Hervorquellen und wieder Zurückströmen des Wassers und das synchron zum Wasser rhythmisierte An- und Abschwellen des Mondlichts.
Die Chesterfield-Sessel und -Sofas wurden aus den Wohnungen hinaus auf den Platz gebracht. Da gehören diese Polstermöbel, Inbegriff bürgerlicher Behaglichkeit, nicht hin, es sei denn, sie seien aus gegenüber Regen und Witterung unempfindlichem Material wie Stein. Dann aber können sie zusätzlich die Illusion einer südländischen Ferien-Szenerie am Strand heraufbeschwören, von der manche so gerne träumen. Da überlagern sich die Bedeutungsebenen und kreuzen sich Assoziationsstränge. So führt ein Geflecht von Ideen und Denkrichtungen zu einer Erlebnisdichte, die den Benützern und Benützerinnen der Anlage vielleicht nicht bewusst wird, unterschwellig jedoch einen Aufenthalt in diesem Aussenraum prägt und verschiedene und auch gegensätzliche Erinnerungen wachruft. Zum Beispiel verankert die Installation den aufs Ganze gesehen bloss lokal gesehenen Maria-Nindl-Platz im grossen Geschehen des weltweit wichtigsten «Wasserspiels» – in der unablässigen rhythmischen Bewegung der Weltmeere, im ewigen Auf-und-Ab von Flut und Ebbe. In dieser Überlagerung von Bedeutungsebenen und der damit verbundenen Erlebnisdichte mag das begründet sein, was die Qualität eines Kunstwerkes ausmacht.
Schweizer Künstler in München
Wie kommen die Schweizer Künstler, die, trotz Ausstellungen im Ausland, bisher mit Kunst-am-Bau-Projekten meist in ihrem Heimatland in Erscheinung traten, zu einem prominenten Auftrag in der bayerischen Hauptstadt? Die Stadt München veranstaltete einen Wettbewerb unter fünf eingeladenen Künstlern aus verschiedenen Ländern – darunter auch Judith Albert, die sich zusammen mit Gery Hofer an dieser Ausschreibung beteiligte und «unbedingt gewinnen wollte», wie sie sagte. Warum sie eingeladen wurde, weiss sie nicht. Wahrscheinlich ist, dass jemand vom federführenden Bauamt der Stadt München von früheren Kunst-am-Bau-Projekten, zum Beispiel vom Altar in der Solothurner St. Ursen-Kathedrale (2012) oder von der grossen Wandgestaltung der Fachhochschule für Gesundheitsberufe in Winterthur (2020), von den skulpturalen Glasfenstern in der Collégiale in Neuenburg (2022), von ihrer Teilnahme an Arte Albigna im Bergell (2017) und von vielen anderen Kunstwerken im öffentlichen Raum oder von Ausstellungen Kenntnis hatte und Studio Judith Albert, wie sich die Künstlerin und ihr Partner nennen, wenn sie gemeinsam auftreten, aufgrund dieser Informationen empfahl.
Fragt man Judith Albert und Gery Hofer, wie die Zusammenarbeit mit Bauämtern und Behörden während der langen Realisierungsphase verlief, hört man nur Positives. Sie konnten auch von umfangreichen Vorleistungen profitieren. So suchte die Bauherrschaft zum Beispiel im Vorfeld des Wettbewerbs Kontakt zur Bevölkerung, um zu erfahren, was die Leute von einer Gestaltung «ihres» Quartierplatzes erwarten und was sie sich wünschen. Offenbar ist das gelungen. Wie Judith Albert und Gery Hofer sagen, hat die Bevölkerung den «Salon der Gezeiten» akzeptiert. Er wird genutzt, wurde zur Zone der Begegnung und setzt einen städtebaulich wichtigen Akzent in diesem Münchner Stadtteil. Das zeigte auch ein Augenschein an sonnigen Herbsttagen: Es floss kein Wasser, denn die Stadt München stellt alle rund 700 Brunnen auf Stadtgebiet vom Oktober bis in den Frühling ab. Die Herbstsonne wärmte die dunklen Steinsessel, auf denen junge Mütter Platz nahmen, während die Kinder spielten. Auch auf anderen Sitzen – Steinquader unterschiedlicher Höhe – sassen Leute. Der Veloverkehr war dicht, und im italienischen Kaffee sassen recht viele Quartierbewohner. Der Maria-Nindl-Platz schien Zentrum einer ausgedehnten Wohnsiedlung zu sein, die über den «Salon der Gezeiten» hinaus sorgfältig gestaltet ist. Es gibt Bäume; ihr Schatten wird in ein paar Jahren dichter sein. Am Boden wächst spontan allerlei gemischtes Grün, durchsetzt von Blumen und Fruchtständen. Es gibt Kieswege, auf denen sich flanieren lässt.
Die Künstler erhielten wassertechnische Unterstützung und Hilfe im Baumanagement des «Salons der Gezeiten», denn unter dem «Salon der Gezeiten» befindet sich die notwendige Infrastruktur für den Brunnen, eine Brunnenstube und ein Raum, der die elektronische Steuerung des Wasserflusses und des Mondlichtes aufnimmt. Das Wasser fliesst aus einem Tank ins Freie und wieder in den Tank zurück; es wird immer wieder gereinigt und hat Schwimmbad-Qualität. Die Anlage muss regelmässig gewartet werden, damit sie funktionstüchtig bleibt. Diese Aufgabe liegt beim Brunnentrupp der Stadt München.
Wer ist Maria Nindl?
Der Name des Platzes klingt für unsere Ohren ungewohnt, doch die Leute vor Ort wissen wohl Bescheid über die Namengeberin: Maria Nindl (1936–2012) war von 1972 bis 2002 Stadträtin. Der Münchner Stadtrat, das Stadtparlament, zählt 80 Mitglieder. Maria Nindl gehörte der SPD an. Schwerpunkte ihrer politischen Tätigkeit lagen in den Bereichen Schule und Sport. Darüber hinaus engagierte sie sich in zahlreichen Vereinen des Stadtbezirksteils Oberföhring, der zu Bogenhausen gehört. Für ihren Einsatz wurde sie unter anderem mit der «Goldenen Bürgermedaille der Landeshauptstadt München», der «Medaille München leuchtet» und dem «Ehrenring in Gold» ausgezeichnet. Der Name der sozial engagierten Politikerin passt damit zum «Salon der Gezeiten» als Ort der Begegnung und der sozialen und kulturellen Angebote in den umliegenden Bauten.
Judith Albert (geboren 1969 in Alpnach) besuchte nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris die Schule für Gestaltung in Luzern und anschliessend die Höhere Schule für Gestaltung in Zürich. Mehrere längere Aufenthalte im Ausland (Genua, Paris, London). Sie lebt und arbeitet in Zürich und ist in verschiedenen Bereichen (Video, Skulptur, Zeichnung, Installation) tätig. Viele Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in der Schweiz und im Ausland. Seit 2006 arbeitet sie für zahlreiche Konzepte im öffentlichen Raum mit Geri Hofer (geboren 1958 und aufgewachsen in Emmenbrücke) zusammen.
In den Wintermonaten setzt die Stadt München alle der insgesamt gegen 700 Brunnen aus Sicherheitsgründen und wegen möglicher Kälteschäden an den Wasseranlagen ausser Betrieb.
Zu erreichen ist der Maria-Nindl-Platz mit den Tram 16 und 17 ab Hauptbahnhof Richtung St. Emmeran bis Haltestelle «Prinz-Eugen-Park».