Auch wenn die Machthaber die Proteste mit exzessiver Gewalt einmal mehr weitgehend ersticken konnten, ist ihre Position alles andere als stabil. Das Volk wendet sich von religiös-ideologischen Heilslehren ab und will einfach einen Staat, der funktioniert.
Die Proteste im Iran haben das Stadium der symbolischen Empörung längst hinter sich gelassen. Erstmals seit dem Ende des Iran-Israel-Krieges im Sommer 2025 wird wieder offen die Machtfrage gestellt. Die Zahl der Toten ist erschütternd: Nach Berichten internationaler Agenturen beläuft sich die Zahl der Opfer auf mehrere Tausend, Schätzungen iranischer Krankenhausquellen sprechen von über 10‘000 Getöteten. Das Regime reagiert mit einer Eskalation, die weit über das bisher bekannte Mass der Repression hinausgeht.
An der Front der Staatsgewalt stehen die Basidsch-Milizen, unterstützt von den Revolutionsgarden (Pasdaran) und zum Teil auch von regulären Armeeeinheiten. Diese Allianz militärischer Gewaltinstrumente zeigt, dass die Führung des Landes nicht mehr zwischen interner Stabilisierung und äusserer Bedrohung unterscheidet. Der Gegner ist nicht mehr der äussere Feind, sondern die Bevölkerung selbst.
Die Islamische Republik ist damit in eine klassische Phase systemischer Selbstverteidigung eingetreten. Die Exekution der Macht wird zum Selbstzweck, die politische Ordnung reduziert sich auf den Erhalt ihrer physischen Infrastruktur. Es ist der Moment, in dem ein Regime erkennt, dass Legitimität durch Kontrolle nicht zu ersetzen ist.
Das duale Machtgefüge
Wer die gegenwärtige Entwicklung begreifen will, muss das institutionelle Gleichgewicht der Islamischen Republik verstehen. Der iranische Staat gründet auf zwei Machtachsen: der «islamischen Regierung», bestehend aus Parlament, Präsident und Justiz, und der «Islamischen Revolution», repräsentiert durch Revolutionsgarden, Basidsch, religiöse Stiftungen und den Obersten Führer.
Die erste Achse sichert das republikanische Erscheinungsbild, die zweite stabilisiert den autoritären Kern. Seit 2012 hat sich das Gewicht immer stärker zugunsten der «Revolution» verschoben. Die Funktionen der gewählten Institutionen wurden sukzessive entleert, die Entscheidungszentren konzentrierten sich auf die parallelen Machtapparate der Garden.
Diese Entwicklung zeigt nun ihre Konsequenzen. Die politische Steuerungsfähigkeit der Regierung ist minimal, die Verwaltungskrise in Infrastruktur und Versorgung unübersehbar. Das Land wird von jenen verwaltet, die aus der Fortsetzung des Ausnahmezustands ihre materielle Existenz ableiten. Damit ähnelt das iranische Regime heute weniger einer Theokratie als einem sicherheitspolitischen Kartell.
Ideologischer Erosionsprozess
Parallel zu dieser strukturellen Verhärtung vollzieht sich ein Verlust an Überzeugungskraft. Der Khomeinismus, ursprünglich als religiös-utopischer Entwurf einer gerechten Gesellschaft gedacht, hat seine ideologische Substanz weitgehend eingebüsst. Khomeini verband die eschatologische Erwartung der Schia mit dem Auftrag zu staatlichem Handeln. Die «Herrschaft der Rechtsgelehrten» sollte die Voraussetzung schaffen, unter der der verborgene Imam eines Tages zurückkehren könne.
Diese Transformation der Religion in eine politische Utopie verschob die Schia vom spirituellen Quietismus zu einem aktivistischen Erlösungsmodell. Der geschichtliche Erfolg dieser Theologie bestand in ihrer Mobilisierungsfähigkeit, ihr Scheitern in der institutionellen Erstarrung. Aus der «Islamischen Revolution» wurde ein System zur Verwaltung der Revolution – eine Funktionärsordnung mit sakraler Legitimation.
Khomeinis Nachfolger machten diese Verbindung aus Religion und Nationalismus zum Kern des Staatsverständnisses. Der Islam wurde zur kulturellen Signatur iranischer Souveränität, nicht mehr zur moralischen Instanz. Dass etwa die Bedeckung der Frau als «nationales Symbol» interpretiert wurde, steht exemplarisch für diese Verschiebung: Die Religion legitimiert die Nation, und die Nation heiligt die Herrschaft.
Eine postutopische Gesellschaft
Die gegenwärtige Protestbewegung unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von der Revolution von 1979: Sie verfügt über keine geschlossene Erzählung. Der Aufstand richtet sich gegen das Bestehende, nicht im Namen einer neuen Ordnung, sondern aus dem Fehlen jeder Ordnungsidee heraus.
Das gibt ihr Breite und gesellschaftliche Resonanz, nimmt ihr aber zugleich strategische Tiefe. Die Forderung nach Säkularität, die aus den Angriffen auf Moscheen und Heiligtümer spricht, verweist auf eine Entmythologisierung politischer Wahrheiten. In einer Gesellschaft, deren religiöse Institutionen selbst zum Instrument staatlicher Kontrolle geworden sind, ist die Säkularität keine weltanschauliche Position, sondern ein Ausdruck sozialer Selbstbehauptung.
Diese Bewegung ist nicht antiislamisch, sondern postideologisch. Ihr Motiv ist nicht mehr Erlösung, sondern Funktionsfähigkeit. Damit bricht sie mit der grossen ideologischen Tradition des 20. Jahrhunderts und steht zugleich vor demselben Problem, das postutopische Gesellschaften generell kennzeichnet: der Mangel an gemeinsamer Zielbeschreibung.
Geopolitischer Druck und innere Schwäche
Im Schatten dieser inneren Auseinandersetzung steigert sich zugleich der äussere Druck. Die politisch-militärische Kommunikation zwischen Teheran und Washington hat seit Sommer 2025 eine neue Eskalationsstufe erreicht. Der amerikanische Präsident Donald Trump spricht erneut von «Führungswechsel». Der iranische Sicherheitsapparat wertet dies als unmittelbare Bedrohung und rechtfertigt seine Repression mit dem Verweis auf fremdgesteuerte Aufrührer.
Die Rückkehr des Narrativs der Konfrontation verleiht dem Regime kurzfristig Handlungsfreiheit, schwächt aber langfristig die Integrationskraft. Die Bevölkerung folgt den Aufrufen zur Verteidigung der «islamischen Identität» nicht mehr. Patriotismus funktioniert nicht gegen Hunger, Wasserknappheit und Inflation. Der alte Mechanismus, äusseren Druck in Loyalität zu übersetzen, verliert seine Wirkung.
Systemische Optionen
Ein geordneter Übergang scheint derzeit unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Die Protestbewegung selbst verfügt über keine politische Führung, die militärischen Strukturen sind in sich fragmentiert, die religiöse Autorität des Obersten Führers Ali Khamenei ist erschöpft, ohne dass bislang eine institutionelle Alternative erkennbar wäre.
Denkbar ist, dass aus den Reihen der Revolutionsgarden oder der Armee ein Machtzirkel entsteht, der – im Namen der Stabilität – auf eine kontrollierte Reform setzt. Ein iranischer «Gorbatschow-Moment», also die Transformation des Systems durch seine eigenen Eliten, wäre ein historisches Novum. Wahrscheinlicher ist jedoch eine Fortsetzung der Eskalation, bei der die Staatsgewalt versucht, Loyalität durch Furcht zu ersetzen – eine Strategie, die in der Geschichte autoritärer Staaten selten langfristig funktioniert hat.
Die Restauration monarchischer Symbole, wie sie Exilgruppen um Reza Pahlavi propagieren, bleibt dagegen ein Randphänomen. Der Rückgriff auf die Erinnerung an den Vor-Khomeini-Iran besitzt für die junge Generation keine emotionale oder politische Bedeutung. Das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft ist nicht restaurativ, sondern entleert. Der Verlust an Utopie wird nicht durch Nostalgie kompensiert.
Eine «Revolution» im Zustand der Auflösung
Der Iran befindet sich in einem Zwischenzustand: Die Grundlagen der Islamischen Republik sind politisch wie ideologisch erodiert, doch eine neue Ordnung ist nicht in Sicht. Was als religiös legitimierte Revolution begann, mündete in eine Struktur militanter Selbsterhaltung.
Die Machtfrage ist offen, die Systemfrage ungelöst. In dieser Spannung liegt die eigentliche Dynamik des gegenwärtigen Aufstands: Er zerstört die dogmatische Legitimation, ohne selbst eine neue zu stiften. Damit markiert er womöglich das Ende der grossen politischen Erzählungen im Iran – und den Beginn einer sehr langsamen, unideologischen Normalisierung.