Wahrzeichen von Prerow auf der vorpommerschen Halbinsel Darss ist die 300-jährige Seemannskirche. Dort ist über Pfingsten ein riesiges Gemälde von Georg Baselitz ausgestellt worden. Der ungewöhnliche Anlass wurde von Freiwilligen am Ort durchgeführt.
Susan Knoll berichtet als direkt Beteiligte. Sie ist Vorsitzende des Fördervereins Seemannskirche, der die Baselitz-Aktion initiiert und gestemmt hat. Der Verein zählt 500 Mitglieder in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien. Knoll lebt in Berlin und Wieck am Darss, einem Nachbardorf Prerows. Sie ist beim «Tagesspiegel» in Berlin Verlagsleiterin Politische Kommunikation.
Wie ehrt man einen der grössten Maler des 20. Jahrhunderts? In dem man seine Werke zeigt! Das machen nach dem Tod von Georg Baselitz am 30. April viele prominente Kunsthäuser, so etwa das Museum der Moderne in Salzburg, das Museo Novecento in Florenz, das Kunstmuseum Schloss Derneburg – aber auch eine kleine abgelegene Dorfkirche ganz im Norden Deutschlands an der Ostseeküste. 72 Stunden nonstop wurde im dem 1300-Einwohnerdorf über Pfingsten ein grossformatiger Baselitz präsentiert. Natürlich auf dem Kopf stehend. Der höchst ungewöhnliche Kunst-Event hat in ganz Deutschland und darüber hinaus Aufmerksamkeit erregt.
Erst zweimal wurde das Gemälde «Mein Vater sieht einen Engel» ausgestellt: in Dresden 1997 und in Genua 2016. Nun gelangte es in die Prerower Seemannskirche, die mit diesem Coup die Feierlichkeiten zu ihrem 300-jährigen Bestehen eröffnete und zugleich den kurz zuvor verstorbenen Künstler ehrte.
Erinnerungen an die Dünen bei Prerow
Wie kommt Weltkunst ins abgelegene Prerow? Der Anfang dieser Geschichte liegt im Oktober 2023, als eine Prerower Künstlerin und der Baselitz-Bruder Günter Kern darüber informieren, dass der Jahrhundertkünstler eine Prerower Geschichte hat. Georg Baselitz heisst eigentlich Hans-Georg Bruno Kern. Die Familie Kern verbrachte in den 50er-Jahren auf dem direkt am Strand in den Dünen liegenden Zeltplatz regelmässig ihre Sommerferien. Vater Johannes Kern, lebensbeeinträchtigend kriegsverwundet, genoss diese Auszeit sehr und organisierte sie regelmässig. Für die Familie Kern bedeuteten diese Urlaube Glückseligkeit.
In Erinnerung daran hat Georg Baselitz 1996, in einer Phase der künstlerischen Bearbeitung seiner (familiären) Vergangenheit, ein 3 x 4 m grosses Gemälde geschaffen. Es ist angelehnt an ein Foto, welches seinen Vater gen Himmel blickend am Strand von Prerow zeigt. Ein Bild voller Frieden und Harmonie – eben das, was die Kerns in Prerow suchten und fanden als Ausgleich ihres beschwerlichen Leben zuhause in Sachsen. (Foto: Johannes Kern, Georg Baselitz’ Vater, in den 50er-Jahren beim Strandurlaub auf dem Zeltplatz in den Prerower Dünen; © privat)
Start eines Grossprojekts
Ein Anruf im Baselitz-Büro, eine Mail an den Künstler und sechs Stunden später die Antwort von Georg Baselitz: «Ich habe sehr glückliche Erinnerungen an die Zeit. Im Ort gab es damals eine Eisdiele, man bekam dort Eis mit alkoholischen Essenzen und es gab keine gepflasterten Strassen, wunderbar. Ich war auch in der Kirche; es gab damals einen Beschliesser, den man nicht verstand, aber ich fand das Ganze – weil es so unsächsisch und heidnisch war – sehr schön!» Und sofort kam die Zusage, das Gemälde «Mein Vater sieht einen Engel» in der Prerower Kirche ausstellen zu dürfen. Mit dem Nachsatz: «Wenn es irgendjemanden interessiert.»
Auf dem Kunstmarkt unerfahren, türmten sich vor den Initianten sogleich die Fragen auf. Allein schon diese: Wie bekommt man ein 3 x 4 m grosses Bild überhaupt in die kleine Kirche? Durch Fenster oder die Türen geht es nicht. Und wie kommt die riesige Leinwand aus dem Münchner Depot nach Prerow? Wie muss das Bild bewacht, wie muss es versichert werden? Wo im Kirchenraum passt das Gemälde hin? Wie kann es dort aufgehängt werden? Und: Was kostet das alles? Kann man Eintritt für ein einziges Bild nehmen?
Schnell wurde dem organisierenden Förderverein klar, dass für all diese Fragen Spezialisten benötigt werden: Restaurator, Wachfirma, Versicherung, Transportunternehmen. Spezialisten kosten! Das Bild für zwei, drei Wochen in der Urlaubszeit zu präsentieren, erwies sich sogleich als unbezahlbarer Wunschtraum. Allein die Bewachungskosten wären für einen ehrenamtlich tätigen Verein nicht zu stemmen gewesen.
Die Lösung: kurz und intensiv
So entstand die Idee, das Gemälde kurz, aber heftig auszustellen. Drei Tage, 72 Stunden, von Freitag, 22. Mai 2026, bis Pfingstmontag, 25. Mai. Und zwar nonstop rund um die Uhr. Dadurch weniger Bewachungskosten, eine geringere Versicherungsquote und dafür ein Event mit dem besonderen Etwas.
Damit war der äussere Rahmen beschlossen. Der Rest war vor allem Organisation: Zeitabläufe festlegen, Kostenvoranschläge einholen, Verträge vorverhandeln, Pressearbeit regional, national und international. Ein Weltkünstler in einer Dorfkirche – wenn das keine Geschichte ist!
Von den Vereinsmitgliedern waren schnell viele bereit, im durchgehenden Betrieb Besucherinnen und Besucher zu empfangen und auch nachts um zwei Wein und morgens um sechs Kaffee auszuschenken. Am Ende waren 108 Helfer über die 72 Stunden im Einsatz.
Blieb noch die Frage der Kosten. Schnell waren sich die Veranstalter einig, dass für ein einzelnes Bild, und sei es noch so bedeutend und gross, kein Eintrittsgeld verlangt werden kann. Auch mussten Gottesdienste zu Pfingsten wie gewohnt stattfinden können, da hatte die Kirche ohnehin frei zugänglich zu sein.
Finanzierung aus eigenen Kräften
Man setzte also zum einen auf die Spenden der Besucher und vertraute darauf, sie würden die Anstrengungen der vielen Freiwilligen honorieren, einen Weltkünstler in die kleine, wunderschöne Seemannskirche zu bringen. Zum anderen wurden die Mittel für die Kunstaktion mit einem gastronomischen Angebot für die Besucher sowie mit Merchandising-Artikeln erwirtschaftet.
Die Sparkasse Vorpommern war vom Projekt ebenso angetan wie das Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Sie sagten ob der Strahlkraft des Events finanzielle Unterstützungen zu. Das schaffte eine gewisse Erleichterung, weil dadurch ein Teil der erheblichen Kosten abgesichert war.
Schliesslich gab es auch noch den Pfingstsonntag. An diesem Tag findet in der Seemannskirche seit vier Jahren immer das Konzert «Cello-Zauber» statt. Uwe Kroggel, früher Solocellist der Sächsischen Staatskapelle Dresden, spielt da stets zusammen mit seinen Gästen in der Kirche. Das Benefizkonzert steuerte einen weiteren Teil an die Kosten bei.
Eine verrückte Idee kommt zum Fliegen
Die Rechnung ging auf. Bei bestem Sommerwetter sahen sich in den 72 Stunden 6174 Besucher das Gemälde an, über zweitausend pro Tag – und die Seemannskirche ist wirklich klein!
«Was der Verein hier geleistet hat, ist einfach grossartig», sagte Detlev Gretenkort, Leiter des Büros Baselitz in München. «6000 Besucher hätten wir in Berlin in 72 Stunden nie erreicht.» Schade nur, dass Georg Baselitz das nicht mehr erleben konnte, denn die Ausstellung von «Mein Vater sieht einen Engel» war ihm eine Herzensangelegenheit. «Noch Tage vor seinem Tod fragte er nach, ob mit der Ausstellung in Prerow alles läuft», so Gretenkort.
Gretenkort machte auch keinen Hehl daraus, dass er bei der ersten Anfrage seine Zweifel hatte, ob der Verein das alles schaffen würde: «Wenn die sehen, was da an Arbeit und Kosten auf sie zukommt, werden sie schnell aufgeben. Jetzt freue ich mich, dass ich mich da geirrt habe.»
Die kühne Idee, ein Gemälde des berühmten Baselitz im XXL-Format quasi an den Ort seines Ursprungs zu holen und in einer kleinen Dorfkirche auszustellen, ist zum Fliegen gekommen. Der federführende Förderverein Seemannskirche hat dabei das Ziel einer schwarzen Null nicht nur erreicht, sondern übertroffen. Damit sei, so heisst es, schon der Grundstock für ein nächstes Projekt gelegt.