America first

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America first

Von Stephan Wehowsky, 28.11.2018

Nun ist es amtlich: Der amerikanische Präsident irrt in der Umweltpolitik. Darin liegt aber auch eine Chance für das entscheidende Umsteuern.

Amerikanische Regierungsbehörden haben einen umfangreichen Klimabericht vorgelegt, an dem 13 Ressorts, darunter das Verteidigungsministerium, beteiligt sind. Darin sagen sie schwerste ökologische Schäden und 10 Prozent Rückgang des Bruttoinlandprodukts voraus, wenn sich der bisherigen Trend fortsetzt und die Klimaerwärmung 4 Grad erreicht. Und das Ganze sei eine Folge des menschlichen Handelns.

Illusionen

Schärfer kann eine Regierung einem amtierenden Präsidenten nicht widersprechen. Der aber zeigt sich unbeeindruckt und löst damit die wohlbekannten Empörungswellen aus. Die Empörung beruht aber auf einer Illusion: dass ein vernünftiger Präsident den Schlüssel zur Lösung der Umweltproblematik in der Hand hätte.

Ebenso unterliegt der ganze Konferenztourismus zugunsten der Rettung unserer Umwelt dem Irrtum zu glauben, dass aus richtigen Einsichten die entsprechenden Handlungen folgen. Die Teilnehmer dieser Konferenzen sind hellauf begeistert, wenn sie sich auf „Klimaziele“ verständigt haben. Nachdem das gelungen ist, fliegen sie – absolut ökologisch – wieder heim. In ihren Augen bilden die Fragen der „Umsetzung“ den Stoff für den weiteren Konferenzbetrieb.

Grenzen der Politik

So geht das schon seit Jahrzehnten, und in diesem Jahr ist so viel CO2 in die Atmosphäre geblasen worden wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Selbst wenn im nächsten Jahr die Welt von lauter Obamas regiert würde, dürfte sich am nächsten zu erwartenden CO2-Rekord nichts ändern.

Denn auch der beste politische Wille scheitert an der Tatsache, dass die Welt nicht nur von der Politik bestimmt wird. Die Gesellschaft besteht aus den unterschiedlichsten Systemen: Wirtschaft, Technik, Verwaltung, Wissenschaft und so weiter. Der Soziologe Niklas Luhmann hat aus dieser Erkenntnis seine Systemtheorie entwickelt und sich damit viele Feinde gemacht. Man verübelte ihm seine Einsicht, dass beste Absichten weitgehend wirkungslos sind, weil zum Beispiel die Wirtschaft völlig anders tickt als die Politik. Der Grund dafür ist einfach: Jedes System hat seinen eigenen „Code“. In der Politik sind das Wählerstimmen, in der Wirtschaft ist es das Geld. In der Wissenschaft ist die Unterscheidung zwischen richtig und falsch der entscheidende Code.

Ökologische Kommunikation

In Bezug auf die ökologische Problematik hat Luhmann schon 1986 („Ökologische Kommunikation“) gezeigt, dass Warnungen von den unterschiedlichen Systemen ganz unterschiedlich verarbeitet werden. Für Politiker zählt das Umweltthema, wenn es Wählerstimmen kostet oder einbringt. Für die Wirtschaft wird die Umwelt dann relevant, wenn sich damit Verluste oder umgekehrt Gewinne verbinden. Für die Ökologen geht es um die Wahrheit ihrer Modelle und Theorien.

Alle sagen Umwelt, aber für jeden besteht sie aus etwas anderem, weil der eine diese und der andere jene Perspektive hat. Es gibt nicht die einheitliche Vernunft, die sich idealerweise in den höchsten politischen Repräsentanten bündelt. Mit seinem irren Verhalten illustriert Trump diese Tatsache, die er selbst allerdings nicht im Ansatz erklären könnte.

Aber sein Verhalten ist produktiv. Denn nach und nach erkennen die anderen Akteure, dass sie innerhalb ihrer eigenen Systeme handeln können und müssen. Die lokalen Politiker und Behörden ergreifen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Massnahmen und haben damit schon jetzt erste Erfolge. Der grösste Umschwung aber findet in der Wirtschaft statt. Denn dort wird das ökologische Thema in die Sprache des Geldes übersetzt.

„Divestment“-Bewegung

Die wichtigsten Investoren sind heutzutage die grossen Fonds, insbesondere die Pensionsfonds. New Yorks Bürgermeister Bill di Blasio, der für die gewaltigen Pensionfonds dieser Stadt verantwortlich ist, hat jetzt erklärt, dass er fünf Milliarden Dollar aus der Fossilindustrie abziehen und in erneuerbare Energie investieren will. Di Blasio ist damit Teil der „Divestment“-Bewegung, zu der auch London gehört. Weltweit erfreut sich die „Divestment“-Bewegung eines regen Zulaufs. Auf diese Weise kommen viele Milliarden zusammen, die in den Bilanzen der konventionellen Betreiber fehlen und umgekehrt wichtige Impulse zugunsten neuer Technologien geben.

Im Marketing spricht man dann vom „Tipping-Point“, wenn ein Produkt oder eine Dienstleistung die kritische Schwelle überschreitet und zum Renner wird. Welche Faktoren dabei jeweils eine Rolle spielen, lässt sich meistens erst im Rückblick sagen: Wodurch entstand die plötzliche Nachfrage? Auf die ökologische Problematik gewendet, zeigen sich zwei gegenläufige Tendenzen:

Tipping-Point

Allen Warnungen und deklamatorischen Zielsetzungen zum Trotz ist die Begrenzung des CO2-Ausstosses beim Einzelnen nicht angekommen. Sparsame Automobile sind Ladenhüter, und der Umstieg auf Elektromobilität hat mit der Ausnahme eines kostspieligen Exoten bei keinem Anbieter zu grosser Nachfrage geführt. Die Warnungen und Mahnungen scheinen eher zu Gleichgültigkeit und Trotz zu führen. Das hat Niklas Luhmann schon vor gut dreissig Jahren vorhergesagt.

Aber es gibt die gegenläufige Tendenz: Weil die Wirtschaft an Gewinn und Verlust hängt und ihr ganz konkret saftige Verluste prophezeit werden, schichten Investoren um. Der amerikanische Klimaforscher Michael Lang geht sogar so weit zu sagen, dass die Begrenzung des Temperaturanstiegs für die USA allein mit diesen wirtschaftlichen Massnahmen erreicht werden kann. Mit ein bisschen Phantasie kann man sich vorstellen, dass ein Umsteuern der Wirtschaft auch Einfluss auf das Verbraucherverhalten hat. Denn die Industrie liefert keine Appelle, sondern konkrete Produkte. Vielleicht kommt es auch da zugunsten der Umwelt zu einem Tipping-Point.

Kommentare

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