Am Abend traf Trump in Davos mit Bundespräsident Guy Parmelin zusammen. Der amerikanische Präsident ging in seiner Rede nicht schmeichelhaft mit dem Gastgeberland um. Die Schweiz sei nur reich, weil sie von den USA profitiere, sagte Trump. Und er lästerte über Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die – fröhlich wirkend – beim Treffen mit Trump dabei war.
Mehrere Staatschefs versuchen in Davos, Trump davon abzuzbringen, Grönland in die USA einzugliedern. «Dieser Vorstoss der Verbündeten», schreibt CNN, «kommt zu einem Zeitpunkt, an dem auch in Trumps Umfeld Bedenken hinsichtlich der Rhetorik des Präsidenten geäussert werden».
Trumps mit Spannung erwartete Rede fiel recht zahm aus. Man hat schon einen aggressiveren Trump gesehen. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in der Grönland-Frage unnachgiebig bleibt.
Entscheidend wird nun sein, was in bilateralen oder multilateralen Gesprächen in Davos geschieht. Gelingt es den europäischen Staatschefs, Trump einen Kompromiss in der Grönlandfrage schmackhaft zu machen – ein Kompromiss, bei dem er das Gesicht wahren kann und bei dem Grönland unabhängig bleibt?
Nato-Generalsekretär Mark Rutte erklärte vor einem Gremium in Davos, dass er hinter den Kulissen daran arbeite, den Furor um die Drohungen von Präsident Trump, Grönland zu übernehmen, zu entschärfen. «Ich kann Ihnen versichern, dass letztendlich nur eine umsichtige Diplomatie Abhilfe schaffen kann» sagte Rutte, der offenbar einen guten Draht zu Trump hat.
Gearbeitet wird an einem Vorschlag, der es den USA erlauben würde, im Rahmen der Nato weitere Militärstützpunkte auf Grönland zu stationieren. Die Insel würde aber offiziell ihre Autonomie bewahren und nicht amerikanisches Territorium werden. «
«Die 10 Prozent sind vom Tisch»
Die «News des Tages» traf einige Stunden nach seiner Rede ein. Trump gab bekannt, dass er nach einem Treffen mit dem Nato-Generalsekretär eine «Grundlage für ein künftiges Abkommen» zu Grönland erreicht habe. Die 10-Prozent-Zölle, mit denen er acht europäischen Staaten gedroht hatte, seien nun «vom Tisch».
«Diese Lösung wird, wenn sie umgesetzt wird, für die Vereinigten Staaten von Amerika und alle Nato-Staaten grossartig sein», schrieb Trump auf Truth Social, ohne jedoch Einzelheiten zu der Vereinbarung zu nennen.
Im «Goldenen Ei»
In Davos stieg Trump im Fünfstern-Hotel «Alpengold» ab. Im Volksmund heisst die Luxusherberge das «Goldene Ei». Von dort aus sind es bis zum Tageszentrum, wo Trump am Nachmittag sprach, fünf Autominuten.
Fast 3000 Gäste waren nach Davos gekommen, unter ihnen 64 Staats- und Regierungschefs und über 800 Wirtschaftsvertreter. Noch nie kamen so viele hochrangige Geladene auf den Zauberberg, den Thomas Mann mit einem Literaturklassiker verewigte. Sie alle wollten den amerikanischen Präsidenten live erleben.
Fakten waren noch nie die Stärke von Trump. Auch seine Davoser Rede trotzte vor nachweislich vielen falschen oder irrreführenden Behauptungen. An die Selbstberäucherungen, Übertreibungen und erfundenen Zahlen hat man sich inzwischen gewöhnt. Etwas Geschichtsunterricht täte ihm gut. Er lebt in einer eigenen Blase und handelt nach dem Prinzip: «Ist doch egal, wenn etwas nicht stimmt – Hauptsache die Leute glauben es.»
Trumps Rede
Seine Rede am WEF in Davos begann Trump mit einem dicken Selbstlob. «Ich bin hier mit phänomenalen Neuigkeiten», sagt er zu Beginn. Das Wachstum in den USA explodiere. Die Wirtschaft wachse, während die Inflation zurückgehe. Seit seinem Amtsantritt habe es ein Wirtschaftswachstum gegeben, das noch nie gesehen wurde. «Seit meiner Wahl haben die Börsen Rekordwerte erreicht. Die Leute sind sehr zufrieden mit mir», sagt der US-Präsident. «Wir sind das ‹heisseste› Land der Welt.»
Viele Länder könnten wirtschaftlich auch so gut dastehen wie die USA, wenn sie dasselbe tun würden, sagt Donald Trump. «Ich liebe Europa, und ich will, dass es Europa gut geht. Aber ich glaube, dass Europa nicht in diese Richtung geht.» Es gebe soviel Potenzial in so vielen Ländern – «aber die Massenimmigration hat dies verhindert.» Regierungschefs in Europa würden dies jedoch nicht verstehen. In gewissen Teilen Europas seien Orte «nicht mehr wiederzuerkennen». Und: «Ich erkenne Europa nicht wieder.» Und: «Wir wollen, dass Europa stark wird.»
«Wir hatten ein hervorragendes Jahr», sagt er mit Blick auf die Staatsfinanzen. Innerhalb eines Jahres hätten die USA das Handelsdefizit gekürzt. «Jetzt denken alle, dass ich das Richtige gemacht habe.»
Venezuela
Die Erdgasproduktion sei unter seiner Führung so hoch wie nie zuvor, so Trump weiter. Venezuela sei auch ein toller Ort dafür, aber dann sei in der Politik einiges schief gelaufen. «Aber jetzt unterstützen wir sie und wir schätzen die Zusammenarbeit mit ihnen.» Venezuela werde in den nächsten sechs Monaten mehr Geld machen als in den letzten 20 Jahren.
Grönland
Grönland sei ein unterentwickeltes Land. Er habe grossen Respekt für die Menschen von Grönland und Dänemark. Aber jedes Nato-Land müsse in der Lage sein, das eigene Land zu verteidigen. Aber Grönland sei nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen – auch Dänemark nicht. Trump erwähnt, wie die USA im Zweiten Weltkrieg für Dänemark gekämpft haben. Aus strategischen Gründen sei die Insel wichtig für die USA. Und nur die USA seien in der Lage, Grönland zu verteidigen. Er sei ein grosser Unterstützer der Nato, behauptet der Präsident, aber die Nato würde die USA «unfair behandeln».
Grönland bezeichnet er als «zentrales nationales Sicherheitsinteresse». Deshalb wolle er Grönland und nicht wegen der im Boden liegenden «seltenen Erden». Er spricht sich für «umgehende Verhandlungen mit Dänemark» aus. Dabei soll über den Erwerb Grönlands diskutiert werden. Grönland liege «unverteidigt an einem strategisch entscheidenden Ort zwischen den Vereinigten Staaten, Russland und China». Ich will nur, dass die USA Grönland wiederbekommen», sagt Trump. Man habe Grönland nach dem Zweiten Krieg aus Respekt an Dänemark zurückgegeben, aber dafür habe man nichts bekommen. «Was wir von der Nato erhalten haben ist: Nichts. Das einzige was wir jetzt verlangen, ist, dass wir Grönland zurückbekommen.» Der Präsident betont jedoch, er werde keine Gewalt anwenden.
Angriff auf die Medien
Nun kommt Trump auf seinen Lieblingsfeind zu sprechen: «Wir brauchen faire Medien und keine verzerrten.» Seit seinem Amtsantritt sei er ein Opfer der negativen Presse. «Wenn sie glaubwürdiger sein wollen, müssen sie faire Berichterstattung machen.»
Bidens Erbe
Wie immer schiebt er auch in Davos seinem Vorgänger die Schuld für den Ukraine-Krieg in die Schuhe. Er habe damals Putin gesagt, er solle die Finger von der Ukraine lassen, aber er sei dann nicht mehr Präsident gewesen. Wäre er aber Präsident gewesen, wäre der Ukrainekrieg «nicht passiert». Der Ukraine-Krieg sei der schlimmste Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg. «Dieser Krieg muss aufhören, weil zu viele Menschen sterben.» Putin und Selenski würden beide mit ihm an einem Frieden arbeiten wollen, sagt Trump. Damit helfe er Europa und der Nato.
Wieder ein Angriff auf die Nato
«Ich möchte einfach, dass die USA Grönland wieder bekommen», sagt Trump. Früher sei Grönland schon im Besitz der USA gewesen, behauptet er. «Wir kriegen nichts von der Nato. Wir haben die Nato zu 100 Prozent finanziert, aber wir kriegen nichts.» Andere US-Präsident hätten Milliarden von Dollar ausgegeben für die Nato und hätten dafür nichts bekommen, «weil sie auch nicht gefragt haben», sagt Trump. «Die Nato ist eine Einbahnstrasse.» Auch Kanada, der nördliche Nachbar sei nicht dankbar, obwohl das Land von den USA finanziert würde.
«Ich bitte um ein Stück Eis»
Jetzt wird er zynisch. «Ich habe so viel für die Nato getan», sagt er, «jetzt bitte ich um ein Stück Eis». (Damit meint er Grönland). Das sei wenig, was er verlange. Dieses kalte, weit entlegene Stück Eis spiele eine grosse Rolle zum Schutz der Welt. Er sei zu hundert Prozent für die Nato, aber «ich weiss nicht ob sie für uns da sein werden.» Ein starkes Amerika bedeute eine starke Nato.
Breitseite gegen die Schweiz und Karin Keller-Sutter
«Was zahlt die Schweiz? Nichts!», sagt er. Er spricht vom Handelsdefizit zwischen der Schweiz und den USA. «Das ist zu hoch.» Der Schweiz gehe es nur wegen der USA so gut. «Als ich Zölle von 30 Prozent für die Schweiz angekündigt habe, ist das Chaos ausgebrochen.» Von Bundesrätin Karin Keller-Sutter hält er noch immer gar nichts. Sie habe sich stetig wiederholt: «Nein, nein, bitte tun Sie das nicht!», äfft Trump die Bundespräsidentin nach. Dann habe er gesagt: «Danke, meine Dame, dann machen wir 39 Prozent.»
Dann seien Schweizer Unternehmer auf ihn zugekommen.
«41 Milliarden Dollar für die Schweiz», so viel betrage das Handelsdefizit. Die Schweiz sei ein kleines Land. Karin Keller-Sutter sei am Telefon ganz aggressiv gewesen. «In diesem Gespräch ist mir aufgefallen, das die USA wirklich die ganze Welt über Wasser halten.» Wenn er hier in Publikum blicke, könne er sechs, sieben Länder aufzählen, die die USA am Leben erhalten. «Jetz weichen sie meinem Blick aus, aber sie nutzen uns aus.»
«Mir ist aufgefallen, ohne uns wäre die Schweiz nicht die Schweiz» Das gelte auch für alle anderen Ländern. Wir möchten mit ihnen zusammenarbeiten, wir wollen ihnen auch nichts Böses. Die USA hätte für die Schweiz auch 70 Prozent Zölle einführen können. «Dann hätten wir Geld gemacht mit der Schweiz. Aber dies hätte die Schweiz in den finanziellen Ruin getrieben. Das wolle ich auch nicht.»
Nachdem er noch die umstrittenen Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE lobte, setzte er zum Schluss der über einstündigen Rede an. «Wir müssen unsere Wirtschaft schützen, wir müssen unsere gemeinsamen Vorstellungen verteidigen und ein System aufbauen, das inspirierender und stärker denn je ist», sagt Trump.
Und: «Die USA sind wieder da, viel stärker als jemals zuvor.»
Kommt nach Grönland Kanada?
Niemand soll glauben, erklären amerikanische Journalisten, Trump werde sich bald beruhigen. Der Sturz Maduros hat ihn in einen Siegesrausch versetzt. Ins Visier gerät nach Grönland jetzt auch wieder Kanada. Auf seinem Social Media-Portal publizierte er kurz vor Beginn des WEF eine mit KI erzeugte Fotomontage, auf der nicht nur Grönland und Venezuela, sondern auch Kanada mit der US-Flagge bedeckt ist.
Trump war mit einer riesigen Delegation angereist. Dabei sind unter anderem Aussenminister Marco Rubio, Finanzminister Scott Bessent und Handelsminister Howard Lutnick. Auch Trumps Sondergesandter Steve Witkoff, der in Gaza und der Ukraine für Frieden sorgen soll, und Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner sind in Davos präsent.
«Trump will Europa unterwerfen»
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war schon am Dienstag in Davos aufgetreten und hatte die Zolldrohungen von Trump scharf verurteilt. Er bezichtigte die USA eines «neuen Kolonialismus». Trumps Ziel sei es, Europa zu schwächen «und zu unterwerfen». Die neuen Zölle seien «inakzeptabel».
Dabei in Davos sind auch der syrische Interimspräsident Ahmad al-Sharaa, der kanadische Premierminister Mark Carney, der argentinische Präsident Javier Milei und Israels Präsident Isaac Herzog sowie der Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mohammad Mustafa, und der serbische Präsident Aleksandar Vučić. Und natürlich auch Friedrich Merz und Ursula von der Leyen. Gleich vier Bundesräte befinden sich in Davos: Bundespräsident Guy Parmelin, Ignazio Cassis, Karin Keller-Sutter, die sich einiges anhören musste, und Martin Pfister.
«Ich kann diese Komplizenschaft nicht mehr ertragen»
Anwesend ist auch der demokratische Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, ein Erzfeind von Trump. Er wirft europäischen Staats- und Regierungschefs vor, sie seien immer noch allzu unterwürfig gegenüber Trump. «Ich kann diese Komplizenschaft nicht mehr ertragen, wie Leute klein beigeben», sagte der Gouverneur des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaats. «Ich hätte einen Haufen Knieschoner mitbringen sollen für die ganzen (vor Trump kriechenden) Staatenlenker.»
Bei seinem letzten Besuch am WEF vor sechs Jahren war der amerikanische Präsident von Wirtschaftskoryphäen hofiert, umschwänzelt, ja gar umschleimt worden. Das wird auch in diesem Jahr der Fall sein, auch wenn man in Wirtschaftskreisen langsam zur Erkenntnis gelangt, welchen Schaden der überspannt exzentrische Trump anrichtet.
Grönland überschattet alles
Erstmals nicht dabei ist Klaus Schwab, der Gründer des WEF. Er ist entmachtet worden und hatte sich nach Affären und Kritik an seinem Führungsstil zurückgezogen.
In Davos geht es jetzt nicht nur um Grönland, sondern auch um die Zukunft der Nato, um den Ukraine-Krieg, die Beziehungen zu Russland und China sowie allgemein um Trumps geopolitische Ambitionen. Eigentlich ist das WEF ein Wirtschaftsforum., doch wirtschaftliche Themen treten in diesem Jahr eher zurück. Mit einer Ausnahme: Auch Trumps Angriffe auf Jerome Powell und auf die Unabhängigkeit des Fed sind in Davos ein Top-Thema.
(Journal 21)