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«Postliberal» – oder einfach nur reaktionär?

2. November 2026
Urs Meier
J.D. Vance MSC 2025
US-Vizepräsident J. D. Vance bei seinem historischen Auftritt an der 61. Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2025. Seine Rede schockierte die Teilnehmer und markierte einen Bruch zwischen Trump-USA und dem Alten Kontinent. (Keystone/AP Photo, Matthias Schrader)

Der politische Kampfbegriff Postliberalismus verkündet einen Epochenbruch: Die an Aufklärung und individuellen Menschenrechten orientierte Politik soll abgelöst werden von einer Ordnung der kulturellen Homogenität und des verordneten Gemeinwohls.

Das Auftreten der MAGA-Leute auf internationalem Parkett – und vor allem gegenüber Europa – lässt keinen Zweifel: Sie verstehen sich als Avantgarde eines neuen Zeitalters und blicken mitleidig auf jene, die noch immer die Fahne der Aufklärung hochhalten und sich der liberalen Demokratie verschreiben. 

Ur-Szene dieser Konfrontation war der Auftritt von J. D. Vance am 14. Februar 2025 auf der 61. Münchner Sicherheitskonferenz. Er warf den Europäern vor, mit ihrer Duldung der Migration den eigenen Niedergang zu betreiben, die Meinungsfreiheit zu untergraben und alternative Standpunkte als Populismus und Desinformation zu verleumden. Die Rede schlug damals am Beginn der zweiten Amtszeit Trumps wie eine Bombe ein und markierte einen geistigen und politischen Bruch zwischen den USA und dem Alten Kontinent.

Hinter den vom eifernden US-Vize und einigen milliardenschweren Tech-Bros verfochtenen Parolen wirkt eine Gruppe von Intellektuellen als Vordenker des konservativen Umsturzes. Mit ihnen befasst sich ein wissenschaftlicher Reader: «Postliberalismus? Eine transatlantische Debatte». Der von den Politikwissenschaftlern Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann kenntnisreich zusammengestellte Diskussionsband lässt die prominentesten Vertreter des amerikanischen und englischen Postliberalismus ausführlich zu Wort kommen und stellt ihnen Positionen gegenüber, die das neue Phänomen ideengeschichtlich einordnen und kritisch unter die Lupe nehmen. 

Liberalismus: vom eigenen Erfolg zerstört

Unangefochtener Mastermind des Postliberalismus ist der amerikanische Politologe Patrick J. Deneen, Professor an der katholischen University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Mit «Why Liberalism Failed» (2018) und «Regime Change. Towards a Postliberal Future» (2023) hat er die programmatischen Grundlagen der konservativen Wende formuliert. Deneen ist ein hochgebildeter Intellektueller, der selbstverständlich weder mit den Pöbeleien noch mit den dubiosen Machenschaften eines Trump in Verbindung gebracht werden will. 

Der Liberalismus, dessen Ende Deneen behauptet, ist die Summe aus Aufklärung und dem aus ihr hervorgegangenen Staatsdenken, welches auf den Rechten des freien Individuums aufbaut. Diese Doktrin sei dermassen erfolgreich, so Deneen, dass sie nun ihre eigenen kulturellen Grundlagen zerstöre: Schrankenloser Individualismus löse alle kulturellen und gesellschaftlichen Bindungen auf bis hin zur Familie, den naturgegebenen Geschlechterrollen und der humanen Reproduktion. 

Deneen revitalisiert so einen antimodernistischen katholischen Integralismus. So ist es denn kein Zufall, dass gleich mehrere Exponenten des Postliberalismus im Dunstkreis dieses Integralismus verortet sind. Prominent auch hier J. D. Vance, der 2019 zum Katholizismus konvertierte und sich (mit dem neuen Zunamen Augustinus) taufen liess, was vielleicht eine Form der Vorbereitung seiner späteren Konversion vom vehementen Trump-Kritiker zum bedingungslosen Trump-Adepten bildete. Peter Thiel, der ebenfalls eine führende Rolle im Postliberalismus beansprucht, stammt zwar aus einer lutherisch-evangelikalen Familie, pflegt aber enge Kontakte zu Exponenten des integralistischen Katholizismus und fühlt sich nach eigenen Angaben «katholischer als der durchschnittliche Katholik».

Aristopopulismus

Das Leiden an der Vereinzelung gehört zu den Standards westlicher Selbstreflexion und Kulturkritik, die schon in der Antike beginnen. Mit seiner Absage an den Individualismus bleibt Deneen also auf ausgetretenen Pfaden. Brisant ist hingegen sein Entwurf für die postliberale Gesellschaft. Er sieht für diese eine «Mischverfassung» vor, ein Zwischending von Demokratie und Aristokratie. An die Stelle der selbstherrlichen progressiven «Managerial Elite», die in der liberalen Gesellschaft das Sagen hat (zu ihr gehören neben dem Führungspersonal der Wirtschaft auch das der Politik, Kultur und Bildung), soll eine wertkonservative, dem Gemeinwohl verpflichtete Elite treten, eine Aristokratie (von Aristoi – die Besten), die einen «Artistopopulismus» etabliert. 

Als populistisches Element dieses Mischsystems sieht Deneen eine pseudo-demokratische Organisationsform vor, welche den Massen der einfachen Leute die Möglichkeit gibt, ihre Bedürfnisse an die Führungselite zu übermitteln. Deneen rechnet fest damit, dass dies die Massen zufriedenstellt, da die von ihm vorgesehene Elite ja auf das Gemeinwohl verpflichtet und moralisch zuverlässig ist.

Es fällt natürlich ins Auge, dass diese Charakterisierung denkbar schlecht auf Trump passt. Deneen und andere postliberale Intellektuelle wollen denn auch nicht als MAGA-Chefdenker fungieren. Sie begrüssen zwar den Mann im Weissen Haus und seine politische Bewegung als notwendige Disruption, denken aber in weit grösseren Dimensionen. Die Überwindung des Liberalismus, die sie denkerisch anzubahnen glauben, ist aus ihrer Sicht ein Epochenbruch. Für die postliberalen Vordenker wird erst durch diesen Bruch eine Politik im Sinne des Gestaltens von Gesellschaft überhaupt wieder möglich.

Reaktionäre Wendung

Bei näherer Betrachtung stellt sich der intendierte Aufbruch nach vorn allerdings als reaktionäre Wendung hin zu einer idealisierten Vergangenheit heraus. So sollen Kultur und Gesellschaft sich in eine religiöse (sprich integralistisch-katholische) Gesamtschau einordnen. Deneen ist allerdings vorsichtig genug, es hier bei nebulösen Beschreibungen zu belassen. Wer diese Autorität ausüben soll, mit welchen Mitteln sie durchzusetzen wäre, sagt er wohlweislich nicht. Vermutlich geht er davon aus, dass den herrschenden «Aristoi» die ihm vorschwebende katholische Ordnung ohnehin als Selbstverständlichkeit gelten und die untergeordete Masse sie bereitwillig akzeptieren würde. Die neue Gesellschaft, da sind sich Deneen und andere postliberale Theoretiker einig, hält das Christentum wieder hoch, ist kulturell homogen und kleinräumig strukturiert und sie setzt auf die traditionelle Familie und auf Individuen, die sich bereitwillig einordnen.

Der hier angezeigte Debattenband führt die Diskussion mit dem postliberalen Gesellschafts- und Politikkonzept fair, differenziert und mit aller wünschbaren Gründlichkeit. Etliche der Diskutanten sind zur politologischen Prominenz zu zählen, so etwa Philip Manow (Universität Siegen), Jan Werner Müller (Princeton University) und Nadia Urbinati (Columbia University). 

Was auf den über 450 Seiten an Pro und Kontra Postliberalismus entwickelt und erläutert wird, lässt sich hier im Einzelnen nicht wiedergeben. Die Texte vermeiden grossenteils den sozialwissenschaftlichen Jargon und sind gut lesbar. Die bei solchen Sammelbänden nicht zu vermeidenden Redundanzen halten sich in Grenzen. Das Thema ist so aktuell und die Auseinandersetzung so spannend, dass man dranbleibt – und belohnt wird.

Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann (Hg): Postliberalismus? Eine transatlantische Debatte, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2494, Berlin 2026, 463 S.

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