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Ferienzeit

Der Blick hinaus

17. Juli 2026
Carl Bossard
Blick hinaus, Ferien
Nicht der Bildschirm zeigt die Welt. Der Blick tut es. (Bild: zVg)

Ferien verändern die Welt nicht. Manchmal verändern sie unseren Blick auf die Welt. Vielleicht beginnt genau dort die schönste Reise. 

                                                                             

Mitte Juli. Die Koffer stehen bereit. Die Züge sind voller geworden. Auf den Autobahnen zieht die Ferienkolonne Richtung Süden. Andere schultern den Rucksack, schnüren die Wanderschuhe und brechen zu Fuss auf. Jahr für Jahr wiederholt sich dieses Bild. Und doch bleibt eine Frage: Wonach suchen wir eigentlich, wenn wir in die Ferien fahren?

Nach Sonne? Nach Bergen? Nach dem Meer? Vielleicht. Vielleicht suchen wir aber etwas ganz anderes. Vielleicht suchen wir eine andere Zeit.

Hinaus

Vor mir liegt ein Bild. Zwei Kinder sitzen im Rahmen eines alten Fernsehers. Sie schauen nicht auf einen Bildschirm. Sie schauen hinaus. In die Weite einer sommerlichen Hügellandschaft. Grüne Matten. Ein Dorf. Berge am Horizont. Ein paar Wolken.

Vielleicht erzählt dieses Bild mehr über Ferien als mancher Reiseprospekt. Es erinnert daran, dass die Welt grösser ist als das, was uns täglich beschäftigt. Und dass der schönste Bildschirm des Sommers keinen Stromanschluss hat.

Vielleicht beginnt Erholung genau dort. Nicht erst am Ferienort. Sondern in dem Augenblick, in dem unser Blick wieder in die Ferne geht. Wenn wir nicht mehr ständig auf das Nächste schauen. Sondern auf das Wesentliche.

Unterwegs

Es gibt einen Ort, an dem der Philosoph Friedrich Nietzsche diese andere Zeit gefunden hat. Oben im Engadin. An den Seen zwischen Maloja und Silvaplana. Stundenlang war er dort zu Fuss unterwegs. Nicht weil Wandern modern gewesen wäre. Sondern weil Denken Bewegung brauchte. 

Viele seiner Einfälle und seiner Gedanken entstanden unterwegs. Am Weg. Nicht am Schreibtisch. Es waren Ge[h]danken.

Darum schrieb er den Satz, der bis heute nichts von seiner Frische verloren hat: «Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist.» (1) Vielleicht wusste Nietzsche etwas, das wir manchmal vergessen. Der Geist geht langsamer als der Terminkalender. Aber schneller als wir ahnen, sobald die Füsse ihren Rhythmus finden.

Der Philosoph Byung-Chul Han meint, die Krankheit unserer Zeit sei nicht einfach die Beschleunigung. Tiefer liege etwas anderes. Wir hätten die Kunst des Verweilens verlernt. (2) Darum fehle uns oft nicht Zeit. Sondern erfüllte Zeit.

Was für ein schöner Ausdruck! Erfüllte Zeit. Vielleicht schenken uns die Sommertage genau das. Nicht möglichst viele Erlebnisse. Sondern einen einzigen Augenblick, der bleibt.

Vielleicht beginnt in solchen Augenblicken etwas, das wir gar nicht herstellen können. Es geschieht einfach. Langsam wird der Atem ruhiger. Die Schritte finden ihren Takt. Und mit ihnen ordnen sich oft auch die Gedanken.

Vielleicht finden wir in den Ferien für eine Weile wieder in den Rhythmus des Lebens zurück. Die Wolken eilen nicht. Der Wind drängt nicht. Ein Berg hat keine Termine. Und ein See weiss nichts von Effizienz. Die Welt atmet in ihrem eigenen Mass. Vielleicht hören wir ihren Atem erst, wenn wir still werden.

Verweilen

Ich erinnere mich an einen Satz, den ich vor Jahren an einer Hauswand in Sils Maria gelesen habe. Er ist mir geblieben, vielleicht gerade wegen seiner Schlichtheit: «Sich brav erholen ist auch eine tapfere Kunst.»

Vielleicht ist es das, was uns die Ferien jedes Jahr neu lehren möchten. Nicht möglichst weit wegzufahren. Sondern wieder wahrzunehmen.
Die Farben einer Wiese.
Den Schatten eines Baumes.
Das Gespräch ohne Blick auf die Uhr.
Den Weg, der nirgends hinführen muss.
Die Stille zwischen zwei Gedanken.

Manchmal hat die Stille einen eigenen Atem.

Vielleicht ist das jene erfüllte Zeit, von der Byung-Chul Han spricht. Eine Zeit, die nicht gemessen wird. Sondern erlebt.

Heimkehren

Goethe hat die Schweiz erwandert. Nietzsche das Engadin. Die Romantiker entdeckten die Welt im Flanieren. Sie alle wussten: Der Mensch sieht anders, wenn er langsam geht.

Vielleicht deshalb fällt uns unterwegs manches ein, worauf wir zu Hause nicht gekommen wären. Nicht weil die Landschaft klüger wäre. Sondern weil wir aufmerksamer werden.

Ferien verändern die Welt nicht. Aber manchmal verändern sie unseren Blick auf die Welt.

Und das ist vielleicht das Grössere. Denn wenn wir zurückkehren, ist vieles noch da wie zuvor. Der Alltag. Die Arbeit. Die Verpflichtungen. 

Der Weg bleibt derselbe.

Der Blick nicht.

Der Sommer vergeht. Wie jeder Sommer. Die Koffer werden wieder ausgepackt. Der Alltag kehrt zurück. Doch vielleicht bleibt etwas von dieser anderen Zeit. Ein ruhigerer Blick. Ein langsamerer Schritt. Ein wenig mehr Gelassenheit. Oder einfach die Erinnerung daran, dass der schönste Bildschirm des Sommers keinen Stromanschluss hatte.

Und dass zwei Kinder uns gezeigt haben, was Erwachsene manchmal vergessen: Die Welt wartet nicht darauf, dass wir sie verändern. Aber sie wartet darauf, dass wir sie wieder anschauen.

Vielleicht kehren wir deshalb nach den Ferien nicht nur an denselben Ort zurück. Wir kehren auch ein wenig anders zu uns selbst zurück. Nicht, weil wir ein neues Leben begonnen hätten. Sondern weil wir das eigene Leben wieder besser hören – den Atem des Lebens, der immer schon da war.

(1). Friedrich Nietzsche: Langsame Curen. Ansichten zur Kunst der Gesundheit. Hrsg. von Mirella Carbone und Joachim Jung. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, ,2000 S. 47.

(2) Byung-Chul Han: Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. Bielefeld: transkript Verlag, 2015.

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