Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Gabi Fuhrimann in Aarau

Die Figur und ihr Raum

2. Oktober 2026
Niklaus Oberholzer
Gabi Fuhrimann
Gabi Fuhrimann: Ohne Titel, undatiert, Öl auf Holz

Gabi Fuhrimann, die 2021 im Alter von 63 Jahren starb, hinterliess ein konzentriertes malerisches Werk von durchgehend grosser Eindringlichkeit. Nun widmet ihr das Aargauer Kunsthaus Aarau eine Ausstellung in der Reihe «Sammlung im Fokus».

Die Ausstellung ist nicht sehr umfangreich. Sie umfasst drei kleine Räume im Untergeschoss des Aargauer Kunsthauses und beruht weitgehend auf eigenen Beständen, die zusammen mit Leihgaben aus dem Nachlass der Künstlerin gezeigt werden. Das passt zur Künstlerin, die nicht laute Töne und grosses Aufsehen suchte und die allem Modischen auswich, um sich auf das zu konzentrieren, was ihr wichtig schien: auf behutsames Handwerk, Qualität, Entschiedenheit, auf ihre eigene intime Sicht auf die Dinge und auf sich selbst und ihre eigene künstlerische Position. 

Das Technische vorweg: Gabi Fuhrimann malte in Ölfarben auf alte Holzplatten. Die Künstlerin suchte nicht das Leichtfüssig-Flüchtige (Aquarelle sind seltene Ausnahmen), sondern eher den Widerstand des Materials. Die von den Spuren ihres Alterns geprägten Holzplatten sind oft quadratisch oder annährend quadratisch, sie sind mehrheitlich kleinen Formats und dick. Auch das bewusst gewählte Material und seine konkrete Beschaffenheit sind ein Beleg dafür, dass die Malerin nicht die grosse Geste suchte und Wünschen von Kunsthallen und ähnlichen, auf internationalen Ruf bedachten Institutionen kaum entsprechen wollte. Sie bevorzugte Stille und Ruhe. 

Thematisch herrscht die Frauenfigur vor, wobei meist offenbleibt, wen die Malereien zeigen. Teils sind es in den Bildtiteln genannte Schriftstellerinnen wie Ingeborg Bachmann, Jane Bowles oder Elizabeth Bishop. Einige Bilder sind Selbstporträts, andere scheinen zufällig und flüchtig gesehene Strassenszenen aufzuzeichnen. In wieder anderen glaubt man die Künstlerin selbst zu entdecken, auch wenn sie nicht von Selbstporträts spricht. 

Der Akt des Sehens

Ein um 1990 entstandenes, so bezeichnetes Selbstporträt zeigt die dunkelhaarige Malerin, deren schwarze Augen uns zu fixieren scheinen. Das Irritierende an diesem Bild ist der Hintergrund. Gabi Fuhrimann steht in blauem Jupe und schwarzem Pullover in einem Raum mit hellblauer Tapete und leuchtend rotem Boden. 

Gabi Fuhrimann
Gabi Fuhrimann: Selbstportrait, um 1990, Öl auf Holz

Auffallend sind die zahlreichen verschiedenfarbigen Augen, die im Raum zu schweben scheinen und die – zusammen mit den dunklen, starr, aber sehr wach blickenden Augen der Künstlerin – den Akt des Sehens, die optische Wahrnehmung thematisiert, die den Kontakt des Künstlerinnen-Ichs zu seinem Umfeld gewährleistet. Ebenso stellt der Akt des Sehens die Malerei in den Dienst der Selbstwahrnehmung. Das belegt eine grössere Arbeit, in der sie mehrere ihrer eigenen kleinen Bilder zeigt und, wie eine Referenz gegenüber dem Medium Malerei, Details von Courbets Atelier-Bild zitiert – neben einer kleinen Malerei, welche die Frau (ist es die Künstlerin selber?) nur mehr als Negativform, ausgeschnitten aus schwarzem Grund, zeigt.

Gabi Fuhrimann
Gabi Fuhrimann: Jane Bowles, Öl auf Holz, undatiert

Das Porträt von Jane Bowles (1917–1973) zeigt die erfolgreiche und kranke Schriftstellerin und Dramatikerin auf einer Terrasse am Wasser, mit Hut auf dem Kopf und in den Händen eine Harmonika – ein Sommerfrische-Bild, wie nach einer Fotografie gemalt. Ein Schnappschuss? 

Auch Ingeborg Bachmann zeigt Gabi Fuhrimann in einer Alltagssituation: Die Autorin lehnt sich in der Küche an den Herd und liest konzentriert die Zeitung. Auch da könnte eine Fotografie als Vorlage dienen. Gabi Fuhrimann hegte offensichtlich einige Bewunderung für die Schriftstellerinnen und ihre Werke, ebenso für Virginia Woolf, von der die Ausstellung allerdings kein Porträt zeigt, wohl aber Notizen und Aquarelle als Spuren einer intensiven Beschäftigung mit Woolfs beim Publikum erfolgreichem, von der Kritik jedoch geringgeschätztem Roman «Die Wellen» (1932).

Eintauchen und verschwinden

Gabi Fuhrimanns Installation zu Virginia Woolf bleibt skizzenhaft, spontan und im Privaten – im Gegensatz zu den meisten anderen Malereien, die in der Ausstellung versammelt sind, und in denen sich die Künstlerin, fragend und analysierend, dem Verhältnis der Figur zu ihrem Hintergrund und damit zum Raum widmet. (Für dieses Thema mochte sie der Plastiker Anton Egloff, ihr Lehrer an der Schule für Gestaltung in Luzern, sensibilisiert haben.) 

Am deutlichsten wird dieses Analysierende in einer beidseitig bemalten Holztafel: Auf der einen Seite ist die Frau von vorne, auf der anderen ist die gleiche Frau von hinten zu sehen. Ihr in bunten Farben gestreiftes Kleid entspricht der Struktur des sie umgebenden Raumes. Gabi Fuhrimann schrieb 2004 in der Notiz zu einer Ausstellung: «Meine Bilder leben aus dem Wechselspiel zwischen Emotion und Abstraktion, aus der Reibung zwischen Individuellem und Allgemeinen, als Verknüpfung zwischen Figur und Grund, im Spannungsfeld von Körper und Fläche, Muster und Farbraum.»

Gabi Fuhrimann
Gabi Fuhrimann: Ohne Titel, Öl auf Holz, 1994/95

Manche ihrer Malereien sind in diesem Sinne dem Eintauchen in den Raum und dem Verlassen des Raumes gewidmet und leben einerseits aus dem Gegensatz zwischen der realistischen, körperhaft empfundenen Schilderung der Figur und einer an Geometrisch-Konstruktives gemahnenden Musterung des Raumes und andererseits in existenzieller Weise aus der Beschäftigung mit Grundfragen des Lebens, mit der Präsenz der Menschen im Raum und ihrem Verschwinden. Dies geschieht trotz der Ernsthaftigkeit der Themensetzung – und trotz der leidvollen Krankheitserfahrung, welche die Künstlerin machen musste – in oft geradezu heiterem Kolorit.

Mit der Ausstellung «Gabi Fuhrimann – Sammlung im Fokus» lenkt das Aargauer Kunsthaus die Sicht auf das auf den ersten Blick unspektakuläre, wohl aber mit Konsequenz und Intensität vorangetriebene und eigenständige Werk einer Künstlerin, die nicht zu den berühmten Namen der Schweizer Kunst gehört, als «Geheimtipp» weit entfernt von jedem Mainstream aber einen auch ausserhalb ihres Lebenszentrums bedeutenden Platz einnimmt.

Aargauer Kunsthaus Aarau 
bis 8. November 2026 
kuratiert von Simona Ciuccio und Julian Denzler

Gabi Fuhrimann wurde 1958 in Zürich geboren. Ihre Eltern waren Architekten. Sie wuchs in Ennetbaden auf. Nach dem Besuch der Kantonsschule Baden besuchte sie während vier Jahren die Schule für Gestaltung in Luzern in der Abteilung freie Kunst beim Plastiker Anton Egloff. Ihre Malereien stellte sie vor allem in Galerien und in alternativen Kunsträumen aus. Preise erhielt sie mehrfach vom Kanton Aargau sowie ein Stipendium des Bundes. Mit ihrem Partner, dem Künstler Rolf Winnewisser, lebte sie in Ennetbaden und arbeitete in der alten Spinnerei in Wettingen. Gabi Fuhrimann starb im Jahr 2021.


Alle Bilder © Nachlass Gabi Fuhrimann

Letzte Artikel

An der Grenze

Carl Bossard 2. Oktober 2026

Gewinnt Trump die Wahlen in Brasilien?

Heiner Hug 1. Oktober 2026

War unser Russland-Bild falsch?

Tim Guldimann 1. Oktober 2026

Kennen Sie die akademische Viertelstunde?

Sabine Windlin 30. September 2026

«Israel hat einen Genozid verhindert»

Ignaz Staub 29. September 2026

Bauen im Gebauten

Fabrizio Brentini 28. September 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.