Als in Zürich (endlich) die Avantgarde einzog

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Als in Zürich (endlich) die Avantgarde einzog

Von Heiner Hug, 09.12.2019

Ein neues Buch beschreibt die aufregende Geschichte einer Siedlung, in der fast alles anders war.

Selbst Picasso kam vorbei. Das war im Oktober 1932. Er besuchte, zusammen mit seiner Frau, seine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus. Seinen Aufenthalt nutzte er zu einem Ausflug nach Einsiedeln. Auf dem Weg dorthin besuchte er diesen neuartigen Häuserhaufen, der eben auf einer grünen Wiese vor den Toren von Zürich entstanden war. Bei einem Mittagessen im Restaurant Belvoir soll er dann gesagt haben: „Neubühl gefällt mir, scheint beweglich und nicht für die Ewigkeit fixiert...“

Die neuartige Siedlung der Baugenossenschaft Neubühl, die zwischen 1930 und 1932 gebaut wurde, machte schnell Schlagzeilen – nicht nur wegen ihrer neuartigen Architektur.

Neubühl nach der Fertigstellung 1932 (Foto: PD)
Neubühl nach der Fertigstellung 1932 (Foto: PD)

„Strumpflose Beine“

Hier nisteten sich Leute ein, die nicht allen gefielen: Künstler, Intellektuelle, Linke, Menschen, die die Konventionen sprengten und freizügig herumliefen. Aber auch Lehrer, Juristen, Zahnärzte, Fotografen, Pfarrer und Architekten waren gekommen.

Der Schriftsteller Kurt Guggenheim, der ebenfalls im Neubühl wohnte, lobte den freien Lebensstil, der sich hier manifestierte. Die Männer würden „entblössten Halses“, also ohne Krawatten herumlaufen. Die Frauen hätten „den Mut zu den Farben“ wiedergefunden, tragen „kanariengelbe Pullover“ und präsentierten sich mit „strumpflosen Beinen“.

„Ikone des Neuen Bauens“

221 Wohnobjekte entstanden hier im Süden der Stadt Zürich beim Quartier Wollishofen. Es war eine Genossenschaft des Mittelstandes – eine „Manifestation der Avantgarde“, schreibt Emanuel La Roche, der Verfasser des neuen Buches. La Roche, früher Redaktor beim Tages-Anzeiger und Mitbewohner der Siedlung, spricht vom „architektonischen Bijou Neubühl“ und vom „bedeutendsten Wohnensemble der Zwischenkriegszeit“. Die Siedlung steht heute unter Denkmalschutz und wird immer wieder von Architekturstudenten besucht. Neubühl, schreibt La Roche, ist zu einer „Ikone des Neuen Bauens“ geworden.

Schon die damals neuartigen Flachdächer waren umstritten – ebenso die grossen Fenster, die fast bis zum Boden reichten und die ebenerdigen Türen. Doch der Autor beleuchtet nicht nur die Architektur, sondern interessiert sich „für die Menschen, die darin wohnen und gewohnt haben“. Und da wird das Buch – und das ist das Spannende – weit mehr als die Geschichte einer Siedlung.

Neues Lebensgefühl

Idee war es, eine neuzeitlich, sozial gedachte Wohnsiedlung abseits der Stadt zu bauen. Neubühl sollte mehr sein als eine der üblichen Genossenschaften mit dem Ziel der Verbilligung der Mietpreise. Neubühl war denn auch immer vor allem eine Siedlung des Mittelstandes und nicht der Arbeiter.

Hier wurde, neben der neuen Architektur, ein neues Lebensgefühl, ein neuer Lebensstil propagiert. Dieser äusserte sich nicht nur in der freizügigen Mode der Bewohnerinnen und Bewohner. Ein neues Einrichtungsdesign entstand: Neuartige Möbel wurden in die Wohnungen gestellt: weg von gedrechselter schwerer Eiche und Mahagoni. Bunt bemalte Bücherregale tauchten auf, Lampen und Stühle aus reinem Metall, platzsparende Korpusschränke. Lampen mit indirekter Beleuchtung. „Licht, Luft, Sonne“, hiess das Motto. Max Bill engagierte sich und gestaltete sogar ein Wohnungsinserat.

„Sexueller Salat“

Trotz oder wegen des avantgardischen Touch: Man grüsste sich in der Siedlung, man half sich, man hielt zusammen. Im Grunde ist das Buch „die Geschichte eines Dorfes“, schreibt La Roche. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner lebten lange dort, 60 Jahre und mehr.

Der andere Lebensstil erzeugte in der nahen Stadt schnell Argwohn. „Spinner müssten das sein, die dort wohnen“, hiess es, „Halbverrückte, im besten Fall Künstler, aber sicher Gottlose und möglicherweise Kommunisten oder gar Menschen, die Vielweiberei betrieben. Die durchgehenden Kellerdurchgänge erlaubten ja ein verstecktes Hin und Her zwischen den Häusern“. Andere sprachen von „erotischen Verwicklungen“ oder von einem „sexuellen Salat“.

„Gekrächze eines Frauenzimmers“

Man nannte die Siedlung „Araberdörfli“, „Berberdörfli“, „Negerdorf“, „Hühnerfarm“. Oft wurde die Polizei gerufen. Einige lebten im Neubühl im Konkubinat. Manchmal wurde es laut. „Gejohle, Gekreisch, lautes Gelächter“, beschwerte sich Mieter Piguet über Fräulein B., die mit „ca. 20 Offizieren bis morgens um 2 Uhr feierte“.  Ein anderer kritisierte das „Gekrächze eines Frauenzimmers“.

Doch das waren Ausnahmen. Eine Frieda Tobler, die 60 Jahre in der Siedlung wohnte, sagt: „Auch menschlich gesehen ist der Neubühl gottlob wie ein Dörfchen, wo man sich grüsst und kennt und miteinander lebt.“ Das Motto war: „Leben und leben lassen“. La Roche zitiert den indischen Architekten Balkrishna Doshi: „Wichtiger als Gebäude zu bauen, ist es, Gemeinschaften zu stiften.“

Zentrum für Emigranten

Während der Nazi-Zeit wurde das Neubühl zu einem wichtigen Aufnahmezentrum für Emigranten. Mindestens 22 Familien, die vor den Nazis flüchten mussten, fanden hier zeitweise Unterschlupf. Unter anderen wohnte der Autor Arthur Koestler hier, ebenso der Theatermann und Filmregisseur Leopold Linthberg und der Schauspieler Ernst Ginsberg. Die meisten Neubühl-Bewohner zeigten sich den Flüchtlingen gegenüber hilfsbereit.

Doch nicht alle. Und da wird das Buch über eine kleine Zürcher Siedlung sogar ein Stück Schweizergeschichte. Es ist keine schöne Geschichte.

„Judensiedlung mit kommunistischem Einschlag“

Die dem Freisinn nahestehende 1919 gegründete Zeitung „Zürcher Volkszeitung“ schrieb, es würden im Neubühl „lauter Edel- oder andere Kommunisten, Emigranten und Nicht-Christen“ bevorzugt. Schweizerische Mieter würden benachteiligt. Der Artikel, ein anti-jüdisches Pamphlet, wurde anonym publiziert. Er wurde dann in gekürzter Form von der „Zürichsee-Zeitung“ und dem „Neuen Winterthurer Tagblatt“ wiedergegeben. Auch andere Zeitungen übernahmen teilweise das Pamphlet, so die „Neue Glarner Zeitung“, das in Thun erscheinende „Oberländer Tagblatt“, die „Glarner Nachrichten“, die „Neue Basler Zeitung“ und andere. Der in Andelfingen publizierte „Weinländer“ sprach von „Judensiedlung mit kommunistischem Einschlag“. Sogar die in New York erscheinende „Amerikanische Schweizer Zeitung“ übernahm das Pamphlet.

Hier ist das Buch auch eine Mediengeschichte. Es zeigt die antijüdische und pro-deutsche Haltung vieler Schweizer Medien während der Nazi-Zeit. Und es zeigt auch, wie Journalisten, ohne zu recherchieren, einfach einander abschreiben.

Der Vorstand der Siedlung Neubühl wehrte sich mit ganzseitigen Inseraten und fand auch den Autor des anonymen Hetzartikels: Redaktor Oskar Beer. Die „Zürcher Volkszeitung“ ging dann bald ein, Beer wurde arbeitslos und entschuldigte sich schliesslich. Doch der Schaden war da.

„Verpasste Chance“

Immer wieder kämpfte das Neubühl um Mieter. Der Leerwohnungsbestand war oft hoch, denn der Standort der Siedlung weit weg von der Stadt ohne fehlende Anbindung an den öffentlichen Verkehr war ein Handicap. Auch mit der Überalterung hatte die Siedlung zu kämpfen. Den meisten Bewohnern gefiel es so gut, dass sie Jahrzehnte blieben – und immer älter wurden. Und die Siedlung war keineswegs eine „Judensiedlung mit kommunistischem Einschlag. Verbrieft ist, dass zumindest ein Mieter ein „Fröntler“ war.

Nach 60 Jahren sollte die Siedlung erweitert werden. Doch der Neubau des „Erligatters“ mit seinen 28 Wohnungen war eine Enttäuschung. Es habe der „Mumm“ gefehlt, etwas wirklich Neues zu realisieren, zitiert La Roche ein Vorstandsmitglied. „Hier wurde eine Chance verpasst. Von Begeisterung und  Enthusiasmus keine Spur“, schreibt der Autor. Der Neubau wurde im August 2000 eingeweiht. Der Unterschied zu Alt-Neubühl liege auf der Hand, stellt La Roche fest: „Damals wurde etwas wirklich Neues geschaffen: Ein Wurf, der Massstäbe setzen sollte. Alt Neu-Bühl erregte die Gemüter. Neu-Neubühl fällt nicht weiter auf ...“

                                              ***

Das Buch von Emanuel La Roche ist weit mehr als die Geschichte einer kleinen, neuartigen Wohninsel am Rand einer Schweizer Stadt. Es ist die Geschichte eines geistigen Aufbruchs – und der Widerstände auf die er gestossen ist. Und es ist auch eine Mediengeschichte.

Wie haben viele Zürcher und Schweizer in jener Zeit getickt? Das Buch sagt viel über den Zustand unserer Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit und danach. In diesem Sinn ist das Werk auch eine wertvolle soziologische Auslegeordnung.

Übrigens: Schon früh hatte man im Neubühl mit den üblichen Problemen zu tun. Das Thema „Haustiere“ erregte immer wieder die Gemüter. Eine Haustierkommission wurde gebildet, die forderte, dass Hunde innerhalb der Siedlung an der Leine zu führen sind. Katzen hatten nachts zu Hause zu bleiben. Sie hatten „Anrecht auf genügend Fleisch, um dem Vogelfrass vorzubeugen“.

Doch es gab nicht nur Hunde und Katzen. Ein Untermieter hatte zwei Affen mitgebracht. Einer von ihnen biss eine ältere Mitbewohnerin in die Hand. Die Affen wurden ausgewiesen.

Emanuel La Roche: Im Dorf vor der Stadt – Die Baugenossenschaft Neubühl 1929–2000. Chronos, November 2019, gebunden, 392 Seiten, CHF 48.-- 

 

 

 

 

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