„Antistress“

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„Antistress“

Von Ruth Enzler, 23.07.2017

Vom Sinn und Wesen des Fidget Spinners oder über die Natur des Kreisels.

Der Fidget Spinner ist ein Spielzeug aus buntem Metall mit in der Regel drei Flügeln. Er hat sich auf den Schulhöfen rasend schnell verbreitet ­– Lehrerinnen und Lehrer müssen ihn inzwischen auf Schulreisen verbieten wie den iPod und das Handy. Er lässt sich – wie ein Kreisel – um die eigene Achse drehen. Mein Fidget Spinner ist luminesziert. Ich kann ihn auch nachts einfach auf dem Nachttisch finden und ihn nach Lust und Laune sich um die eigene Achse drehen lassen.

Er dreht sich auf jedem Finger, am einfachsten geht es zwischen Zeige- und Mittelfinger. Es gibt keine Packungsbeilage, keine Erklärung, keinen Bausatz, keine Möglichkeit einer anderen Anwendung als die einfache Drehbewegung. Schneller oder langsamer.

Einzige Einschränkung: Er eignet sich nicht für Kinder unter drei Jahren. In Grossbuchstaben steht auf der Packung: „Spinner Antistress“. Ähnlich wie auf der Zigarettenpackung, dass Rauchen tödlich ist, nur umgekehrt. Das ist alles. Das Spielzeug hat die Pausenplätze in den USA und nun auch in Europa erobert. Meinen kaufte ich in einem Tabakladen in einer Kleinstadt auf dem Lande in Italien.

Zappelphilipp

Die Frage stellt sich, was macht die Beliebtheit des Fidget Spinners aus? Wirkt er tatsächlich gegen Stress und ADHS? „To fidget“ heisst nervös herumhampeln. Der Fidget ist ein Zappelphilipp. To spin ist das englische Wort für wirbeln oder kreiseln.

Die Suche nach dem Sinn ist den Menschen eigen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich die Sinnfrage stellen kann. Beim Handspinner fällt diese Suche allerdings flach aus, jeder Mensch ab drei Jahren kann ihn anwenden. Das Leistungselement und jeglicher Wettbewerbsgedanke fallen weg. Auch ist er kein Gadget, das eine Elite auszeichnet. Denn die vier Euro bringt jedes halbwüchsige Kind in Mitteleuropa auf, um sich ein solches Spielzeug zu kaufen. Es gibt nichts zu bauen oder basteln, es gibt keine kreative Anwendungsmöglichkeit und braucht keine besondere Geschicklichkeit. Weder muss man rechnen können, noch eine besondere Begabung in Geometrie oder räumlichen Vorstellungsvermögen mitbringen. Nichts dergleichen. Nur drehen.

Wir schauen zu

Was fasziniert die Welt am Fidget Spinner? Will er uns zeigen, dass wir am Ende unserer Leistungsgesellschaft angelangt sind? Will er uns zeigen, dass wir etwas haben oder tun können, was uns alle gleich macht? Er dreht sich um die eigene Achse. Zu nichts anderem ist der Gegenstand auf der Welt. Er dreht sich. Und wir schauen zu, balancieren ihn vielleicht auf einem Finger und warten, bis er aufhört sich zu drehen ... Bis wir ihn erneut in Drehbewegung versetzen.

Er geht nicht vorwärts, er kennt keine Entwicklung, keinen Fortschritt, keine Veränderung. Er kennt nur die Drehbewegung, verharrt in unserer Hand. Während sich die Zeit in unserer Wahrnehmung linear vorwärts bewegt, dreht er sich und bleibt am Ort stehen. Und dennoch geht er mit der Zeit. Er kann auch nicht anders. Um ihn herum tut die Welt ebenfalls, was sie immer tut. Sie dreht auch, nur nicht so sichtbar. Ist es vielleicht genau das, was uns dazu verleitet, diesem Ding mit einer gewissen Faszination zuzuschauen?

Leben! Wach sein! Jetzt!

Der Handspinner hat und produziert keinen Sinn. Er könnte dem Universum der Existenzialisten entsprungen sein. Albert Camus sagt, der Mensch befinde sich in einem Spannungsverhältnis zwischen der Suche nach dem Sinn und dem Erlebnis der Sinnwidrigkeit: Der Mensch gleicht nach Camus der mythologischen Figur des Sisyphos. Er muss den Stein wieder und wieder den Berg heraufrollen, nur damit er wieder herunter rollt. Sisyphos schleppt ihn immer wieder von neuem auf den Berg. Aber genau darin erkennt Camus den Sinn des Tuns. „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyhphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. (…) Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Der Mythos des Sisyphos, 2004, S. 159)

Sisyphos und der Handspinner. Sie tun das, wozu sie bestimmt sind und folgen ihrem Schicksal. Ob mit Freude oder einfach so, ist wohl nicht relevant. Wir sollten das tun, wozu unser ureigenes Wesen bestimmt ist: Leben! Wach sein! Jetzt, jeden Moment! Es gibt gar keinen tieferen Sinn. Keine „bucket list“ ist nötig, um uns unserer Existenz bewusst zu werden. Es gibt keinen Wettbewerb, um das zu erreichen, was andere haben. Wir können kein anderes als das eigene Schicksal leben. Wir können niemand anderer sein und wir können nichts anderes wollen, als was wir im Moment gerade tun. Das Leben findet nur im Jetzt statt. So einfach. So einfach wie ein sich drehender Kreisel. Darum wirkt der Fidget Spinner gegen Stress.

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Kommentare

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Antistress and fidget spinners. Herrlich, byzantinische Problembewirtschaftung, ähnlich wie damals um 1453, als in Konstantinopel darüber debattiert wurde, ob Engel weiblichen oder männlichen Geschlechtes seien. Den Türken war es egal, sie beendeten diese hochbrisante, existentielle Debatte.

"Der Handspinner hat und produziert keinen Sinn." stimmt so wohl nicht ganz, denn erstens ist er selber "produziert", also Sinn an und für sich und produziert zweitens mit einer ganzen Reihe von Produzenten wie dem des Kugellagers, der Farbe, dem Gehäuse und all den anderen Materialien bis hin zu Verpackung und Vertrieb; Arbeit, Umsatz und Gewinn für eine stattliche Anzahl an Menschen. Ich wäre gerne Patentinhaber mit 10 % auf jedem verkauften Teil. Und drittens kommen damit in einer Hand die faszinierenden Kräfte der Rotation einer noch faszinierenderen Symbolik des heiligen Dreiecks, der heiligen Dreifaltigkeit mit dem allsehenden Auge im Zentrum der Nabe, dessen Nichts und Leere das Wesen derselben erst ausmacht, für alle Kinder ab drei Jahren zum Ausdruck. Und viertens könnte es auch von Projektleitern Homo Sapiens als Hinweis und Inspiration auf ihre bekannten dreieckigen Raumschiffe und deren Antrieb dienen (die Steuerung geschehe telepathisch), oder das Erwähnte spiegelt sich alles ganz banal - wie oben, so unten – in einem kleinen, billigen Handspielzeug ohne Sinn und Zweck.

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