Trump operiert mit einer Mischung aus Entgegenkommen und Drohen. Der amerikanische 15-Punkt-Plan zur Beendigung des Kriegs folgt dieser Taktik. Doch Trump schätzt die jetzige iranische Führung kaum richtig ein. Und Israel kommt in seinem Kalkül gar nicht vor.
Es ist ein altbekanntes Muster der internationalen Politik: maximale Forderungen, verpackt in das Versprechen einer grossen Lösung. Doch selten tritt es so unverblümt zutage wie in jenem 15-Punkte-Plan, der Donald Trump zugeschrieben wird. Was auf den ersten Blick wie ein grosszügiges Angebot wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Paket, das dem Iran kaum Luft zum Atmen liesse.
Denn ja, die Anreize sind erheblich: ein Ende der Sanktionen, Unterstützung beim zivilen Atomprogramm, sogar Sicherheitsgarantien. Es sind genau jene Punkte, die Teheran seit Jahren einfordert. Doch der Preis dafür ist hoch, vielleicht zu hoch. Im Zentrum steht die faktische Neutralisierung des iranischen Atomprogramms mit strikter Begrenzungen bei der Urananreicherung, mit Verzicht auf weiteren Ausbau und jegliche Option auf waffenfähiges Material. Überwacht werden soll das Ganze engmaschig von der Internationale Atomenergie-Organisation – ein Eingriff, der weit über technische Kontrolle hinausgeht und die Frage nationaler Souveränität berührt.
Besonders brisant sind Forderungen wie die Abgabe bereits angereicherten Urans oder die Stilllegung zentraler Anlagen in Natanz, Fordo und Isfahan. Es sind rote Linien für ein Regime, das seine technologische Unabhängigkeit stets auch als politisches Symbol begreift. Hinzu kommt: Die in Aussicht gestellten Vorteile würden nicht sofort greifen, sondern nur schrittweise. Sie wären jederzeit widerrufbar, sollte Teheran von den Auflagen abweichen. Nach den Erfahrungen mit dem einseitigen Ausstieg Washingtons aus dem Atomabkommen von 2015 dürfte das Vertrauen auf iranischer Seite ohnehin begrenzt sein.
So entsteht ein schiefes Gleichgewicht: maximale Forderungen auf der einen, konditionierte Versprechen auf der anderen Seite. Es ist schwer vorstellbar, dass Teheran einem solchen Deal zustimmt – zumindest in dieser Form.
Ein System rückt zusammen
Diese Skepsis fällt in eine Phase, in der sich auch die innere Verfasstheit des iranischen Systems sichtbar verändert hat. Die gezielten Tötungen zahlreicher militärischer und ziviler Führungspersönlichkeiten haben keine Lähmung ausgelöst, sondern im Gegenteil eine strukturelle Verdichtung. Die Revolutionsgarden sind heute mehr denn je das Rückgrat der Macht. Die zivile Regierung wirkt daneben oft wie eine Hülle mit begrenztem Handlungsspielraum.
Auffällig ist dabei weniger ein personeller als ein kultureller Wandel. Wo früher Figuren wie Qasem Soleimani mit Charisma und eigenen Netzwerken agierten, tritt heute die Institution in den Vordergrund. Das System hat gelernt, Verluste zu absorbieren. Es wirkt nüchterner, technokratischer – und ist vielleicht gerade deshalb schwerer zu beeinflussen. Die neuen Entscheidungsträger sind stärker im Sicherheitsapparat sozialisiert, ideologisch gefestigt und, so scheint es, weniger geneigt zu pragmatischen Kompromissen.
Nach aussen spiegelt sich das in einer Rhetorik der Härte, die jedoch nicht mit blindem Eskalationswillen verwechselt werden sollte. Die Führung in Teheran agiert vorsichtig, fast kalkuliert zurückhaltend, wenn es um direkte Konfrontation geht. Stattdessen setzt man auf indirekte Mittel: Einfluss über regionale Verbündete, Cyberoperationen, begrenzte militärische Aktionen. Es ist ein permanentes Austarieren zwischen Druck und Vermeidung des grossen Krieges.
Macht ohne Gesichter
Vor diesem Hintergrund gewinnen einzelne Akteure zwar an Sichtbarkeit, aber nicht unbedingt an tatsächlicher Gestaltungsmacht. Einer von ihnen ist Mohammad Bagher Ghalibaf. Dessen Name wurde von US-amerikanischer Seite gezielt ins Gespräch gebracht. Der ehemalige Kommandeur der Revolutionsgarden, frühere Bürgermeister Teherans und heutige Parlamentspräsident steht für genau jene Mischung aus technokratischem Anspruch und harter sicherheitspolitischer Linie, die das System derzeit prägt. Und doch: Manche sehen in ihm gar einen, der in der Lage wäre, das System zu übernehmen, so als eine Art iranischer Putin. Angesichts seiner politischen und ideologischen Biographie aber erscheinen diese Erwartungen als höchst spekulativ.
Ghalibaf ist kein Mann der grossen diplomatischen Gesten. Seine politische Biografie ist eng mit Repression, innerer Stabilisierung und der Stärkung der Sicherheitsapparate verknüpft. Dass er sich als Ansprechpartner für Trump anbieten könnte, erscheint nahezu ausgeschlossen – es wäre innenpolitisch riskant und ideologisch kaum vermittelbar. Auch seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2024 gegen Masoud Pezeschkian hat daran wenig geändert: Einfluss wird in Teheran nicht nur über Ämter definiert, sondern über Nähe zu den Machtzentren – und diese Nähe besitzt er weiterhin.
Trumps «Madman»-Politik
Das Machtzentrum, das haben Trumps Berater wohl erkannt, bilden nun die Revolutionsgarden, deren informeller politischer Patron eben jener Ghalibaf ist, den die Bevölkerung bei den Wahlen vor zwei Jahren abgestraft hatte. In Trumps Welt hat sich damit seine Forderung nach einem Regimewechsel in Iran erfüllt. Das neue Regime, dessen vermeintliche Führungsfigur Trump weiter salopp als Ayatollah bezeichnet, stehe für eine neue regionalpolitische Ordnung. Denn, so Trump, die neuen Führungskräfte unterschieden sich alle stark von denen, «mit denen wir angefangen haben und die all diese Probleme verursacht haben». Die «neuen Leute» der iranischen Führung hätten ein «sehr grosses Geschenk» in Sachen Öl und Gas, das «unglaublich viel Geld wert» sei, gemacht, denn das iranische Regime wolle dringend ein Abkommen. Der innenpolitischen Regimewechsel kommt bei Trump nicht vor. Auch die sicherheitspolitischen Erwägungen Israels, das weiter auf die Entmachtung der Ordnung der Islamischen Republik setzt, ignoriert Trump, vielleicht biszum nächsten Wutanfall Netanjahus.
All das trifft auf eine amerikanische Strategie, die selbst von Widersprüchen lebt. Trumps Ansatz, oft als «Madman»-Politik beschrieben, setzt bewusst auf Unberechenbarkeit. Drohung und Dialog, Eskalation und Entspannung liegen hier oft nur einen Tweet voneinander entfernt. Ziel ist es, den Gegner in Unsicherheit zu halten, ihn zu Reaktionen zu zwingen und gleichzeitig die eigene Handlungsfreiheit zu maximieren.
Das kann kurzfristig funktionieren. Psychologischer Druck entsteht nicht nur durch militärische Stärke, sondern auch durch die Angst vor irrationalen Entscheidungen. Doch die Kehrseite ist offensichtlich: Verbündete zweifeln an der Verlässlichkeit, Märkte reagieren nervös, und das Risiko von Fehlkalkulationen wächst. Wenn Drohungen als Bluff interpretiert werden – oder umgekehrt –, kann aus kalkulierter Unsicherheit schnell echte Eskalation werden.
Am Ende stehen sich zwei Systeme gegenüber, die auf sehr unterschiedliche Weise Kontrolle ausüben wollen: hier die kalkulierte Unberechenbarkeit, dort die institutionalisierte Härte. Beide Seiten bewegen sich dabei erstaunlich nah am Rand des Abgrunds – und sind doch fest davon überzeugt, die Dynamik jederzeit steuern zu können.
Die eigentliche Gefahr liegt vielleicht genau darin.