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USA

Der Portugiese, der Sacco und Vanzetti retten wollte

9. August 2026 , Lissabon
Thomas Fischer
Boston Globe

Handfeste Beweise fehlten, der Prozess endete dennoch mit Todesurteilen wegen zwei angeblichen Morden. Im Jahr 1927 konnten Massenproteste in vielen Ländern die Hinrichtung der italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti im US-Staat Massachusetts nicht abwenden. Ein Portugiese, selbst in einer anderen Sache zum Tode verurteilt, versuchte noch, die beiden zu entlasten. 

Alle drei Verurteilte fanden letztlich innert weniger Minuten auf dem gleichen elektrischen Stuhl den Tod. Ein portugiesischer Schriftsteller hat die Geschichte seines Landsmanns zu einem Roman verarbeitet.

15. April 1920, Zahltag bei der Schuhfabrik Slater & Morrill in South Braintree, Massachusetts. Ihre 500 Beschäftigten werden ihr Geld an diesem Tag aber nicht erhalten. Gangster einer von Italienern geführten Bande überfallen den Kassenwart mit den Lohntüten, erschiessen ihn und einen Sicherheitsmann und machen sich mit der Beute von fast 16’000 Dollar davon. Im Fluchtauto sitzt der nur 18-jährige Portugiese Celestino Medeiros (manchmal Madeiros geschrieben), der von den Azoren stammt und das erste Mal bei einem solchen Verbrechen dabei ist, diesmal aber weder die Hand anlegen noch seine Pistole einsetzen muss.

Celestino Medeiros
Celestino Medeiros (PD)

Vorurteile und ein schneller Prozess

Die Bande entkommt. Auf der Suche nach Tätern und Beute stösst die Polizei indes auf die italienischen Einwanderer und Anarchisten Nicola Sacco (*1891) und Bartolomeo Vanzetti (*1888), die Schusswaffen und anarchistische Schriften mit sich führen. Ihnen macht die Justiz einen schnellen Prozess, bei dem die Vorurteile gegen Einwanderer und die Ablehnung ihrer Ideen offenbar mehr wiegen als die fehlenden Beweise – und der, wie allgemein erwartet, mit Todesurteilen endet. 

Vanzetti, Sacco
Bartolomeo Vanzetti (links), Nicola Sacco (Foto: Keystone/AP/ Victoria Arocho)

Streiks, Massendemonstrationen und andere Proteste in vielen Ländern der Welt können ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 23. August 1927 nicht verhindern. Als Teil der Musik für einen Film schreiben der italienische Komponist Ennio Morricone und die US-amerikanische Folk- und Protestsängerin 1971 ein Lied, das Joan Baez in englischer Sprache singt. Georges Moustaki macht eine französische Version populär.

Historische Details zu einem Roman verarbeitet

Vor der Hinrichtung werden sich die Wege der Italiener aber mit dem des Azorianers kreuzen, und da keimt gar die Hoffnung, das Leben von Sacco und Vanzetti noch retten zu können. Wie, das erzählt der ebenfalls von den Azoren stammende Psychologe und Schriftsteller Pedro Almeida Maia (47), der sich in die zuvor nur in Grundzügen bekannte Geschichte von Medeiros vertiefte. Er verarbeitete sie zu seinem – noch nicht in andere Sprachen übersetzten – Roman «Condenação» («Verurteilung») und lässt dabei den Anwalt von Medeiros erzählen.
 

Celestino Medeiros

Celestino Medeiros, 1902 auf der Insel São Miguel als neuntes und letztes Kind von Eltern aus bescheidenen Verhältnissen geboren, heisst im Buch Salvador Silver (amerikanisierte Version von Silva). Er kommt im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern in die USA, wohin es etliche Leute von den grünen Inseln im Atlantik schon verschlagen hat, hat Sehstörungen und epileptische Anfälle, vermisst bald seinen früh verstorbenen Vater, bricht die Schule ab und gerät schnell und immer wieder durch zunächst kleinere Delikte mit dem Gesetz in Konflikt. Mehrmals versucht er, ein geordnetes Leben zu führen, aber mit kurzem Atem.

In zweierlei Hinsicht «verurteilt»

«Verurteilung» – der Titel kann sich auf das problematische persönliche, familiäre und soziale Umfeld von Silver beziehen ebenso wie auf das gegen ihn gefällte Todesurteil wegen seiner Beteiligung an einem Banküberfall im Jahr 1924. Er selbst erschiesst den Kassierer. Im Gefängnis liest er von den laufenden Berufungsverfahren von Sacco und Vanzetti wegen des Raubes, an dem er selbst, nicht aber die Anarchisten beteiligt waren. Er empfindet Mitgefühl für die Frau und Kinder von Sacco, der zeitweise im selben Gefängnis einsitzt wie er. Also bekennt er sich zur Tat, und nicht zuletzt wegen der Versuche der Justiz und der Anwälte von Sacco und Vanzetti, ihm die Namen der Haupttäter zu entlocken, werden die Hinrichtungen mehrmals vertagt.

Silver gibt die Namen der anderen Täter nicht preis. Über die Gründe hierfür hat der Autor bei seinen Recherchen keine Belege gefunden. Er räumt im Gespräch zwei naheliegende Möglichkeiten ein. Silver könnte einen Schweigepakt unter Gangstern respektiert und/oder Repressalien gegen seine nach wie vor in den USA lebende Mutter und Schwestern befürchtet haben. Am 23. August 1927 finden, kurz nach 0 Uhr, innert weniger Minuten erst Silver, dann Sacco und schliesslich Vanzetti auf dem elektrischen Stuhl im Charleston State Prison, nahe Boston, den Tod.

Eine Trilogie über die Emigration

Auf der Suche nach einem besseren Leben sind im Laufe der Jahrhunderte unzählige Leute von den Azoren emigriert. Allein in Nordamerika leben drei- bis viermal so viele Menschen mit Wurzeln auf den Azoren wie auf den neun Inseln selbst. Verständlicherweise ist die Emigration ein wichtiges Thema in der Literatur der Inseln. «Condenação» ist der dritte Roman von Pedro Almeida Maia zu diesem Thema. Zwei davon sollen 2026/27 in englischer Übersetzung erscheinen. «Ilha América» (Insel Amerika) handelt von einem Jugendlichen von der Insel Santa Maria, ehemals ein fast obligatorischer Zwischenlandeplatz für Flugzeuge, die den Flug von Amerika nach Europa noch nicht nonstop schafften. 

In den 1960er Jahren, als Portugals faschistische Regierung die Auswanderung erschwert, weil sie Soldaten für den Kolonialkrieg in Afrika braucht, versteckt sich der junge Mann im Schacht für das vordere Fahrwerk einer Super Constellation und erreicht Venezuela, wo er letztlich aber nicht bleiben kann. «A Escrava Açoriana» («The Azorean Slave») handelt von einer jungen Frau, die über Schlepper nach Brasilien gelangt und sich zeitweise prostituiert, ehe sie in die Heimat zurückkehren kann – und diese mit anderen Augen sieht als vor ihrer Abreise. «Condenação» ist erst 2025 erschienen, eine Übersetzung käme aber gelegen, rechtzeitig zum 100. Jahrestag der Hinrichtungen von Sacco, Vanzetti – und Medeiros.
 

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