«Sie ist eine grossartige, eine fantastische Frau.» Mit diesen Worten qualifizierte Donald Trump vor gut einem Jahr die italienische Ministerpräsidentin. Und Italien war stolz, dass ihre Regierungschefin als eine der Einzigen die Gunst des US-Präsidenten genoss. Tempi passati.
Ein Foto vom G7-Gipfel in Évian zeigt Trump zusammen mit Giorgia Meloni in vertraulichem Gespräch. In einem Interview in der Sendung «L’Aria che tira» des regierungskritischen italienischen Fernsehsenders La7 (La sette) behauptete Trump, Meloni habe ihn in Évian angefleht, ein Foto mit ihr zu machen. Er habe zugestimmt, weil er Mitleid mit ihr gehabt habe.
Wörtlich sagte er: «Wahrscheinlich ist sie froh, dass ich überhaupt mit ihr gesprochen habe! Ich war nicht verpflichtet, mit ihr zu reden. Ich weiss nicht, was ich Ihnen sagen soll! Sie hat mich angefleht, ein Foto mit ihr zu machen! Sie wollte unbedingt ein Foto mit mir. Ich hätte es auch nicht machen können, aber sie tat mir leid!»
Oh là là.
«Ich bin ehrlich gesagt schockiert»
Von früher kennt man cholerische Ausfälle der jetzigen italienischen Regierungschefin. Seit sie an der Regierung ist, hat sie sich gemässigt und zeigt sich vorwiegend diplomatisch, staatstragend, verhalten.
Trumps jetzige Aussage liess ihr jedoch den Kragen platzen. Sie fauchte, wie man sie seit Langem nicht mehr kennt.
Wörtlich sagte sie: «Manche Dinge verdienen eine sofortige Antwort: Die Aussagen von Donald Trump sind völlig frei erfunden. Ehrlich gesagt bin ich fassungslos.» Und weiter: «Ich weiss nicht, warum sich der Präsident der Vereinigten Staaten seinen Verbündeten gegenüber so verhält; allerdings ist dies nicht das erste Mal. Ich kann nur sagen, dass es bedauerlich ist, dass er gegenüber den Feinden des Westens und den Feinden der Vereinigten Staaten nicht dieselbe Entschlossenheit zeigt. Aber eines sollte er sich merken: Weder ich noch Italien flehen jemals um etwas!»
«Trump hat «ganz Italien beleidigt»
Der diplomatische Zwischenfall ist perfekt. Nicht nur Meloni ist entrüstet. Italiens Aussenminister Antonio Tajani kündigte am Freitag an, eine geplante Reise in die Vereinigten Staaten abzusagen. In Washington hätte er US-Aussenminister Rubio treffen sollen. Tajani bezeichnete Trumps Aussagen als «beleidigend für ganz Italien». Meloni schob nach, Trumps Worte seien «total erfunden».
Die amerikanische Botschaft in Rom veranstaltet aus Anlass der 250-Jahrfeiern der USA einen pompösen Empfang. Nach Trumps Interview haben nun zahlreiche italienische Minister entschieden, der Einladung nicht zu folgen. Zudem haben die Fratelli d’Italia, Melonis Partei, begonnen, hart gegen Trump zu hetzen. In den sozialen Medien bahnt sich eine Welle von verunglimpfenden Anti-Trump-Kommentaren ab.
Meloni galt lange Zeit als «Chouchou» des amerikanischen Präsidenten. Mit einer vorsichtigen Schaukelpolitik gelang es ihr, den Herrscher im Weissen Haus bei Laune zu halten. In Europa hoffte man, die Italienerin könne die schwer belasteten Beziehungen zwischen Trump und den europäischen Führern entschärfen. Und sie gefiel sich in dieser Rolle.
Umschwänzelt und hofiert
Alles begann vor einem Jahr. Nach der Wahl Donald Trumps wurde die italienische Regierungschefin in Mar-a-Lago umschwänzelt und hofiert wie kaum eine andere Persönlicheit. Vor Journalisten schwärmte Trump: «Das ist wirklich aufregend. Ich bin hier mit einer fantastischen Frau, der italienischen Premierministerin. Sie hat Europa und alle anderen im Sturm erobert, und heute Abend essen wir zusammen.» Auch später betonte er mehrfach: «Sie ist eine phantastische Frau.»
«Inakzeptabel»
Doch der einstige Honeymoon zwischen den beiden hat schon seit Längerem Schrammen abbekommen. Anfang dieses Jahres sagte Meloni von Asien aus: «Die Ankündigung einer Erhöhung der Zölle gegenüber den Ländern, die sich für die Sicherheit Grönlands engagieren, ist ein Fehler.» Sie sagte es ganz klar: «Ein Fehler». Trump hatte angekündigt, dass er gegen acht europäische Länder, die sich gegen seine Grönland-Politik stemmen, einen Zoll von 10 Prozent verhängt. Es sei vielleicht das erste Mal gewesen, schrieb La Repubblica damals, «dass die Ministerpräsidentin keine sanften Worte wählt, um den Tycoon zu kritisieren».
Mitte April dann bezeichnete Meloni Trumps Kritik an Papst Leo XIV. als «inakzeptabel». Trump hatte den Papst scharf kritisiert. Meloni verteidigte Leo XIV. mit den Worten, es sei völlig normal, dass der Papst zum Frieden aufrufe und Kriege verurteile.
«Wir waren immer Freunde»
Der Gipfel in Évian hatte den Eindruck vermittelt, die sehr belasteten Beziehungen zwischen dem Weissen Haus und den europäischen Führern hätten sich etwas entspannt. Auch Meloni hatte vor dem Treffen am Genfersee erklärt, die Schwierigkeiten seien überwunden. «Wir (Trump und ich) waren immer Freunde. Ich habe die Beziehung als unverändert erlebt. Es gab keine Vorwürfe, und wir haben auch nicht über die Ereignisse der Vergangenheit gesprochen.»
Dann kam das Interview mit La7.