Es gibt ein Trägheitsprinzip des Denkens: Einmal eingeschlagene Denkrichtungen werden auch dann beibehalten, wenn sie auf Widerstand stossen. Warum ist es oft so schwierig, Überzeugungen aufzugeben, wenn sie sich als Irrtum herausstellen? Darauf gibt es diverse Antworten.
Zunächst eine Erkenntnistheoretische: Wir sind schlechte Falsifizierer. Wir alle haben Überzeugungen, die wir nicht oder nur unter grösstem Widerstreben aufzugeben bereit sind. Auch nicht, wenn Fakten gegen sie sprechen. Das ist zumal heute darauf zurückzuführen, dass wir mit dem Wissenswachstum, trotz guter Zugangsmöglichkeiten zum Wissen, nicht Schritt halten.
Überzeugungen als intellektuelle Kleider
Der Einbau in unser vertrautes Weltbild entpuppt sich als verzwickt, weil das Neue sich oft nicht verträgt mit dem Vertrauten. Wir können und wollen nicht ständig umbauen. Eher denken wir in der gemütlichen Balance des Vertrauten falsch, als dass wir die Falschheit entdecken und das Vertraute in Schieflage bringen. Die Psychologen sprechen vom «Rückschlageffekt» («backfire effect»): Eine verwurzelte Überzeugung wird von widersprechenden Fakten umso mehr bestärkt.
Dafür liefert die Biologie eine Erklärung. Überzeugungen, die evolutionär erprobt worden sind und sich bewährt haben, sind sozusagen das Erbe des Überlebenskampfes. Sie dienen dem Fortbestand der Spezies. Man wäre ja evolutionär dumm, würde man sie mir nichts dir nichts wegwerfen.
Überzeugungen sind so etwas wie intellektuelle Kleidung. Ist das Klima rau, trägt man robustes, wetterfestes Material. Es schützt uns vor den Zumutungen und Unwägbarkeiten der Umwelt. Aber es kann auch dazu führen, dass wir trotz Witterungswechsel die Kleider nicht wechseln – und so nicht erkennen, dass sich die Wirklichkeit geändert hat.
Das Drama im Gehirn
Das schlägt sich natürlich auch im Gehirn nieder. In ihrem Buch «Denying to the Grave» zeichnen Sara Gorman und Jack Gorman ein Drama zwischen neuronalem Belohnungs- und Angstzentrum. Wenn eine Idee in uns das Gefühl der Belohnung weckt, suchen wir es immer wieder. Jedesmal wird das Belohnungszentrum aktiviert, und andere Teile des Hirns assistieren dabei, die Idee zu fixieren. Versuchen wir jedoch, unsere Meinung zu ändern, warnt uns das Angstzentrum. Es kann Vernunft und Logik gegen diese Fixierung mobilisieren, aber es handelt sich um eine langsame Aktion, und sie verlangt ein erhebliches Mass an Entschlossenheit und Anstrengung. Deshalb ist es unnatürlich und unangenehm, unsere Überzeugungen zu ändern, und darin spiegelt sich die Arbeitsweise unseres Hirns.
Es scheint, dass wir, indem wir gegen festes Überzeugtsein ankämpfen, eigentlich immer auch gegen unsere Biologie kämpfen: quasi Geist gegen Gehirn.
Ideen mit hoheitlichem Gepräge
Vom Gehirn führt der Weg ziemlich direkt zur Psyche. Überzeugungen können so tief in unser Selbstverständnis einsinken, dass wir mit ihrer Aufgabe nicht bloss eine Meinung, sondern ein Stück unserer Identität preiszugeben glauben.
Besonders Überzeugungen, die davon abhängen, wie andere uns wahrnehmen, neigen zu kognitiver Trägheit. Das zeigt sich vor allem bei einem Menschenschlag, der sich berufsmässig mit Ideen und Überzeugungen abgibt: beim Intellektuellen. Man denke etwa an einen Kolumnisten, der sich einen Namen als Sprachrohr einer bestimmten Überzeugung gemacht hat. Ändert er sie, gibt er ein Berufswerkzeug aus der Hand. Er riskiert, dass ein Teil seiner Leser, seiner Berufskollegen und Bekannten sich abwendet. Er verliert sein Ansehen, seine soziale Identität.
Gerade «Meisterdenker» sind dieser Verführung ausgesetzt. Haben sie erst ein gewisses Renommee erworben, erhalten auch ihre Ideen hoheitliches Gepräge, sozusagen den status majestatis. Der Philosoph und Soziologe Raymond Aron beschreibt diese Transformation bei seinem Freund Jean Paul Sartre: «Lange Zeit suchte Sartre nach sich selbst und legte mir mit Vergnügen seine Ideen des Tages dar; wenn ich sie in Stücke riss oder, häufiger, ihre Zweideutigkeiten oder Widersprüche aufdeckte, akzeptierte er die Kritik, weil er sie gerade erst entwickelt und noch nicht endgültig angenommen hatte. [...] [Später] verteidigte er sie, weil er sie im wahrsten Sinne des Wortes als seine eigenen betrachtete.»
Der IKEA-Effekt
In der Verhaltensökonomik kennt man den IKEA-Effekt: Selbst entworfene oder zusammengebaute Gegenstände schätzt man höher ein als Fertigprodukte. Man ersetzt sie deshalb widerwillig durch professionell gefertigte Stücke, auch wenn diese sich als qualitativ überlegen erweisen.
Ähnliches lässt sich bei selbst gebastelten Erklärungsmustern beobachten – etwa bei Versuchen, Klimawandel, Epidemien oder gesellschaftliche Krisen zu erklären. Auch hier kann die Eigenleistung den Blick auf die Qualität des Ergebnisses verstellen. Man hält an einer Erklärung fest, nicht unbedingt, weil die Evidenz am besten für sie spricht, sondern weil man sie selbst konstruiert hat. Die Mühe des Denkens wird mit der Wahrheit des Gedachten verwechselt.
Hyperinvestition an Intelligenz
Damit hängt ein interessantes Phänomen aus der Ökonomie zusammen: der Sunk-Cost-Fehlschluss. Eine Entscheidung wird nicht aufgegeben, weil man bereits zu viel in sie investiert hat – an Zeit, Geld oder Mühe –, selbst wenn sich längst abzeichnet, dass es vernünftiger wäre, sie aufzugeben.
Denken braucht Anstrengung, verursacht also intellektuelle Kosten. Investiert man hohe Kosten in eine Überzeugung, dann fällt es von einem Point of No Return an schwer, sie über Bord zu werfen, auch wenn sie sich als Fehler herausstellt. Man investiert im Gegenteil noch mehr Scharfsinn in sie, um den Irrtum verzweifelt zu retten. Es kommt gleichsam zur Hyperinvestition. Vom Irrtum zum Irrsinn ist es dann oft nicht weit.
Meinungsvielfalt als Tragik der Allmende
Es gibt auf kollektiver Ebene ein verwandtes Phänomen: die sogenannte «Tragik der Allmende». Mehrere Hirten lassen ihre Tiere auf einer gemeinsam genutzten Weide grasen. Nun treibt ein Hirte ein zusätzliches Tier auf die Wiese. Er zieht daraus einen individuellen Nutzen. Das sehen auch die anderen Hirten. Sie haben keinen Grund, auf ihren eigenen Vorteil zu verzichten. Auch sie treiben weitere Tiere auf die Weide. Sie wird allmählich übernutzt, bis schliesslich alle die Ressource verlieren, von der sie abhängig sind.
Ein vergleichbarer Mechanismus lässt sich in der öffentlichen Meinungsbildung beobachten. Eigentlich könnte sie eine intellektuelle Allmende sein, auf der alle zu einem Gemeingut beitragen: objektives Wissen. Die digitalen Plattformen der heutigen Medien zerstückeln allerdings diese Allmende. Jeder Einzelne kann seine Überzeugung vertreten und daran festhalten, ohne sich einem gemeinsamen Massstab wie Faktentreue verpflichtet zu fühlen. Gerade bei kontrovers diskutierten Themen wie Klimawandel, Pandemie, Umweltzerstörung oder Migration kursieren Behauptungen, die einer sorgfältigen Prüfung nicht standhalten.
Und trotzdem kuratiert man sie in gut bewachten Meinungsgehegen. Die Kosten einer solchen Ausbeutung der intellektuellen Allmende – häufig verwechselt mit Meinungsvielfalt - sind Verwirrung, Polarisierung, Vertrauensverlust und die Erosion gemeinsamer Wissensgrundlagen. Der Aufmerksamkeitsnutzen ist individuell, die epistemischen Kosten sind kollektiv.
Die Illusion, aufgeklärt zu sein
Die Liste ist beileibe nicht vollständig. Und meine Beispiele haben ein Bias, wird man mir entgegenhalten. Das stimmt. Ich gebe gern zu, dass ein gewisses Festhalten an Überzeugungen oft Orientierung gewährleistet, zumal in einem wechselhaften Meinungsklima wie dem heutigen. Ich hüte mich auch davor, einfach von Dummheit zu reden. Mit dem kognitiven Trägheitsprinzip möchte ich nur ein allzu wohlwollendes Selbstbild des Menschen relativieren. Wir Modernen bilden uns gerne ein, dank Wissenschaft und Technik, rationaler Politik und Wirtschaft unsere evolutionär geprägten Denkgewohnheiten überwunden zu haben. Genau diese «Einbildung» ist die Unvernunft unserer Zeit.
Das Trägheitsprinzip des Denkens stellt sich also nicht in den Dienst der Irrationalität, sondern hilft der Vernunft, sich gegen ihre eigenen Schwächen zu behaupten. Aber dazu muss man diese Schwächen erst erkennen. Aufklärung bedeutet auch, sich von der Illusion zu lösen, man sei bereits aufgeklärt.