Flávio Bolsonaro wollte die Niederlage nicht akzeptieren. Statt das Wahlergebnis anzuerkennen, suchte er die Konfrontation. Die kurzfristige Verlängerung der Öffnungszeiten der Wahllokale am Sonntag von 17 auf 19 Uhr nahm der unterlegene Präsident zum Anlass, einen politisch fragwürdigen Streit zu entfachen.
In einem aufsehenerregenden Auftritt am Sonntagabend, geprägt von Aggressivität und unverhohlener Feindseligkeit, erklärte Bolsonaro, das Wahlergebnis nicht hinnehmen zu wollen. Doch für eine Annullierung der Wahl fehlte jede tragfähige Grundlage. Das Wahlgericht bestätigte noch am selben Abend das Resultat. Die Verlängerung der Öffnungszeiten war rechtlich zulässig; Anhaltspunkte für eine Manipulation der Wahl wurden nicht vorgelegt.
Auch aus den USA kam Unterstützung für die Zweifel am Wahlausgang. Präsident Donald Trump bezeichnete die Wahl am Montag als vermutlich «betrügerisch», ohne Beweise für diese Behauptung vorzulegen.
Flucht statt politische Verantwortung
Die Entwicklung nahm eine weitere Wendung, als sich die Hinweise auf eine mögliche Flucht aus dem Umfeld der Bolsonaro-Familie verdichteten. Eduardo Bolsonaro, ein Bruder von Flávio, hatte Brasilien bereits im Februar 2025 verlassen und sich in den USA niedergelassen. In einer amerikanischen Fernsehsendung soll er seinem Bruder für den Fall einer Wahlniederlage ebenfalls zur Ausreise geraten haben.
Bundesrichter Alexandre de Moraes reagierte am Montag auf die vermutete Fluchtgefahr und ordnete nach den vorliegenden Angaben die Einziehung des Passes von Flávio Bolsonaro an. Die Frist zur Abgabe betrug 24 Stunden. Als diese verstrich, ohne dass der Pass vorgelegt wurde, machten Gerüchte über eine mögliche Flucht nach Argentinien oder in die USA die Runde.
Schliesslich wurde die Ausreise in die Vereinigten Staaten bekannt. Damit stellt sich eine grundsätzliche politische Frage: Wie glaubwürdig sind die Bekenntnisse zu Vaterland, Freiheit und nationaler Souveränität, wenn sich führende Vertreter einer politischen Familie im entscheidenden Moment dem heimischen politischen Konflikt entziehen?
«Brasilien über allem, Gott über allen»
Dass zwei Söhne Bolsonaros Brasilien verlassen haben, verleiht dieser Frage zusätzliches Gewicht. Angesichts der Vorwürfe rund um die Rolle des ehemaligen Präsidenten bei den Bemühungen, das demokratische Machtgefüge zu erschüttern, ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Politische Verantwortung lässt sich nicht durch Ausreise ersetzen.
Ich war am Samstag bei der Abschlussveranstaltung vor der Abstimmung in Belo Horizonte dabei. Dort erlebte ich Flávio Bolsonaro, wie er den Slogan «Brasilien über allem, Gott über allen» verkündete. Auch die vertrauten Schlagworte von Gott, Vaterland, Familie und Freiheit fehlten nicht.
Der Kontrast zwischen dieser nationalistischen Rhetorik und dem anschliessenden Rückzug in die USA könnte kaum grösser sein. Wer im Wahlkampf das Vaterland beschwört, muss sich auch dann seiner Verantwortung stellen, wenn das Volk anders entscheidet.
André Janones: Der digitale Wahlhelfer
Lulas Erfolg in der zweiten Wahlrunde war keineswegs selbstverständlich. Im ersten Durchgang hatte er hinter den Erwartungen zurückgelegen. Ein wesentlicher Grund dafür war seine vergleichsweise wenig ausgeprägte Präsenz in den sozialen Medien. Auf diesem Feld war Bolsonaro seiner politischen Konkurrenz lange überlegen.
Die entscheidende Wende kam unter anderem durch André Janones, einen 42-jährigen Bundesabgeordneten der Rede-Partei. Der Politiker verstand es, die digitalen Kommunikationskanäle für Lula zu mobilisieren und damit neue Wählergruppen zu erreichen.
Janones stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Als Sohn einer Hausangestellten absolvierte er mithilfe eines Stipendiums für Studierende aus einkommensschwachen Familien ein Jurastudium, das er 2008 abschloss. Anschliessend arbeitete er als Buskontrolleur. Über zehn Jahre hinweg engagierte er sich zudem mit unentgeltlicher Rechtsberatung im Rahmen des staatlichen Gesundheitssystems SUS.
«Lulas Armee»
Seine soziale Herkunft und sein politischer Werdegang prägten ein Profil, mit dem er insbesondere Menschen ausserhalb der traditionellen politischen Eliten ansprechen konnte.
Im Wahlkampf setzte Janones auf eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie: Er gründete den WhatsApp-Kanal «Lulas Armee». Innerhalb von nur drei Wochen gewann die Initiative nach den vorliegenden Angaben nahezu eine Million Follower. Vor allem unter jüngeren Wählern entfaltete die digitale Kampagne eine beachtliche Wirkung.
Die Mobilisierung blieb auch im Lager Bolsonaros nicht unbeachtet. Dort reagierte man mit rechtlichen Interventionen gegen die Wahlkampfkommunikation. Die Auseinandersetzung machte deutlich, wie stark die sozialen Medien inzwischen zu einem zentralen Schauplatz politischer Machtkämpfe geworden sind.
Lula erkennt die Bedeutung der digitalen Mobilisierung
Nach seinem Wahlsieg würdigte Lula den Einsatz von Janones mit deutlichen Worten. Während der Feierlichkeiten stand der Abgeordnete häufig an seiner Seite. Die öffentliche Anerkennung unterstrich, welche Bedeutung die digitale Mobilisierung für den Erfolg in der zweiten Wahlrunde gehabt hatte.
Lula kündigte zugleich an, seiner künftigen Regierungspolitik im Bereich der digitalen Medien grössere Aufmerksamkeit zu schenken und entsprechende Investitionen vorzusehen. Zugleich soll ein wirksamer rechtlicher Rahmen Missbrauch bei der Nutzung digitaler Plattformen eindämmen.
Der Fall Janones zeigt, wie sehr sich Wahlkämpfe verändert haben. Nicht allein Fernsehauftritte, Kundgebungen und traditionelle Medien entscheiden über den politischen Erfolg. Wer Botschaften schnell verbreiten, Anhänger organisieren und neue Zielgruppen erreichen kann, verschafft sich einen entscheidenden Vorteil.
André Janones gelang es, innerhalb weniger Wochen ein digitales Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, das Lula im Endspurt des Wahlkampfs erheblich zugutekam. Die Wende in der zweiten Wahlrunde war zwar nicht allein sein Verdienst. Doch sein Beitrag verdeutlicht, wie entscheidend eine strategisch eingesetzte digitale Kommunikation für den Ausgang demokratischer Wahlen geworden ist.
Lula unter Druck
Zu Beginn nahm Lula den Wahlkampf offenbar auf die leichte Schulter. Umso grösser war seine Überraschung, als er im ersten Wahlgang lediglich den zweiten Platz belegte. Mit den ständigen Provokationen von Bolsonaro tat er sich schwer. Immer wieder liess er sich auf dessen Spiel ein, lief in rhetorische Fallen und musste zeitweise befürchten, ihm könnte der Wahlsieg entgleiten.
Dass Lula in seinem Brief an die Katholiken betonte, Politik dürfe kein Instrument des Hasses, der Rache oder der Privilegien sein, sondern müsse der Würde des Lebens dienen, kam nicht von ungefähr. Die Botschaft richtete sich gegen einen Wahlkampf, in dem Verunglimpfungen, Fehlinformationen und persönliche Angriffe einen breiten Raum einnahmen. Lula bezeichnete Bolsonaro als Vertreter von Negationismus und feigen Lügen.
Beide Lager versprachen das Blaue vom Himmel. Frei nach dem Motto: Mit Speck fängt man Mäuse. Lula allerdings begann damit beinahe zu spät. Seine am Mittwoch der Vorwoche eingebrachten Verfassungsänderungsanträge, die unter anderem kostenloses Busfahren an Wochenenden und den Erlass von Schulden für vier Millionen Kleinstunternehmen vorsahen, zeugten vom wachsenden Druck, das Rennen doch noch für sich zu entscheiden.
Der Bolsonaro-Clan verliert seinen Führungsanspruch
Mit der Niederlage von Flávio Bolsonaro gegen Lula ist der politische Durchmarsch des Bolsonarismus vorerst gestoppt. Für den Familienclan ist das ein schwerer Rückschlag. Die Flucht des Wahlverlierers in die USA verschärft die Niederlage zusätzlich und wirft Fragen nach seiner politischen Verantwortung auf. Der Führungsanspruch der Bolsonaro-Familie innerhalb der brasilianischen Rechten steht damit deutlich infrage.
Zwar bleibt der Clan politisch präsent. Jair Bolsonaros Frau zieht neu in den Senat ein. Auch Carlos, der Bruder des geflüchteten Flávio, vertritt künftig den Bundesstaat Santa Catarina. Doch die entscheidende Frage lautet: Wer übernimmt nun die Führung der Opposition im brasilianischen Kongress?
Und welches Gewicht werden die politischen Stellungnahmen eines Clans künftig noch haben, wenn sich dessen Mitglieder möglichen strafrechtlichen Konsequenzen durch einen Aufenthalt im Ausland entziehen und von dort aus gegen Brasilien polemisieren?
Vater Bolsonaro bleibt im Gefängnis
Flávio Bolsonaro dürfte versuchen, die Erzählung einer politischen Verfolgung zu verbreiten. Die beiden gegen ihn anhängigen Strafuntersuchungen betreffen jedoch Vorwürfe der Geldwäsche und weiterer Delikte. Solche Verfahren sind nicht allein deshalb politisch motiviert, weil sie einen prominenten Politiker betreffen. Über die Vorwürfe müssen die zuständigen Justizbehörden entscheiden.
Mit seiner Niederlage sind auch die von Flávio für den Fall eines Wahlsiegs angekündigten Massnahmen hinfällig. Jair Bolsonaro (sein Vater) dürfte noch Jahre im Gefängnis oder im Hausarrest verbringen. Eine Absetzung des Richters Alexandre de Moraes ist damit ebenfalls nicht in Sicht. Auch die angekündigten Säuberungen im öffentlichen Dienst, insbesondere im Aussenministerium, bei denen angebliche Gegner des Bolsonaro-Lagers hätten entfernt werden sollen, sind vorerst vom Tisch.
Die politischen Karten werden neu gemischt. Bei der nächsten Präsidentenwahl in vier Jahren dürfte ein anderer Kandidat aus dem rechten Lager antreten. Dass erneut ein Vertreter der rechtsextremen Strömung wie Bolsonaro in die Stichwahl gelangt, erscheint zumindest weniger wahrscheinlich. Gute Chancen werden dem konservativen Gouverneur von São Paulo, Tarcísio de Freitas, zugeschrieben. Er könnte versuchen, eine rechte Wählerschaft anzusprechen, ohne sich vollständig mit dem radikalen Flügel des Bolsonarismus zu identifizieren.
Unbeliebte Arbeiterpartei
Auch die Partei des Wahlsiegers steht vor einem Umbruch. Die Arbeiterpartei PT ist bei vielen Brasilianern unbeliebt, gilt als korruptionsanfällig und wird häufig als wenig kompetent wahrgenommen. Ohne Lula droht den Sozialisten der politische Niedergang. Eine Persönlichkeit, die in seine aussergewöhnlich grossen Fussstapfen treten könnte, ist derzeit nicht in Sicht.
Dass die Partei über so viele Jahre hinweg eine zentrale Rolle in der brasilianischen Politik spielen konnte, verdankt sie in erheblichem Mass der aussergewöhnlichen Begabung ihres Anführers. Lulas Lebensleistung ist bemerkenswert. Er wurde nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, sondern arbeitete sich aus einfachen Verhältnissen an die Spitze des Staates empor. Seine politische Biografie ist in Brasilien bis heute von besonderer Strahlkraft.
Ob seine Partei bei der nächsten Präsidentenwahl im Jahr 2030 noch einmal gewinnen kann, erscheint allerdings höchst fraglich. Lula hat seiner politischen Bewegung über Jahrzehnte hinweg ein Gesicht gegeben. Gerade darin liegt nun deren grösstes Problem: Was kommt nach ihm?
Die Finanzmärkte reagieren panisch
Die Finanzmärkte wurden am Montag auf dem falschen Fuss erwischt. Die Reaktion fiel heftig aus: Der Dollar schloss bei 5,40 Reais und legte damit um 8,2 Prozent zu. Die Börse verlor 13,9 Prozent; der Handel wurde zeitweise ausgesetzt. Auch die Zinsen stiegen. Beim Dollar handelte es sich um den stärksten Tagesanstieg seit Januar 1999, als Brasilien das flexible Wechselkurssystem einführte. Analysten sprachen allerdings auch von einer Überreaktion. «Eine solide Fiskalreform ist der Preis, den Lula für die Wiederherstellung des Vertrauens in Brasilien bezahlen muss», erklärte André Perfeito, Chefökonom von Garantia Capital.
Tatsächlich steht Lula vor einer schwierigen Aufgabe. Wie will er angesichts seiner kostspieligen Wahlversprechen die Staatsausgaben im Jahr 2027 reduzieren und zugleich die Verschuldung in den Griff bekommen? Das Vorhaben gleicht beinahe einer politischen Zirkusnummer. Dennoch ist Brasilien keineswegs dem wirtschaftlichen Untergang geweiht. Die Staatsverschuldung liegt bei rund 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zugleich verfügt das Land über erhebliche Währungsreserven von rund 360 Milliarden US-Dollar. Diese Reserven sind ein wichtiger Puffer, auch wenn sie die strukturellen Probleme der öffentlichen Finanzen nicht beseitigen.
Lula wäre deshalb gut beraten, einen ausgewiesenen, international anerkannten Finanzfachmann zum Finanzminister zu ernennen. Das wäre ein wichtiges Signal an Investoren und Märkte. Er selbst sprach von einer neuen, modernen Regierung und verwendete sogar das Wort «historisch». Es folgte eine Reihe von Absichtserklärungen. Für eine belastbare Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung im Jahr 2027 ist es jedoch noch zu früh.
Ein Präsident ohne parlamentarische Mehrheit
Die «New York Times» wies zu Recht darauf hin, dass Lulas eigentlicher Kampf erst jetzt beginne – in einem tief gespaltenen Land und mit einer ausgesprochen schwachen Stellung im Parlament.
Seine Partei verfügt lediglich über 90 der 513 Sitze im Abgeordnetenhaus und neun Sitze im Senat. Damit ist Lula auf politische Partner angewiesen. Das brasilianische System der sogenannten Koalitionspräsidentschaft führt regelmässig dazu, dass ein Wahlsieger nach seinem Triumph beinahe wie ein Kaiser ohne Kleider dasteht: Er besitzt das höchste Staatsamt, muss sich die notwendigen Mehrheiten aber mühsam zusammensuchen.
Lula verfügt über Erfahrung, politisches Geschick und die Fähigkeit, Bündnisse zu schmieden. Die entscheidenden Partner dürfte er vor allem in der politischen Mitte finden. Anders als in Deutschland gibt es in Brasilien jedoch keine Koalitionsverhandlungen mit einem verbindlichen Regierungsprogramm nach vertrautem Muster. Vieles beruht auf Absprachen, die politisch bindend wirken sollen, institutionell aber häufig Spielraum lassen.
«Brasilien erwartet von uns Resultate. Wir haben viel Arbeit vor uns»
Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Präsidenten der beiden Parlamentskammern zu: Davi Alcolumbre im Senat und Hugo Motta im Abgeordnetenhaus. Sie bestimmen wesentlich mit, welche Vorhaben auf die Tagesordnung gelangen und wann darüber beraten wird. Ohne ihre Unterstützung dürfte es für Lula schwierig werden, zentrale Reformen durchzusetzen.
Beide besuchten Lula am Montag nach dessen Wahlsieg und gratulierten ihm. Anschliessend veröffentlichte Alcolumbre eine Mitteilung, in der er sich zum institutionellen Dialog und zur Verständigung im Interesse Brasiliens bekannte. Seine Schlussbotschaft war unmissverständlich: «Brasilien erwartet von uns Resultate. Wir haben viel Arbeit vor uns.»
Damit ist die Lage treffend beschrieben. Der Wahlsieg verschafft Lula eine neue Amtszeit, aber noch lange keine politische Handlungsfreiheit. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst jetzt: Er muss ein tief gespaltenes Land regieren, die Finanzmärkte beruhigen, seine kostspieligen Wahlversprechen finanzpolitisch einhegen und im Kongress Mehrheiten organisieren. Ob ihm das gelingt, wird darüber entscheiden, ob aus seinem Wahlsieg tatsächlich ein politischer Neuanfang wird.