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Iran

Der letzte Schachzug im Überlebenskampf

9. März 2026
Ali Sadrzadeh
Teheran
Eine Demonstrantin bekundet am Montag in Teheran ihre Sympathie mit dem getöteten Ali Khamenei und seinem Sohn Mojtaba Khamenei. (Foto: Keystone/AP/Vahid Salemi)

Das Bataillon Habib erklärt vieles. Wer verstehen will, wer Mojtaba Khamenei ist, wie er denkt, was er getan hat und was man von ihm erwarten kann, muss sich mit dieser Gruppe der Revolutionsgarden befassen.

Als 1979 die Revolution in Iran siegt, ist Mojtaba neun Jahre alt. Sieben Jahre später ist sein Vater Ali Khamenei bereits Staatspräsident. Revolutionsführer Ruhollah Chomeini kämpft zu dieser Zeit gegen eine schwere Krebserkrankung, während an der Grenze ein erbitterter Krieg mit dem Irak tobt.

Der Vater vertraut seinen sechzehnjährigen Sohn Mojtaba einer Einheit der Revolutionsgarden an, deren Mitglieder überwiegend aus Teheran stammen. Mojtaba verbringt mehrere Monate an der Front. Dort lernt er Gleichaltrige kennen – junge Revolutionäre, die überwiegend linksislamistischen Strömungen angehören und vom Export der Revolution träumen. Diese Gruppe bildet später den Nukleus der sogenannten Quds-Brigaden.

Kurz nach dem Ende des Krieges stirbt Chomeini. Unerwartet wird Ali Khamenei zum neuen Revolutionsführer und damit zum mächtigsten Mann des Landes. Sein Sohn Mojtaba entwickelt sich in dieser Zeit zu einer Art Zugangstor zum Vater. Wer die Nähe Khameneis sucht, muss sich zwangsläufig an Mojtaba wenden.

Mojtaba kontrolliert, koordiniert, steuert

Damit schlägt die Stunde des Bataillons. Die kleine Gruppe ehemaliger Frontkämpfer, die einst Mojtabas Mentoren waren, erhält im sogenannten «Beit-e Rahbari» – dem «Haus des Führers» – wichtige und einflussreiche Posten.

Dieses Haus funktioniert wie ein Staat im Staat, ja sogar über den Institutionen des Landes. Der Zugang zum Revolutionsführer wird zu einem entscheidenden Machtinstrument. Wer Ali Khamenei trifft – und zu welchem Zeitpunkt sowie in welcher Angelegenheit –, entscheidet häufig über politische Karrieren. Mojtaba kontrolliert diesen Zugang, koordiniert im Hintergrund Abläufe und Kontakte und steuert weite Teile der Entscheidungsprozesse.

Dem «Haus des Führers» unterstehen zudem zahlreiche grosse Wirtschaftsstiftungen mit einem geschätzten Vermögen von mehreren hundert Milliarden Dollar. Sie unterliegen keiner parlamentarischen oder staatlichen Kontrolle. Das Haus selbst wird von einer ausgewählten Einheit der Revolutionsgarden geschützt. Es verfügt über Büros und Einrichtungen im ganzen Land und beschäftigt Zehntausende Mitarbeiter.

«Er ist selbst der Herr»

An der Spitze dieses schwer durchschaubaren Machtzentrums entsteht im Laufe der Jahre ein kleines Schattennetzwerk aus etwa einem Dutzend Mullahs und Militärs. Sie verfügen über entscheidenden Einfluss in verschiedenen Geheimdiensten, in den Revolutionsgarden und bei den paramilitärischen Verbänden. Mojtaba steht im Zentrum dieses Zirkels, der sich vor allem mit innerer Sicherheit und der Stärkung der regionalen «Achse des Widerstands» beschäftigt. Für diese Aufgaben stehen ihm umfangreiche finanzielle Ressourcen zur Verfügung.

Seit 37 Jahren orchestriert dieses Netzwerk faktisch grosse Teile der Innen- und Aussenpolitik der Republik – bis hin zur aktuellen militärischen Eskalation, deren Zukunft es nun massgeblich mitbestimmen will. Während all dieser Jahre bleibt Mojtaba selbst im Hintergrund. Er tritt kaum öffentlich auf. Erst im August 2005 erfährt die Öffentlichkeit zum ersten Mal, wie gross sein Einfluss tatsächlich ist. Gerade ist eine Präsidentschaftswahl zu Ende gegangen. Der politisch weitgehend unbekannte Mahmud Ahmadinedschad wird zum Sieger erklärt.

Für viele Beobachter steht fest: Nur durch massiven Wahlbetrug konnte dieser populistische Aussenseiter Präsident werden – zumal er gegen mehrere etablierte Kandidaten antrat. Einer von ihnen war Mehdi Karrubi, langjähriger Parlamentspräsident und enger Vertrauter Chomeinis. In einem offenen Brief an Ali Khamenei schreibt Karrubi: «Mir wurde glaubwürdig berichtet, wie Ihr Herrensohn Mojtaba die Wahlurnen manipulierte.» Die Antwort des Revolutionsführers fällt knapp aus: «Er ist selbst der Herr.»

«Mojtaba, stirb ...!»

Vier Jahre später kandidiert Ahmadinedschad erneut für das Präsidentenamt. Neben Karrubi tritt diesmal auch Mir Hossein Mussawi an. Wieder kommt es zu massiven Vorwürfen der Wahlfälschung. Landesweite Proteste erschüttern das System. Die sogenannte «Grüne Bewegung» mobilisiert Millionen Menschen.

Diesmal rufen Demonstranten laut und für alle hörbar: «Mojtaba, stirb – du wirst die Führung niemals sehen!»

Trotz solcher Vorwürfe bleibt Mojtaba nahezu unsichtbar. Er tritt kaum öffentlich auf und hat nie eine politische Grundsatzrede gehalten. Vor drei Jahren tauchte eine kurze Videodatei von ihm auf. Darin sagt er lediglich einen einzigen Satz: «Ich beende vorerst meinen Unterricht – das ist meine eigene Entscheidung.» Mehr nicht.

«Khamenei ist wieder jung» 

Selbst dieser kurze Auftritt macht deutlich, dass Mojtaba kaum die rhetorischen Fähigkeiten seines Vaters besitzt. Ali Khamenei galt stets als gewandter Prediger und sah sich selbst als Meister der Rede.

Unmittelbar nach dem Tod Ali Khameneis am ersten Kriegstag stellte sich daher sofort die Frage, ob auch Mojtaba bei den Angriffen ums Leben gekommen sei.

Erst vier Tage später berichteten iranische Medien, Mojtaba lebe. Zwei Tage danach erklärte Hamid Resaie, ein radikaler Abgeordneter und politischer Verbündeter des Bataillons Habib, gegenüber der Nachrichtenagentur Tasnim: «Gottes Weg ist klar. Khamenei ist wieder jung.» Für viele Beobachter war damit klar, wohin die Entwicklung führen könnte: zu Mojtaba.

Meinungsverschiedenheiten

Offiziell heisst es, die «Wahl» durch die Expertenversammlung habe aus Sicherheitsgründen online stattgefunden. Das repräsentative Gebäude der Versammlung in der Stadt Qom war zuvor von Israel bombardiert worden.

Damit endet auch die kurze Phase des dreiköpfigen Führungsrates, der seit dem 1. März die Geschäfte des Staates führen sollte. Doch bereits in diesen wenigen Tagen traten innerhalb des Gremiums deutliche Meinungsverschiedenheiten über den weiteren Verlauf des Krieges zutage.

Präsident Massud Peseschkian entschuldigte sich bei den arabischen Nachbarstaaten und kündigte ein Ende der Raketen- und Drohnenangriffe an. Alle militärischen Einheiten seien angewiesen worden, dieser Entscheidung zu folgen. Doch sofort widersprach Gholam-Hossein Mohseni-Ejehi, ein weiteres Mitglied des Triumvirats: Die Angriffe würden fortgesetzt. Auch die Revolutionsgarden stellten sich gegen die Ankündigung des Präsidenten.

Die tiefe Zerstrittenheit wurde international sichtbar. Die Angriffe auf Golfstaaten gingen weiter – während der Präsident in diesen heiklen Tagen politisch schwer beschädigt wirkte. Ein solcher Zustand schien nicht länger haltbar. Der weiterhin mächtige Zirkel aus dem Bataillon der einstigen Wüstenkämpfer musste rasch handeln. Die Quds-Brigaden, zuständig für die regionale «Achse des Widerstands», gehörten schliesslich zu den ersten, die Mojtaba Khamenei zu seiner neuen Rolle gratulierten.

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