Alt wie Methusalem?

Christoph Kuhn's picture

Alt wie Methusalem?

Von Christoph Kuhn, 31.12.2015

Jahreswende: das ist die Zeit für Zeitbetrachtungen.

Wird man alt, läuft die Zeit immer schneller davon. Denkt man. Und sie drängt sich in der digital instrumentierten Welt, in der wir leben, eng zusammen, wird dicht und dichter, gleicht einem Gefäss, in das immer noch mehr hineingestopft wird. Meint man. An der Schwelle zum neuen Jahr beschäftigen sich Journale und Zeitschriften gern mit Zeitbetrachtungen (Rückblicken, Vorausblicken) – für die sie im Lauf des Jahres keinen Platz  erübrigen können oder möchten. Ausgiebig tut das zum Beispiel jene Wochenzeitung, die die Zeit schon im Titel trägt, die „Zeit“ eben. Da werden ein paar Fachleute fürs Utopische, Autoren, Regisseure gebeten, die Realität um zwanzig Jahre vorzuspulen, um uns dann zu erzählen, wie das sein könnte, im Jahr 2036. Unerfreulich, wenn man den Propheten Glauben schenken will. Die „NZZ“ unternimmt mit dem Bild einer Jahrtausende alten Salzwüste in Bolivien den rührenden Versuch, uns davon zu überzeugen, dass es Orte gebe, an denen keine Zeit existiere. Der dazu gehörige Artikel beweist uns dann das Gegenteil. Mit einer wahrlich Furcht erregenden Utopie wartet der „Tages-Anzeiger“ auf. Da wird der englische Wissenschaftler Aubrey de Grey interviewt, der ernsthaft davon überzeugt ist, dass der Mensch 1000 Jahre alte werden könne! Als klugem Mann stehen ihm haufenweise kluge Argumente zur Verfügung. Kritische Fragen (von Journalisten) hat er „so satt wie nichts anderes“.

 Ich möchte lieber nicht als Methusalem in die ewigen Jagdgründe eingehen. Und stelle mir eine derartige Zeitverschiebung für die Menschheit eher grausig vor. Da freut man sich doch aufs neue Jahr mit der üblichen Fülle an bad news, die es den Zeitungen leicht machen wird, zum courant normal zurückzukehren, in dem weder miesmacherische Propheten noch übersättigte Tausendsassas Platz finden. 

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren