Der rumänische Regisseur wurde bereits vor knapp zwanzig Jahren mit dem wichtigsten Preis des Festivals ausgezeichnet. Mit «Fjord» gehört er nun – wie Francis Ford Coppola, Ken Loach und Michael Haneke – zum erlesenen Kreis der Zweifachsieger.
Gegen Ende des Festivals nahm die Anzahl der qualitativ hochstehenden Filme zu, während manche überforderten Zuschauer vermehrt im Dunkel auf ihr Handy starrten. Eine zwingende Korrelation war dabei jedoch nicht auszumachen: «Das geträumte Abenteuer» etwa, von Valeska Grisebach, driftet durch das bulgarisch-türkische Grenzgebiet mit einer hypnotischen, western-artigen Nonchalance. Veska, eine wunderbare Yana Radeva, ist Archäologin, die tagsüber eine mittelalterliche Ruine freigräbt und abends auf ihren Rundgängen auf Reminiszenzen der «goldenen» 1990er-Jahre stösst, als die Grenzen porös und die Mafiosi noch jung waren.
Als sie sich in ein Schmuggelgeschäft mit Treibstoff einmischt, nimmt die latente Gefahr konkrete Züge an, die sie allerdings stets souverän wegzulächeln weiss. Wunderbar auch, wie es der Regisseurin gelingt, die verschiedenen Ebenen ihrer Fiktion zum Verschmelzen zu bringen: Die Kamera schwenkt launig von der neureichen Villa auf verfallene Höfe, und während der Metalldetektor nach antiken Münzen sucht, grasen nebenan Kühe.
«Merci d’être venu»
Auch beim französischen Altmeister Alain Cavalier lohnt sich das Zusehen. In «Merci d’être venu» sind die Selbstironie und die Neugierde nie fern, trotz der fünfundneunzig Jahre des Regisseurs, dessen erster Spielfilm Anfang der 1960er-Jahre entstanden war und der seine Karriere nun mit einem melancholisch-heiteren Rückblick auf die letzten fünfzehn Jahre zum Abschluss bringt.
Lebendig ist man nur, wenn man filmt, scheint der Leitfaden dieses meist mit der Handkamera gefilmten Tagebuchs zu sein. Der Regisseur richtet sein Objektiv wiederholt auf seine Frau (und Cutterin), porträtiert aber auch Zufallsbekanntschaften und schneidet auf Filmmaterial von früheren Inszenierungen. Wie vermeiden, dass die Einstellungen zum Memento Mori festfrieren? Ein gedeckter Tisch, ein gefundenes Elsternnest und ein leeres Hotelzimmer («nicht grösser als die Klosterzelle von Thérèse de Lisieux») firmieren als Stillleben und spiegeln einen intakten Lebenswillen, der umso bewegender ist, als er stets mit der nötigen Diskretion daherkommt.
«Paper Tiger»
Die Wettbewerbsbeiträge der zweiten Festivalwoche stammten meist von gestandenen Filmemachern, die teils bereits mehrere Einladungen an die Côte d’Azur hinter sich haben. James Gray etwa meldete sich nach einer vierjährigen Drehpause mit einer Produktion zurück, die den schönen Titel «Paper Tiger» trägt. Sein monothematisches Werk vorantreibend wie einst Woody Allen oder Terrence Malick, knüpft der amerikanische Arthouse-Regisseur mit seinem diesjährigen Beitrag an die Familienthematik an, die sein Schaffen von «Little Odessa» bis «Armageddon Time» wie eine Obsession zu durchzieht.
Auch hier bricht das Brüderpaar Pearl an den Dissonanzen, die sich zwischen der Clan-Dynamik und den New Yorker Realitäten der 1980er Jahren ergeben: Versuchungen und Zwänge prägen die Handlung, der Plot oszilliert zwischen Moral und Verbrechen und baut auf die Grenze zwischen Zivilisation und Wilderness – «Paper Tiger» endet (wie bereits «We Own the Night») im Schilfrohr-Dickicht in einem Aussenviertel von Queens, hinter dem sich in der Ferne die emblematische Skyline von Manhattan abzeichnet.
Irvin Pearl (Miles Teller) ist ein Ingenieur, dem sein Bruder Gary (Adam Driver), ein ehemaliger Polizeibeamter, nahelegt, ein Beratungsbüro zu gründen, das sich um die Säuberung eines verseuchten Stadtkanals kümmern könnte – ein saniertes Umfeld würde die lokalen Immobilienpreise schlagartig steigen lassen. Da die brachliegenden Industrieanlagen um den Kanal sich in der Hand der russischen Mafia befinden, schwebt Irvin allerdings bald in Lebensgefahr.
Echo der Pogrome
Als Thriller taugt «Paper Tiger», dem Pressematerial zum Trotz, allerdings nur bedingt. Der Regisseur begnügt sich bei der Zeichnung der Aktivitäten der Verbrecherorganisation mit groben Strichen: man kriegt ein kitschiges, vage kaukasisches Interieur zu sehen, begegnet bedrohlichen Gesichtern sowie einem Messer, das im Dunkel aufblitzt. Die Anspielungen genügen, um das Böse und die Fatalität der Handlung heraufzubeschwören.
Wichtiger ist Gray der Topos der Familie, die stets Schutz und Fluch zugleich bedeutet. «Damit mein Leben vor dem Unglück bewahrt bleibe, möge es mir genügen, weise zu sein» lautet der Satz (aus Aischylos’ «Agamemnon» entnommen), der dem Eröffnungsbild vorangestellt ist. Nimmt man die diskreten Zeichen wahr, die auf den jüdischen Hintergrund der Figuren verweisen, kann man in der «russischen» Bedrohung auch ein Echo der Pogrome hören, die deren Vorfahren (und zweifellos auch jene der Familie Grays) Anfang des 20. Jahrhunderts in die Emigration getrieben hatten. Hier wird auch die tragische Dimension schlüssig, die der Filmemacher mit seinem Zitat ankündigt.
Die emotionalen Temperaturen der Inszenierung resultieren aus der familiären Konstellation: da sind die Naivität des Ingenieurs, die dunkle Anziehungskraft seines charismatischen Bruders und die fatale Erkrankung von Irvins Frau Hester (eine kaum wiedererkennbare Scarlett Johansson). Am Ende, als sie sich todkrank weiss, wird Hester ihrer schlafenden Familie einen lautlosen Luftkuss zuwerfen: Es ist wohl der bewegendste Abschied, der dieses Jahr auf den Leinwänden des Festivals zu sehen war.
«Amarga Navidad»
Auch Pedro Almodóvar schlägt in «Amarga Navidad» weitgehend bekannte Töne an: Elsa (Barbara Lennie) ist eine Regisseurin, der der Tod der Mutter und die Last des Schreibens unerträgliche Migränen bereitet. Später werden wir verstehen, dass sie eine fiktive Gestalt ist, die ihre Existenz der Tastatur des alternden Filmemachers Raúl Durán verdankt, der sich vor seinem Computer über sein neues Script den Kopf zerbricht. Viele Figuren von Duráns Drehbuch sind von dessen Umfeld inspiriert, was zu Reibereien führt, aber auch eine Aufweichung der Grenzen zwischen Fiktion und Modell zur Folge hat.
Die «autofiktive» Spirale, die Almodóvar hier in Bewegung setzt, kann auch ins Banale abgleiten: «Das Kino nimmt die Zukunft vorweg» und «Filme sind nicht alles im Leben» sind Dialogzeilen, die verzichtbar scheinen. Dann gibt es jedoch wieder Szenen, in denen die inszenatorische Kraft des Spaniers ungebrochen zum Ausdruck kommt. Auf der Suche nach Schmerzmitteln landet Elsa in der Luxusvilla einer von Rossy di Palma gespielten Salonlöwin, die gerade eine Party schmeisst. Unfähig, sich unter die Leute zu begeben (obschon sie die Gelegenheit hätte, «Barenboim kennenzulernen»), lässt Elsa sich im Nebenzimmer auf die Couch fallen, wo ihr eine zufällig vorbeischauende Freundin ein Lied singt und die Szene dank ihrer magnetischen Ausstrahlung unvermittelt ins Schwerelose überführt.
«Amarga Navidad» erinnert in erster Linie an «Dolor y gloria», in dem sich Almodóvar ebenfalls ein Selbstporträt gewidmet hatte. Ist er endgültig ein «Kultregisseur»? Die Frage wird eingangs Elsa hinsichtlich ihrer Karriere gestellt – doch natürlich liegt man nicht falsch, wenn man davon ausgeht, dass Almodóvar hier auch seinen eigenen Status hinterfragt. Auch wenn er tatsächlich auf dem Olymp des zeitgenössischen Filmschaffens angekommen ist: Der Sinn für Ironie bewahrt ihn hier vor dem Erstarren zum Museumsobjekt. Beim Spaziergang durch einen Madrider Park sinniert Duráns enge Mitarbeiterin am Ende über den Moment, in dem ein Filmemacher versteht, dass «die besten Jahre vorbei sind». Sie wird gleich auch die bissige Antwort nachschieben: «Vielleicht, wenn Netflix aufgrund des Rufs des Regisseurs akzeptiert, ihm eine einstündige Fernsehproduktion zu finanzieren.»
«Fjord»
Kann Cristian Mungiu mit dieser Konkurrenz mithalten? Auf jeden Fall. Der Rumäne, der 2007 eine Palme für «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» davontragen konnte, wurde dieses Jahr für «Fjord» ausgezeichnet. Der Film, wie mit dem Skalpell inszeniert, organisiert die Konfrontation zwischen einer rumänischen Familie streng katholischer Überzeugungen und einem norwegischen Erziehungssystem, das sich den Erkenntnissen der Sozialwissenschaften beugt. Akut wird der Konflikt, als der Verdacht aufkommt, die Kinder könnten von den Eltern misshandelt werden. Die Faktenlage wird nicht endgültig geklärt, ebenso wenig masst sich Mungiu ein Urteil an. Manichäismus ist Gift, im gesellschaftlichen Leben wie im Film.
79. Filmfestival Cannes
Preisverleihung
Unter der Leitung des Regisseurs Park Chan-wook hat die Jury des 79. Filmfestivals von Cannes — der unter anderem die Regisseurin Chloé Zhao sowie die Schauspieler Isaach de Bankolé, Demi Moore und Stellan Skarsgård angehörten — die folgenden Preise verliehen:
Goldene Palme: «Fjord» von Cristian Mungiu
Grosser Preis: «Minotaur» von Andrei Swiaginzew
Jurypreis: «Das geträumte Abenteuer» von Valeska Griesebach
Regiepreis: Javier Ambrossi und Javier Calvo für «Bola Negra» und Pawel Pawlikowski für «Vaterland» (ex-æquo)
Drehbuchpreis: Emmanuel Marre für «Notre salut»
Weiblicher Darstellerpreis: für Virginie Efira und Tao Okamoto für «Soudain» (ex-æquo)
Männlicher Darstellerpreis: Emmanuel Macchia und Valentin Campagne in «Coward» (ex-æquo)
Die Ehrenpalmen gingen an Peter Jackson, John Travolta und Barbra Streisand
Die Caméra d’Or für die beste Erstinszenierung, von der «Jury de la Caméra d’Or» unter der Leitung von Monia Chokri verliehen, ging an «Ben’Imana» der Ruanderin Marie-Clémentine Dusamejambo
Die Goldene Palme des besten Kurzfilms erhielt «Para los contrincantes» des Argentiniers Federico Luis