Andere in Form bringen braucht Format

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Andere in Form bringen braucht Format

Von Carl Bossard, 09.07.2017

Junge Menschen suchen Erkenntnis und ertrinken in Informationen. Umso bedeutsamer werden Zusammenhänge und Strukturen. Die gekonnte Stilistik der Lehrperson spielt dabei eine wichtige Rolle.

Wenn Schulleitungen für ihre Lehrerinnen und Lehrer Stilexperten buchen (müssen), dann ist Selbstverständliches aus dem Schulalltag entschwunden. [1] Zur gekonnten Stilistik einer Lehrperson gehören nicht nur Klarheit und Strukturiertheit, Sprache und Stimme, Haltung und Auftreten, sondern auch ein „angemessenes“ Erscheinen. Wie Kleider wirken, erzählt Christian Lindner, Chef der deutschen Liberalen. Er tourt mit einem Running Gag durch Deutschland und zieht dabei seine Lehrer aus den Kulissen: „Wenn ich in meine Schule zurückkehre, da hat sich nichts Grundlegendes verändert“, verkündet er. „Die Lehrer tragen teilweise noch die gleichen Pullover wie zu meiner Schulzeit.“ Nach einer kurzen Denkpause folgt der gezielte Nachsatz: „Manche sogar dieselben.“ [2]

Format lebt von Formen

Es ist die alte Idee der „formatio“, der Bildung: Kinder und junge Menschen bilden und in Form bringen, setzt Format voraus – und Stil. Format aber lebt von Formen. Eine Dame mit Stil redet nicht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sie bewegt sich nicht, wie die Schwerkraft es verlangt, sie kommt nicht daher, wie Lust und Laune es ihr eingeben. Ein Herr im Übrigen auch nicht.

Das scheint weit hergeholt. Doch genau das gilt auch für Schule und Unterricht. In seinen „Schulmeistereien“ erzählt der Schriftsteller Peter Bichsel, wie er augenblicklich in seine Erstklasslehrerin verliebt gewesen sei. Der kleine Knirps mochte sie, und noch Jahre später konnte er ihr Kleid beschreiben. Das sei für ihn, so Bichsel, die einzige Erklärung, warum er kein Schulversager geworden sei. [3]

Vor der Klasse wirken

Bichsels Lehrerin wirkte. Auch mit ihrem Äusseren, mit ihrem Kleid. Das ist nicht zu unterschätzen, auch vor einer Klasse mit Kindern und Jugendlichen nicht. „Jeder wird so behandelt, wie er aussieht und wie er auftritt“, meinte der irische Dramatiker und Literatur-Nobelpreisträger George B. Shaw. Le style, c’est l’homme, sagen darum die Welschen.

Einen Dresscode braucht es nicht – nur Respekt

Junge Menschen von heute suchen vermehrt Formen. In der Soziologie spricht man darum von Re-Formalisierung. Schülerinnen und Schüler seien heute wieder stilbewusst, meint Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, und fügt bei: „Viele Lehrpersonen dagegen hielten Mode für unwichtig und schenkten ihrer Garderobe zu wenig Beachtung.“ Oft kämen sie gar schmuddelig daher, klagt ein Ostschweizer Schulpräsident.

Format im Auftreten und Verhalten zeigen, das bedeutet einerseits Respekt vor der Aufgabe und anderseits Respekt vor dem Vis-à-Vis – aus Interesse an der zwischenmenschlichen Wirkung. Es ist aber auch Respekt vor sich selber – aus Interesse an der Glaubwürdigkeit der eigenen Person. Ankommen ist eben kein Zufall. Junge Menschen wollen ihre Lehrerin bewundern, nicht bedauern. Bei wuseligen und nachlässigen Lehrern geht das nicht.

Schlüsselschwierigkeiten in einer atomisierten Welt

Heutige Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der vieles beliebig und widersprüchlich geworden ist. Das Anything-goes dominiert. Traditionen sind vielfach abgebrochen, Kontinuitäten und Stabilitäten in vielen Lebensdimensionen verschwunden. Zukunfts-Ungewissheit und Unübersichtlichkeit nehmen zu. Alles wird vermischt und durchmischt. Die Pädagogik spricht von Diffusionsproblemen. [4]

Vorweggenommen hat diese Problematik eine literarische Figur. Wir parzellieren uns, wir zerstäuben uns, oder wie es Ulrich, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, sagt: „Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenüber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Nährflüssigkeit.“

Es ist die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Orientierungen aus Peer Group und sozialen Netzwerken, aus Elternerwartungen und Schulanforderungen; sie führt zu zeittypischen Schlüsselschwierigkeiten: einerseits die Tendenz zur Zerstreutheit und zum Abgelenkt-Sein durch die sozialen Medien, anderseits ein enormer Abstand zu formaler Sprache und Diskursivität sowie die zähe Mühe, über längere Zeit- und Sachstrecken selbstmotiviert zu bleiben.

Gefragt ist gekonnte Stilistik

Auf diese Anforderungen der Moderne muss die Schule Antworten finden. Heutige Jugendliche stehen ganzen Daten-Halden von Nachrichtenkomplexen gegenüber; sie sind einem permanenten Konfettiregen an ungefragten Informationen ausgesetzt. Es ist ein unaufhörliches Etcetera. Oft ertrinken sie darin. Erwachsenen geht es ähnlich.

Bleiben Informationen isoliert und ohne Kontext, erhalten sie keine wesentliche Bedeutung und bleiben damit wertlos. Erst wenn sie in bestehendes Wissen integriert werden, erhalten sie ihren Zusammenhang, ihre Struktur. Darum ist der systematische Aufbau von Wissensstrukturen so eminent wichtig – und so schwierig zugleich. Das braucht Ausdauer und Geduld. Und gleichzeitig ist alles zu vermeiden, was das Diffuse und Ungefähre steigert, denn die Hauptproblematik der heutigen Schule geht von der Beliebigkeit aus. Jugendliche brauchen vor allem eines: kognitive Ordnungsstrukturen.

Gute Lehrerinnen und Lehrer verändern darum ihre Lernkultur. Sie wissen, wie wichtig und entscheidend ein hoher Grad an methodischer und zwischenmenschlicher Strukturiertheit ist. Das beinhaltet auch eine gekonnte Stilistik, in der sich Klarheit, Strukturiertheit und zugewandtes Verhalten zeigen. Der deutsche Schriftsteller Max Goldt hat dafür einen träfen Ausdruck gefunden: Es geht um charmante Autorität. [5] Und echte Autorität basiert auf Format, innerlichem wie äusserlichem.

[1] Zanni B. (2017). Schulen buchen Stilexperten für Lehrer. In: 20 Minuten, 30.06.2017.

[2] Holger Gertz (2015). Ich will. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 31, 7./8.02.2015, S. 11.

[3] Peter Bichsel (1985). Schulmeistereien. Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag, S. 15.

[4] Thomas Ziehe (2005). Die Eigenwelten der Jugendlichen und die Anerkennungskrise der Schule. In: Detlev Horster, Jürgen Oelkers (Hrsg.) (2005). Pädagogik und Ethik. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 277ff.

[5] Ders. Es geht um eine „charmante Autorität“. Zeitgeistveränderungen und Mentalitätswandel, Msc. unpubl.

Kommentare

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Wenn die Lehrer immer mit dem gleichen Pullover daher kommen, hat das auch damit zu tun, dass ihre pekuniäre Entschädigung klein ist, im Verhältnis zu dem, was sie für die Gesellschaft leisten. Lieber keine neuen Pullover, dafür eine Reise mehr zu den Muiscas in Kolumbien. Das füllt die Geschichtslektionen mehr mit Authentizität als neue Pullis. Und beides liegt für Lehrer nicht im Bereich der finanziellen Möglichkeiten.

Gott sie Dank, gibt es neben Lehrpersonen (korrekt: Lehrern) zuvor die Eltern. Sofern diese ihre Kinder verantwortungsvoll gezeugt haben, erziehen, bilden sie ihre Kinder vor den Staatsinstitutionen. Pestalozzi: Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.

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