„Am Tage einer Himmelfahrt“

Sturmius Wittschier's picture

„Am Tage einer Himmelfahrt“

Von Sturmius Wittschier, 24.05.2020

Nelly Sachs und Paul Celan starben vor 50 Jahren und trafen sich vor 60 Jahren im Zürcher Hotel „Zum Storchen“.

Es gehört zu den merkwürdigen Zufällen der Geschichte, dass Nelly Sachs genau am selben 12. Mai 1970 im Stockholmer St.-Görans Krankenhaus stirbt, an dem Paul Celan auf dem Cimitière Parisien begraben wird, nachdem man seine Leiche ab dem 20. April gesucht und schliesslich in der Seine gefunden hatte. Einige Freunde wollten Nelly Sachs das Verschwinden und den höchst wahrscheinlichen Suizid ihres jüngeren Vertrauten zunächst verschweigen; aber Egon Dahinten sagte es ihr; und da wusste sie nach kurzem Schrecken, dass sie ihm jetzt getrost in den Tod folgen durfte. So berichtet Egon Dahinten in einem Brief an Ruth Dinesen 1981.

In dieser Szene kommt für mich das zum, Höhepunkt, was Nelly Sachs am 28.10.1959 an Paul Celan schrieb: „Zwischen Paris und Stockholm läuft der Meridian des Schmerzes und des Trostes“. – Der Meridian heisst Paul Celans berühmt gewordene Rede zur eigenen Büchner-Preis-Verleihung 1960. – Es ist ein Meridian, auf dem sich die beiden aus Czernowitz stammenden Juden tröstende Engel in Form von Briefen zukommen liessen. Trostengel auch in der durchlittenen Sprachnot, wie der Briefwechsel von 1953 bis 1969 zeigt. (Celan/Sachs 57.121 u. ö).

Beide haben Angst umeinander. Nelly Sachs sieht und verehrt in Paul Celan einen Hölderlin des 20. Jh., der unbedingt geschützt werden muss. (Im Bild: Passfoto des 18-jährigen Celan, Foto: PD).

Paul Celan sieht in Nelly Sachs eine zerbrechliche Gestalt des Judentums, die, wie er, den Holokaust körperlich, aber nicht psychisch überstanden hat und dank ihrer Dichtung überleben konnte. Beide ver-dichten das Schicksal der jüdischen Menschen, der Menschheit und ihr eigenes Schicksal im „Wundenmal“ des Holocaust. 1960 sehen sich die beiden zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Das ersehnte Treffen fand in Zürich statt und war für beide von nachhaltiger Bedeutung.

Im Bild: Nelly Sachs im Jahr 1966 (Bild: Nobel Foundation, PD) In den letzten zehn Jahren ihres Lebens wird sich das Leiden der beiden Dichter-Persönlichkeiten erschreckend steigern: Beide geraten immer wieder in psychotische Wahnvorstellungen, tiefste Depressionen und müssen häufig in die Klinik. Und beide schreiben in diesen zehn Jahren weiter ihre durch das Leiden gereiften und erschütternden Dichtungen. Was ist das Herzblut, mit dem sie schreiben?

Liebende Sehnsucht, um dem Leiden mit dem Wort zu nahen

Rückblickend schreibt Nelly Sachs am 31. Dezember 1967 an den französischen Übersetzer Lionel Richard zu ihrem Zyklus „Noch feiert der Tod“ von 1961, den sie während ihres ersten Klinikaufenthaltes 1960 begann:

Es ist darin eine gekreuzigte Sprache, die man nur sprechen kann, wenn man nahe am Tod und in der Nacht ist und die in solch einem Krankenhaus die Sprache ist. Ohne diese Erklärung ist der Gedichtzyklus vielleicht nicht so leicht zu verstehen, beginnend mit dem versteinerten Engel, aber es ist vielleicht mit das Wichtigste, wie ich fühle, in meinem Bemühen, dem Leiden der Menschheit, in dem ich selbst bis nahe am Tod Teil hatte, mit dem Wort zu nahen (zit.: Kessler, 310).

Dem Leiden [...] mit dem Wort zu nahen – das ist für mich der grundlegende Eros von Nelly Sachs. Mit diesem steht sie jenseits aller Religionen und mystischen Strömungen. Ihre wichtigste Helferin ist die Sehnsucht, die treibt und verzehrt. So etwas ist für sie wohl nur möglich, weil sie zu lieben versucht, d. h. sie versucht unsere „Materie“ zu durchleben, zu durchschmerzen, liebend durchsichtig zu machen. Auf die Frage, was die Liebe in ihrem Werk bedeute, antwortet sie 1968:

„Liebe ist die Quelle meines ganzen Werkes. Mein Glauben, dass der Mensch, ein jeder auf seine Art, dazu geschaffen ist, diese zieht sich als Grundgedanke durch alles, was ich schreibe und versuche, immer wieder Ausdruck dafür zu finden.“

Der Verlagslektor und Freund von Nelly Sachs, Hans Magnus Enzensberger, rät uns, die Lyrikbände von Nelly Sachs als „ein einziges Buch“ zu lesen, das sie seit dem Gedichtband von 1947 „In den Wohnungen des Todes“ immer weiterschreibe. Dieses „eine Buch“ steht unter der Überschrift: „Die Fahrt ins Staublose“.

Die Fahrt ins Staublose oder Die Verwandlung von der Flosse in den Flügel

Sie findet immer neue Variationen zu dieser Fahrt, deren Einzelelement sie auch der jüdischen Kabbala entnimmt: Alle Schöpfungs-Materie ist von Anfang an „Engelsmaterie“ und deshalb in einem Verwandlungsprozess, nämlich von den Flossen der Fische – jener „Engel der Tiefe“ – über die Flügel der Fliegen, Schmetterlinge und Vögel bis hin zu den Menschen, denen auch Flügel wachsen sollen und die deshalb am „Schulterschmerz der Flügel“ leiden. Die gesamte Wirklichkeit, aller Sand und Staub, alles Fleisch will „flugreif“ werden.

Ihr Lieblingsgedicht, das sie auch anlässlich ihrer Nobelpreisverleihung 1966 las, lautet:

In der Flucht
welch grosser Empfang
unterwegs –
Eingehüllt
in der Winde Tuch
Füsse im Gebet des Sandes
der niemals Amen sagen kann
denn er muss
von der Flosse in den Flügel
und weiter

Der kranke
Schmetterling
weiss bald wieder vom Meer –
Dieser Stein
mit der Inschrift der Fliege
hat sich mir in die Hand gegeben –

An Stelle von Heimat
halte ich die Verwandlungen der Welt –

Das Herzblut, mit dem Paul Celan schreibt, lernen wir zunächst beim Treffen 1960 kennen. Am 25. Mai holen am Zürcher Flughafen Paul Celan, Frau Gisèle und Sohn Eric die lang erwartete Nelly Sachs ab. Sie wird ihnen nach dem Nachmittag das „Du“ anbieten.

Geplant war nicht zuletzt auch ein Treffen mit Max Frisch und Ingeborg Bachmann, welches abends in der Züricher Kronenhalle stattfand. Die sogenannte „Goll-Affäre“ bewegt die Literaturszene und Paul Celan ist in grosser Not. Er wurde des Plagiats an dem Dichter-Freund Yvan Goll bezichtigt, und zwar von dessen Frau Claire, die Paul Celan als einen ehrsüchtigen, ja geldgierigen Juden charakterisiert. Das passt zum Antisemitismus, der gerade in Deutschland erneut aufflammt. Zugleich wurde am 14. Mai Paul Celan der Büchnerpreis zu gesprochen – der höchste Titel deutscher Dichtung. Nelly Sachs wird von Zürich zur Verleihung des Droste-Hülshoff-Preis nach Meersburg weiterfahren. Und mitten darin die lange geplante erste persönliche Begegnung der beiden aus Czernowitz stammenden Dichter-Persönlichkeiten. Paul Celan ist 30 Jahre alt, Nelly Sachs bereits 68.

Am folgenden Tag, dem 26. Mai, dem Himmelfahrtstag, treffen sich Paul Celan und Nelly Sachs im Hotel Zum Storchen in Zürich. Paul Celan hat wohl nicht gewusst, dass in diesem Hotel auch Adolf Hitler einmal logiert hatte. Er notiert in sein Notizbuch: Nelly Sachs habe gesagt „‘Ich bin ja gläubig‘. Als ich darauf sage, ich hoffte bis zuletzt lästern zu können: ‚Man weiß ja nicht was gilt.’“

Das Gespräch wird sich nicht zuletzt um das Schicksal des jüdischen Volkes bewegt haben und um die Aufgabe der Dichtenden. Höchst wahrscheinlich hat dabei das Hiob-Buch der in Zürich lebendenden Margarethe Susman eine Rolle gespielt. Susman schrieb dort über das schwierige Sprechen nach Ausschwitz: „Wohl ist diesem Geschehen gegenüber jedes Wort ein Zuwenig oder ein Zuviel.“

Paul Celan schreibt in den Tagen danach am 30. Mai in Paris ein Gedicht, das er Nelly Sachs widmet. Es lautet:

Zürich, Zum Storchen
Für Nelly Sachs
Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du, von
der Trübung durch Helles, von
Jüdischem, von
deinem Gott.

Da-
von.
Am Tage einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
liess das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort –

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weisst du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt.

Atmen im Jüdischen und kreativer Wahn

Sieben Jahre später werden Nelly Sachs und Paul Celan sich in Briefen an den Glanz, der übers Wasser kam, erinnern. Paul Celan schreibt, er habe jetzt, im Frühjahr 1967, in einem seiner Gedichte den hebräischen Namen dafür gefunden: „Ziw, jenes Licht“, so endet das Gedicht „Nah, im Aortabogen“. Ziw ist nach der jüdischen Mystik der Kabbala ein Name für die sich manifestierende Gottheit, die sich in einem überirdischen Lichtglanz manifestieren kann. Jetzt klingt die Passage im Gedicht von 1960 für Nelly Sachs: Das Münster als feste Burg Gottes ist drüben; aber der bewegliche Glanz der Gottheit kommt uns näher. Das ist eine der zentralen Adern in den Gedichten Paul Celans: Das Atmen im Jüdischen.

Als Paul Celan dies an Nelly Sachs schreibt, ist er seit dem 31. Januar 1967 zum dritten Mal im psychiatrischen Krankenhaus, wo er ab Ende April Ausgangsgenehmigung hatte. Er hatte sich mit einem Messerstich in die linke Brust töten wollen, dabei aber das Herz haarscharf verpasst und die Aorta verletzt. Nah, am Aortabogen – so lautet ja das oben zitierte Gedicht.

Paul Celan durchlebte immer wieder Episoden, in denen er nicht nur sich verletzte, sondern auch seine Frau Gisèle und andere bedrohte. Ein Leidensweg, geprägt von Depression und psychotischem Wahn. Sein Dichten sei davon nicht beeinflusst, betont er. Sein Dichten lebe von einem „kreativen Wahn“. Es geht ihm, um mit dem Zürich-Gedicht zu sprechen, um ein höchstes, umröcheltes, um ein haderndes Wort. Das ist eine weitere zentrale Ader seiner Gedichte, die in den späten Gedichten oft sehr bitter klingt. Denn auch dieser Wahn war leidvoll, wie Ilana Shmueli vermutet, die ihn auch schon als Kollegin aus Cernowitz kannte und als geliebte Freundin 1968/69 in Paris, und nicht zuletzt nach Jerusalem begleitete, aber von ihm verlassen wurde. Die Krankheit liess eine dauerhafte Liebesbeziehung nicht zu.

Ich sah seine Krankheit als die unendliche Fremdheit, die wiederholten Brüche und Risse in seinem Leben. Im Grunde seines Wesens ein unbezähmbarer Rebell, wollte und konnte sich nicht fügen, er schlug um sich und verletzte sich immer aufs Neue. War dieser „Wahnsinn“ nicht der denkbar grösste Schmerz, von dem er seine Gedichte schrieb?

Ein liebender Nachruf auf einen Dichter, der mit seinem Suizid anders in den Tod ging als seine ältere Dichterin-Freundin in Stockholm.

Abschied in mystischer Haltung

Wenn Nelly Sachs nach dem Treffen in Zürich 1960 zurück nach Stockholm fährt, bricht im Herbst die sich schon vorher angekündigte seelische Erkrankung mit psychotischen Wahnschüben und Verfolgungspanik übermächtig durch. Sie sieht sich ständig von SS-Leuten überwacht und mit versteckten Mikrophonen abgehört. Sie ist in den kommenden drei Jahren mehr im Krankenhaus als in ihrer kleinen Wohnung. Im Krankhaus schreibt sie ihre nächsten grossen Gedichtzyklen. Was sie in ihrem Leiden erlebt, empfindet sie genauso schlimm wie die Schrecken des Holocaust. Hatte sie in den früheren Zyklen das Schicksal des Kosmos, das Leiden der Menschheit und des Volkes Israel dichterisch gestaltet, so verbindet sie dies jetzt deutlich mit ihrem Leiden. Der Stil wechselt: Die frühen Gedichte waren lang und reich an Metaphern; jetzt werden sie nüchterner und kürzer, oft sogar messerscharf.

Nach einer guten Phase ab 1964 wird sie 1968 nochmals von ihrer psychischen Krankheit heimgesucht; 1969 folgt eine Krebsoperation mit sechs Monaten Krankenhausaufenthalt. Ab April 1970 ist sie wieder im Krankenhaus, diesmal weiss sie: der Tod kommt. Aber schon vorher hatte sie ihn bewusst angenommen. Im November 1969, also etwa ein halbes Jahr vor ihrem Tod, schrieb sie ein Gedicht und schickte es Paul Celan als Abschiedsgeschenk. Es lautet:

Teile dich Nacht
deine beiden Flügel angestrahlt
zittern vor Entsetzen
denn ich will gehen
und bringe dir den blutigen
Abend zurück

Ich stelle mir vor, wie Nelly Sachs vom Sonnenuntergang bis in die beginnende Mondnacht im Bett vor einem Fenster mit zwei Vorhängen liegt. Die untergehende blutrote Sonne wie auch der aufgehende Mond strahlen die Vorhänge an. Vielleicht zittern diese wirklich etwas bei offenem Fenster im Abend- oder Nachtwind. In dieser Szenerie, so stelle ich mir vor, entdeckt Nelly Sachs die Doppeltüre in ihr Sterben. In den beiden Flügeln der Nacht kann ich ein Echo von Engelsflügeln vernehmen. Die Flügel zittern selbst vor Entsetzen, und dies erinnert mich an ein Gedicht über die Fische als „Engel der Tiefe“; diese „zittern“ den „heiligen Schreck aus“, angesichts der Gefahr, beim An-Land-gezogen-Werden sterben zu müssen. Sterben als letzter Schritt der Verwandlung von der Flosse in den Flügel. So bittet Nelly Sachs die Nacht, aus der sie sich und alles gekommen sieht, ihre zitternden Flügeltüren aufzutun, damit sie ihr ganzes Leben als ihren persönlichen Sonnenlauf zurückbringen kann: als blutigen Abend mit der untergehenden Sonne. In einer mystischen Haltung weiss sie, wie sie zuvor dichtete: „Der Tod aber ist offen / Erst dahinter leben die Geheimnisse“.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren