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Fotografie / Buch

Auf den Spuren des Krieges in der Ukraine

14. Januar 2026
Stephan Wehowsky
Trauerfeier
Unter den zwanzig Toten von Kiwi Rin ist auch der dreijährige Timofi Zwitok. Die Rakete explodierte nur wenige Meter von einem Spielplatz entfernt. © Dominic Nahr /NZZ

Menschen, die zu Opfern werden, verlieren mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Es entsteht eine Asymmetrie zwischen ihnen und denjenigen, die ihr Leid betrachten. Nicht nur, dass sie mehr oder weniger auf Hilfe angewiesen sind. Sie locken auch diejenigen an, die in ihrem Leid den Stoff für Fotos und Berichte sehen. Unmerklich werden sie in kürzester Zeit zu Objekten der Neugier. 

Der Band, den der Fotograf Dominic Nahr und der Journalist Ivo Mijnssen in den Jahren von 2022 bis 2025 erarbeitet haben, vermeidet die Sensationen der Reportage. Ivo Mijnssen beschreibt, wie die beiden auf ihren Reisen durch die Ukraine auf ganz unauffällige Weise die Nähe der Menschen suchten, sei es an der Front oder in den Städten, sei es in Anbetracht des Bombenterrors oder auch an den Orten, an denen das Leben scheinbar normal verläuft, wo die Menschen durchatmen, einem ganz normalen Leben mit den üblichen Vergnügungen und Konsumgütern nachgehen, weil der Krieg so erlösend weit weg zu sein scheint.

Ivo Mijnssen ist stellvertretender Chefredakteur der NZZ. Er hat mehrere Jahre in den USA, Russland und der Ukraine zugebracht. Der promovierte Osteuropa-Historiker ist seit 2022 Ukraine-Korrespondent. Dominic Nahr hat als Fotograf für internationale Magazine gearbeitet und sich grosses Renommee erworben. Seine Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten zeichnen sich dadurch aus, dass er jede Art der Sensationshascherei vermeidet. Er wurde 2022 in die Redaktion der NZZ aufgenommen. Als Ivo Mijnssen zu seiner Reise in die Ukraine aufbrechen wollte, schlug die Redaktion vor, dass ihn Dominic Nahr begleitet. Bis dahin kannten sie sich nicht, aber sie fanden rasch zueinander. Gemeinsam ist ihnen die Haltung der Diskretion und der Scham gegenüber dem Leid des Krieges.

Alina
Die Familie von Alina Albetschenko lebt monatelang in einem Bunker unter der Stadt Mikolajew. © Dominic Nahr / NZZ

Als sie an einer Trauerfeier teilnehmen, schreibt Mijnssen, fühlte er sich «wie ein Eindringling». Aber schon «platzen Dutzende von ausländischen Journalisten in eine Zeremonie, die den Familien gehört. Die Medien brauchen Emotionen. Weil diese Clicks generieren. Die Reporter drücken den Trauernden Mikrofone ins Gesicht, quetschen die Tränen aus ihnen heraus. Zwei Fotografen geraten in eine Rangelei.» Ganz anders Dominic Nahr, Er «ist fast unsichtbar. Er bewegt sich ruhig durch die Menschenmasse. Am liebsten sei er wie die Tapete an der Wand, sagt er.»

Das umkämpfte Land

Aber seine Bilder sind von grösster Eindringlichkeit. Man sieht sehr schnell, dass er einen unverwechselbaren Blick hat und dass alle seine Bilder absolut stimmig komponiert sind. Dazu kommt ihre überragende Bildqualität. Seit jeher fotografiert Nahr mit Leica Kameras, die überdies den Vorteil haben, kompakt und leise zu sein. In dem Bildband kommen diese Bilder ganz anders zur Geltung als in den Zeitungen.

Bewohner
Nach dem ersten Kriegsjahr leben die Bewohner der ostukrainischen Stadt Kiwschariwka ohne Wasser und Strom. © Dominic Nahr NZZ

Die Texte und die Bildstrecken wechseln sich ab und stehen scheinbar unverbunden nebeneinander. Die Fotos sind keine expliziten Illustrationen der Beschreibungen von Ivo Mijnssen. Aber sie geben die Stimmungen wieder, die er in den vier grossen Abschnitten: «2022 Widerstand wie im Fieber», «2023 Warten auf den Befreiungsschlag», «2024 Parallelwelten im Abnützungskrieg» und «2025 Die grosse Erschöpfung» beschrieben werden. 

In seiner Einleitung gibt Ivo Mijnssen einen einprägsamen Überblick über die Geschichte der Ukraine und die Jahre, die dem jetzigen Krieg unmittelbar voraus liegen. Die Ukraine war schon immer ein umkämpftes Gebiet mit wechselnden Zugehörigkeiten. Aus russischer beziehungsweise Putins Sicht ist das russische Reich ohne die Ukraine unvollständig. Also «muss» er sie sich wieder einverleiben. Die Ukraine sieht das historisch anders. Was aber am meisten zählt, ist die Tatsache, dass alle Versuche in neuerer Zeit, die Ukraine weiterhin an Russland zu binden, gescheitert sind, weil sich die Bevölkerung ganz klar einen demokratischen Staat mit Bindung an den Westen wünscht. Das wiederum ist ein Pfahl im Fleisch Russlands, der nicht nur schmerzt, sondern auch die Gefahr mit sich bringt, dass der Wunsch nach Freiheit und wirtschaftlicher Prosperität am Ende auch Russland anstecken könnte.

Ragnar
Der Soldat «Ragnar» fährt zu einer Drohnenstellung. Auf der exponierten Hauptstrasse beschleunigt der Wagen auf 200 Kilometer pro Stunde. © Dominic Nahr / NZZ

Der Wille zur Selbstbehauptung ist tief verwurzelt. Aber er sollte nicht idealisiert werden. Während die Frontsoldaten täglich ihr Leben riskieren, gehen die Zivilisten im Hinterland ihren alltäglichen Bedürfnissen nach: «Zwischen Front und Hinterland öffnen sich Gräben. Die Spannung lastet schwer auf der Gesellschaft.» Und obwohl Ivo Mijnssen und Dominic Nahr einige Zeit an der Front verbringen, können sie nicht wirklich nachvollziehen, «was die Fronterfahrung mit den Soldaten macht.» Videos mit Drohenaufnahmen von zerfetzten Russen, über die sich die Frontsoldaten freuen, zeigt auch Verrohung. «Die Entmenschlichung durch den Krieg ist eine riesige Hypothek. Wenn er vorbei ist, wird es den Zehntausenden von seelisch und körperlich Verwundeten schwerfallen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.»

Dominic Nahr, Ivo Mijnssen: Das wilde Feld. Front und Hinterland in der Ukraine 2022, 2023, 2024, 2025, NZZ Libro, 280 Seiten, 39 Franken

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