«Ambitionierte Pläne»

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«Ambitionierte Pläne»

Von Peter Achten, 30.11.2018

Maritime Macht führt zur Weltmacht. Seit alters her. Neuestes Beispiel: China.

Im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung waren die seefahrenden Araber führend. Die Seidenstrasse zu Wasser beherrschten sie und machten satte Gewinne. Abgelöst wurden die Araber ab dem 12. Jahrhundert allmählich von den Chinesen. Neu konstruierte Schiffe und vor allem die Erfindung des Kompasses trugen zur nachhaltigen Überlegenheit bei.

Admiral Zheng He demonstrierte das augenfällig mit seinen sieben Reisen zwischen 1405 und 1433 von Asien bis Ostafrika. Das Tributsystem, das fremde Machthaber verpflichtete, die Überlegenheit der chinesischen Kultur und der Oberhoheit der Kaiser anzuerkennen, war die chinesische Variante des internationalen Handels.

Industrielle Revolution

Nach den Reisen Admiral Zhengs mit seinen Riesenflotten wandte sich China wieder nach innen. Kurz danach begann das Zeitalter der europäischen Schifffahrt, zunächst mit den Spaniern und den Portugiesen, danach mit den Holländern und Franzosen und schliesslich mit den Briten. Dank der Renaissance, der Reformation und der wissenschaftlichen Revolution wurde das Zeitalter der europäischen Aufklärung möglich und somit auch die von Grossbritannien ausgehende industrielle Revolution.

Den Briten erlaubte dies, obwohl bevölkerungsmässig nur eine mittlere Macht, eine auf neuester Technologie – Dampfschiffe – aufbauende Flotte zu bauen. So wurde Grossbritannien im ausgehenden 18. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert zur beherrschenden Weltmacht.

Multipolare Welt

Grossbritannien wurde im 20. Jahrhundert allmählich von den USA abgelöst. Ohne mächtige Flotte, erstmals auch mit Flugzeugträgern, wäre ein Sieg der mit den Amerikanern alliierten Staaten im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland und Japan unmöglich gewesen. Im 21. Jahrhundert schickt sich nun das Reich der Mitte erneut an, auf den Weltmeeren eine wichtige Rolle zu spielen.

Im Unterschied zum 18.,19. und 20. Jahrhundert allerdings wird das 21. Jahrhundert eine multipolare Welt. Neben der Supermacht USA wird die regionale Supermacht China künftig auf den Weltmeeren, zumal im Pazifik, im Ost- und Südchinesischen Meer eine entscheidende Rolle spielen.

Militärbudgets

Im Westen wird deshalb jeweils bei der Präsentation des chinesischen Militärbudgets am Nationalen Volkskongress im März hyperventiliert. Zahlen freilich zeigen nur, dass das moderne China nach vierzig Jahren Reform und Öffnung nach aussen ganz einfach seine Streitkräfte und, wegen der enorm langen Grenzen zum Meer, die Marine modernisiert. Im vergangenen Jahr betrug das Militärbudget der USA 610 Milliarden Dollar, jenes von China 228 Milliarden; danach folgen Saudi-Arabien mit 69,4, Russland mit 66,3 und Indien mit 63,9 Milliarden Dollar.

«Liaoning»

Für Schlagzeilen und alarmierende Kommentare sorgte nun Ende November die Ankündigung der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China), die Volksrepublik baue an einem dritten, mit neuer Technologie ausgestatteten Flugzeugträger. Bereits als vor sechs Jahren der erste chinesische Flugzeugträger «Liaoning» in Dienst gestellt wurde, sorgte das in westlichen Kanzleien und Medien für besorgte Aufmerksamkeit.

«Liaoning» allerdings ist ein alter, in den 1980er-Jahren gebauter Flugzeugträger, der 1998 von der Ukraine aus Sowjetbeständen gekauft worden ist. Der zweite chinesische Flugzeugträger wurde von China gebaut, ist aber bis auf wenige Details der «Liaoning» nachempfunden. Das Schiff mit dem Typennamen 001A lief im April des laufenden Jahres vom Stapel und wird derzeit auf See getestet.

Start mit Katapulten

Der dritte nun im Bau befindliche Flugzeugträger läuft unter der Typenbezeichnung 002 und ist von A bis Z von chinesischen Fachkräften entworfen worden. Ob das Schiff mit über 70’000 Tonnen Wasserverdrängung, über 300 Meter Länge und 75 Meter Breite atomgetrieben wie die amerikanischen Träger oder dampfgetrieben wie «Liaoning» und 001A sind, ist nicht bekannt.

Der neueste chinesische Träger wird zudem wie die amerikanischen seine Flugzeuge von elektromagnetischen Katapulten starten können. Das erhöht laut Experten die Schlagkraft erheblich. Auf der «Liaoning» beispielshalber wird noch mit Skyjumps oder Schanzen gestartet. Das erlaubt allerdings nur ein Abfluggewicht von rund dreissig Tonnen. Mit dem Katapult sind fünfzig Tonnen möglich, also mehr Kerosin und mithin grössere Reichweite sowie mehr Bewaffnung.

Chinesische Experten gehen davon aus, dass 002 in zwei bis drei Jahren in Dienst gestellt werde. 002 wird überdies wohl nicht nur Flugzeuge an Bord haben. Chinesische Experten gehen davon aus, dass auch Drohnen mit faltbaren Flügeln eingesetzt werden. Eine solche Drone mit der Typenbezeichnung HK-5000G wurde an der «Airshow China 2018» in Zhuhai ausgestellt.

«Auf jedem Kontinent Stützpunkte»

Bereits ist auch ein vierter Flugzeugträger in Planung. In einem Kommentar der «Global Times» – einem Ableger des Parteiblattes «Renimin Ribao» (Volkszeitung) – heisst es, China habe bezüglich Flugzeugträger «ambitionierte Pläne». Konteradmiral Yin Zhuo ist der Meinung, dass China im Westpazifik und im Indischen Ozean Flugzeugträgerverbände brauche. Dafür, so der Konteradmiral, seien insgesamt «fünf bis sechs» Flugzeugträger nötig. Militärexperte Xu Guangyu geht noch einen Schritt weiter: «Es ist zu hoffen, dass China auf jedem Kontinent Stützpunkte haben wird.» Entlang dem Indischen Ozean von Myanmar über Sri Lanka und Pakistan bis hin zu Mogadischu ist das bereits nahe an der Wirklichkeit.

Auch Indien rüstet auf

Auch Indien, erpicht auf Kontrolle des Indischen Ozeans, rüstet maritim auf. Ein russisch gebauter Flugzeugträger (40`570 t) ist seit 2013 im Einsatz. Zwei weitere sind im Bau. Ein Träger mit 40’000 Tonnen Wasserverdrängung wird dreissig Flugzeuge aufnehmen und im Jahre 2023 in Dienst gestellt. Ein atomgetriebener 65’000-Tonnen-Flugzeugträger mit 55 Flugzeugen an Bord wird kurz danach operationell sein.

Indien wäre also hinter den USA und China die drittgrösste Trägermacht der Welt. Andere Staaten wie Frankreich mit einem einzigen Flugzeugträger («Charles de Gaulle») oder Russland mit «Admiral Kusnetsow» fallen dagegen ab. In Südostasien verfügen noch Thailand, Australien, Japan und Südkorea über Helikopterträger.

USA mit 75 Jahren Erfahrung

Das Betreiben von Kampf-Gruppen ist hoch komplex. Die Amerikaner haben damit über 75 Jahre Erfahrung. Neben dem Flugzeugträger mit bis zu siebzig Kampfjets sind im amerikanischen System normalerweise ein Kreuzer mit Lenkwaffen, sechs bis acht Zerstörer oder Fregatten zur Abwehr gegen Luftangriffe, ein Angriffs-Unterseeboot sowie ein Munitions- und ein Versorgungsschiff beteiligt. Der gesamte Mannschaftsbestand beträgt knapp über 7’000.  

Die USA verfügen über insgesamt elf Flugzeugträger. Marine-Experten gehen davon aus, dass wegen Revisionen und den stets nötigen Modernisierungen zwei bis drei Träger nötig sind, damit stets der Einsatz eines Flugzeugträgers gesichert ist.

«USS John F. Kennedy»

Unangefochten an der Spitze sind die USA, und sie werden es wohl noch lange bleiben. Umso erstaunlicher, dass der neue, im Bau befindliche chinesische  Flugzeugträger 002 soviel Aufmerksamkeit in westlichen Medien erhält, nicht aber der neueste Wurf der Amerikaner. Nach der atombetriebenen Nimitz-Serie folgen nun drei Träger mit neuestem Entwurf und mit modernster Technologie. Die «USS Gerald R. Ford» soll 2023 in Dienst gehen. Zwei weitere dieser Klasse sind noch geplant. Ein Träger soll den Namen «USS John F. Kennedy» erhalten.  

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