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Iran

Die Islamische Republik im Überlebenskampf

22. März 2026
Ali Sadrzadeh
Mojtaba Khamenei
Mojtaba Khamenei wurde seit der Ermordnung seines Vaters weder in der Öffentlichkeit noch am Fernsehen gesehen. (Keystone/AP/Vahid Salemi)

Mojtaba Khamenei ist nicht präsentabel. Das lässt sich seit dem vergangenen Freitagnachmittag mit Sicherheit behaupten. Über andere Spekulationen – Tod, Koma, Entstellung oder leichte Verletzung – könnte man ebenfalls lange diskutieren. 

Sekundengenau mit dem Frühlingsanfang feiert man im Iran den Beginn eines neuen Jahres – Nowruz. Unmittelbar nach Jahresbeginn strahlt das staatliche Fernsehen traditionell eine Ansprache des Revolutionsführers aus. Seit Bestehen der Islamischen Republik ist dies ein unverrückbares Ritual. Schon vor der Revolution war es der Schah, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Bildschirm erschien.

Doch am vergangenen Freitag, exakt um 15:45 Uhr – in jener Sekunde, in der die Sonne senkrecht über dem Äquator stand – erschien nicht der Führer, sondern ein Nachrichtensprecher auf den Bildschirmen in Teheran. Er verlas eine Botschaft des neuen Führers, die ebenso lang wie unerquicklich war. Diese beinahe historische Episode ist kein blosser Hinweis, sondern ein glaubwürdiger Beleg dafür, dass Mojtaba entweder nicht verfügbar ist oder nicht gezeigt werden konnte beziehungsweise sollte. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein US-Politiker behauptete, Mojtaba sei schwer verletzt oder entstellt. Wie dem auch sei.

Die verlesene Neujahrsbotschaft, die im Grunde einem militärischen Kommuniqué der Revolutionsgarden glich, enthielt zugleich zwei sehr wichtige Ankündigungen: Erstens würden die Angriffe auf die Golfstaaten fortgesetzt, da sich dort US-Militärbasen befänden. Zweitens wurde erklärt, die jüngsten Attacken auf Oman und die Türkei seien Machwerke der «Zionisten», die Irans gute Beziehungen zu diesen Ländern beschädigen wollten. Das ist zumindest eine Schutzbehauptung und zugleich ein klarer Hinweis darauf, wie und von wem dieser Krieg in der Islamischen Republik geführt wird.

Einen «War Room» gibt es nicht

Nach der gezielten Tötung von Ali Khamenei sowie bislang zwanzig hochrangigen Führungsoffizieren stellt sich die Frage, ob im Iran derzeit überhaupt so etwas wie eine Generalstabsführung existiert – ob es also einen «War Room» gibt, in dem analysiert, entschieden und Ziele festgelegt werden. Die Antwort lautet klar: nein.

Das war von Anfang an so, und erst recht nach der Tötung des Chefstrategen Ali Larijani sowie des Geheimdienstministers Khatibzadeh. Die Machtverhältnisse in der Republik haben sich verschoben – hin zu noch größerer Radikalität. Der Hardliner der ersten Stunde, Hossein Dehghan, folgt Larijani im Nationalen Sicherheitsrat nach. Dehghan war 1983 – vier Jahre nach der Revolution – offenbar am Bombenanschlag auf die Kaserne des US-Marinekorps in Beirut beteiligt. Mit diesem spektakulären Attentat, bei dem 241 amerikanische Soldaten ums Leben kamen, traten die libanesische Hisbollah und die junge Islamische Republik gemeinsam auf die Weltbühne. Seitdem steht Dehghan auf der Sanktionsliste der US-Regierung. Er war später Leiter der militärischen Industrieproduktion und Berater von Ali Khamenei.

Das Geheimdienstministerium soll nun von Mostapha Pour Mohammadi geführt werden. Als 1988 innerhalb weniger Wochen rund 6000 politische Gefangene in den Gefängnissen der Islamischen Republik hingerichtet wurden, fungierte der damals 28-jährige Mullah als Richter und zugleich als stellvertretender Geheimdienstminister.

So besetzen nach der gezielten Enthauptungsstrategie durch die USA und Israel hartgesottene Ideologen die Schlüsselpositionen.

Mosaikverteidigung

Im militärischen Bereich folgt man einer Anweisung Ali Khameneis, die er am 7. Juni 2017 öffentlich formulierte:
«Ich sage all diesen ideologischen, kulturellen und praktischen dschihadistischen Zellen im ganzen Land immer wieder: Macht einfach weiter mit eurer Arbeit – unabhängig und, wie man auf dem Schlachtfeld sagt: ‹Feuert nach Belieben›»

Das war keine Propaganda, sondern die offen ausgesprochene Strategie für einen asymmetrischen Krieg – nach innen wie nach aussen.

Nun feuert die Islamische Republik tatsächlich nach Belieben – und zwar gegen zwei Militärmächte, die sie kontinuierlich aus der Luft angreifen. Die Golfstaaten dienen dabei als weiche Ziele. Diese zweischneidige Strategie ist gewagt und zugleich äußerst gefährlich, denn jeder örtliche Kommandant kann nach eigenem Ermessen entscheiden und handeln. Das kann sich als fatal erweisen, wie die Raketenangriffe auf das Nato-Mitglied Türkei oder auf Oman zeigen, das sich inzwischen zu einer Art Zufluchtsort für Familienangehörige von Regimevertretern entwickelt hat.

Nur vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, warum sich der neue Führer genötigt sah, die «Zionisten» zu beschuldigen.

Mitunter wirkt dieses Vorgehen jedoch peinlich, ja geradezu lächerlich – so etwa am Sonntagmorgen: Um sieben Uhr rief das iranische Fernsehen alle Bewohner Dohas, der Hauptstadt Katars, dazu auf, die Stadt sofort zu verlassen. Eine halbe Stunde später verlas ein Nachrichtensprecher folgende Meldung:

«Wir entschuldigen uns bei unseren geschätzten Zuschauern für die Veröffentlichung eines Beitrags über eine Evakuierungswarnung für Doha. Da es sich um inoffizielle Informationen handelte, die auf gut informierten Quellen beruhten, wird dieser Bericht hiermit dementiert.»

Katar war jahrzehntelang bemüht, zwischen Iran und den USA zu vermitteln. Der Fernsehsender Al Jazeera agierte lange Zeit wie ein inoffizielles Sprachrohr der Islamischen Republik.

Wie lange diese Mosaikstrategie der Revolutionsgarden funktionieren kann, bleibt abzuwarten. Das hängt unter anderem von den vorhandenen Raketen- und Drohnenbeständen ab. Einstweilen hat dieses asymmetrische Vorgehen weltweit für Verunsicherung gesorgt.

Dieser Ansatz ist zugleich eine Überlebensstrategie: Der Krieg soll in einen Zermürbungskrieg verwandelt werden. Zwei Tage vor Kriegsbeginn hatte Aussenminister Araghchi in einem Interview gewarnt, ein Krieg gegen den Iran werde genau dazu führen. Er selbst war einst Mitglied der Revolutionsgarden, bevor er ins Aussenministerium wechselte.

Das eigentliche Ziel dieses Systems besteht offenbar darin, eine «blitzartige Niederlage» zu verhindern. Die Mosaikverteidigung bildet dabei Strategie und Taktik zugleich: Feuer nach Belieben.

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