„Am Tag danach scherzte keiner mehr“

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„Am Tag danach scherzte keiner mehr“

Von Tobias Meier, 13.10.2020

Der Autor dieses Artikels lebt mit seiner Familie seit einigen Jahren in Washington, D. C. Er schildert, wie er die Corona-Krise und die Hektik um die Präsidentenwahl erlebt.

Ein Meteorit rase auf uns zu, warnte meine Nachbarin kürzlich. Eine Katastrophe ausserirdischen Ursprungs fehle diesem Land gerade noch, neben Pandemie, Wahlkampf und Rassenspannungen, meinten wir untereinander. Und scherzten, dass ein gezielter, kleiner Aufprall am richtigen Ort in Washington eigentlich doch ganz entspannend wirken könnte.

Permanente Aufregung

Der Meteorit blieb aus, aber Verwüstung bekamen wir zwei Tage später trotzdem zu sehen. Dabei waren sich der CNN-Mann von nebenan und der Gatte der Washington-Post-Journalistin von schräg gegenüber so sicher gewesen, dass Biden Trump in der ersten Wahlkampf-Debatte vom Podium fegen würde. Viel näher kam der Sache die Prognose des dritten Nachbars, der einen ganz knappen Sieg Bidens prophezeit hatte, „durch technisches K.o. in der zwölften Runde“. Allerdings schien niemand im Quartier auf die Niveaulosigkeit des ersten Fernsehduells zwischen den Kandidaten Trump und Biden gefasst gewesen zu sein. Am Tag danach scherzte erstmal keiner mehr auf der Strasse, man schien kollektiv um Luft zu ringen.

48 Stunden später, um 0 Uhr 54 Lokalzeit, kam der Tweet Präsident Trumps, er sei mit dem Virus infiziert. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Es folgten endlose Spekulation über seinen Gesundheitszustand, die Infektionen mehrerer seiner engsten Mitarbeiter im Weissen Haus, sein Aufruf, das Virus nicht zu ernst zu nehmen. Verschnaufpausen gibt es in Washington momentan keine.

Washingtons drei Gesichter

Washington D. C. hat drei Gesichter: Erstens, das lokale „D. C.“, 700’000 Einwohner, gut sechs Millionen mit Agglomeration (die Teile der Staaten Virginia und Maryland einschliesst). Ein repräsentatives Niemandsland ohne stimmberechtigte Vertreter im Kongress, sticheln D. C.-Bürger seit Jahren mit dem Spruch „Taxation Without Representation“ auf ihren Autonummernschildern gegen die Bundesregierung. Zweitens, die Hauptstadt Washington, D. C., mit geschätzten 350’000 Bundes-Angestellten, optisch abgehoben durch Monumental-Architektur, und Ausflugsziel amerikanischer Schulklassen und Pensionäre. Und drittens, das internationale Washington, Hauptquartier der globalen Entwicklungs-Finanzierung mit Internationalem Währungsfonds, Weltbankgruppe, und der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank, das eine hochqualifizierte, multikulturelle Arbeitnehmerschaft aus der ganzen Welt anlockt.

In guten Zeiten können sich die multiplen Persönlichkeiten der Stadt gegenseitig gut ignorieren. Dieses Jahr ist die Beziehung gestört, Trumps Bundeshauptstadt mobbt die beiden Alter Egos. Die Entwicklungsbanker mussten grummelnd Trump-Loyalisten in ihren obersten Posten akzeptieren. D. C. fühlte sich von Trumps Bundestruppen angegriffen, als diese eine Woche nach der Ermordung George Floyds durch einen weissen Polizisten unzimperlich eine Menge von Demonstranten vor dem Weissen Haus verjagten, nur damit der Boss gegenüber mit einer Bibel vor einer Kirche posieren konnte.

Trump und die Bürgermeisterin

Die Bürgermeisterin des erzdemokratischen Washington, Muriel Bowser, liess in einer Nacht-und-Nebel-Aktion prominent «Black Lives Matter» auf die 16th Street malen, die von Norden direkt aufs Weisse Haus führt. Trump twitterte Drohungen, Bowser hielt dagegen, einen Moment lang wurde es persönlich zwischen den beiden. Die Bürgerrechts-Proteste in Washington drohten auch kurz auszuarten, so dass die Stadt im vollen Corona-Lockdown vorübergehend zusätzlich noch eine Ausgangssperre verhängte.

Dabei hatte Washington, im Kontrast zur Nationalregierung, pragmatisch auf den Ausbruch der Epidemie reagiert. Seit Ende Juni konnte der Lockdown gelockert werden, die Infektionsrate blieb seither meist unter zehn pro 100’000 Einwohnern. Wie der Reichtum sind die Infektionen allerdings ungleich über das Stadtgebiet verteilt: Im wohlhabenden Nordwesten sind die Fallzahlen tief, im ärmeren Osten höher.

Nachdem bereits das Schuljahr im Sommer online abgeschlossen wurde, entschied die Schulverwaltung im August, den Unterricht an allen 115 öffentlichen Schulen des District of Columbia auch im neuen Schuljahr nur virtuell durchzuführen. Es setzte ein Wettrüsten unter finanzstarken Familien ein: Betreuer für die Kinder arbeitstätiger Eltern wurden zur heissen Ware, oder aber man wechselte gleich in eine Privatschule, welche ihre Einrichtungen mit aufwendigen Hygienekonzepten offen halten konnten. Es kursierten Geschichten von Familiengruppen, die den Schulen Lehrer abwarben und Räumlichkeiten mieteten, in denen die Lehrkraft ihre Kinder beim Online-Lernen unterstütze. Soeben wurde mitgeteilt, dass die Schulen mindestens bis ins neue Jahr virtuell bleiben werden.

Ein herausforderndes Jahr 

Wäre da nicht der Stichtag des 3. November, man würde sich vielleicht an die neue Realität gewöhnen: Seit März sind wir nicht mehr mit der Metro oder mit einem Bus gefahren, waren nicht mehr am offiziellen Arbeitsplatz, schon gar nicht in einem Kino. Wir haben unsere Haare seither im Garten schneiden lassen, den Musikunterricht online verlegt. Die Kinder bereiten sich vor auf ein Halloween ohne „trick or treat“. Es ist zwar kein Ende in Sicht, aber man kommt ja einigermassen zurecht.

Doch weniger als einen Monat vor dieser Präsidentschaftswahl ist es fast unmöglich, gelassen zu bleiben. Es steht emotional viel auf dem Spiel, und eine Wiederwahl Trumps wäre für die Washingtonians schwer zu verdauen. Schwerer noch als die Umbenennung des lokalen Profi-Football-Teams, welches diesen Sommer nach Jahren des Protests den Namen „Redskins“ offiziell aufgab und momentan noch ohne neues Maskottchen antritt.

Je unübersichtlicher die Lage im Land, desto einprägsamer die Erlebnisse der letzten sieben Monate aus unserem Quartier im Nordwesten der Stadt. Man ist zusammengerückt, die Welt wurde etwas kleiner. Im April traf man sich in unserer Nachbarschaft regelmässig zum Apéro auf der Strasse, dort feierten wir im Mai die Highschool-Absolventin, deren Abschlussfeier gestrichen wurde. Während den Sommerferien liehen sich die Kinder gegenseitig Bücher aus, man sah mehr Spaziergänger und weniger Autos, die Trottoirs waren mit Kreide bemalt. Mehrere Väter sagten mir, dass sie am Lockdown schätzten, wie sich die notorisch vollgeplanten Terminkalender ihrer Kinder schlagartig lichteten: keine Fussballspiele, keine Geburtstagsparties, kein Chinesisch-Unterricht.

Unlängst klingelte ich an der Tür des australischen Marineoffiziers in meiner Strasse. Vor Covid sah ich ihn in glänzend weisser Uniform zur Arbeit schreiten, jetzt erschien er im Pyjama. Sie hätten von Videokonferenzen wieder zurück auf Telefon umgestellt, sagte er, da lohne sich der Aufwand des Anziehens ja kaum. Eine Prise Gelassenheit in der Hektik der Washingtoner Vorwahlszeit.

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