Allzeit bereit zur Panik

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Allzeit bereit zur Panik

Von Gisbert Kuhn, Bonn - 23.06.2018

Die Deutschen und Deutschland haben ganz sicher – wie andere Völker auch – eine ganze Reihe von Vorzügen und Talenten. Eines jedoch gehört gewiss nicht dazu: Die ausgeprägte Fähigkeit zur Gelassenheit. Besonders nicht in aufgeregten Zeiten.

Vor einer ganzen Reihe Jahren schon fragte ein guter irischer Freund, ob man denn den wesentlichen mentalen Unterschied zwischen dem deutschen und dem Inselvolk kenne? Seine Definition: „Wenn bei uns in Irland ein grosses Unglück passiert – und wir haben im Verlauf der Geschichte, weiss Gott, schon viele Katastrophen und Hungersnöte erlebt – wenn also wieder einmal so etwas passiert, dann machen wir uns selber wieder Mut, indem wir sagen: „Schrecklich, aber es hätte auch noch schlimmer kommen können.“ Wenn hingegen bei Euch irgendeine Kleinigkeit schief läuft oder auch nur der allgemeinen Vorstellung nicht entspricht, dann folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit das Lamento: „Schlimmer kann es gar nicht mehr kommen.“ Übrigens: Der Mann war Deutschland und den Deutschen ausserordentlich zugeneigt.

Zugespitzt, aber wahr              

Diese Aussage war gewiss zugespitzt. Aber falsch war sie damit nicht. Man kann den zwischen Rhein und Oder, Flensburg und Konstanz lebenden Landeskindern sicher manche Tugend zusprechen. Fleiss zählt  ohne Zweifel dazu (wenigstens war das früher der Fall), wohl auch der Hang zu einem gewissen soliden Haushalten, die Entwicklung und Herstellung hochwertiger Produkte, nicht zu vergessen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit (wenn man mal die Deutsche Bahn ausnimmt). Nur eines lassen sie sich ganz gewiss nicht nachsagen: Eine ausgeprägte Neigung oder gar Fähigkeit zu abwägender Gelassenheit, Besonnenheit und Streben nach innerem Gleichgewicht zu haben – schon gar nicht dann, wenn die gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Winde rauer und kälter blasen.

Historiker und Psychologen bieten für dieses Phänomen immer wieder Erklärungen an. Dazu gehört, logisch, die vielfach gebrochene deutsche Geschichte, der erst spät erreichte Nationalstaat, die beiden Kriegskatastrophen im 20. Jahrhundert usw., usw. … Alles richtig, gut, schön und einsichtig. Aber seit dem Ende des zweiten grossen Völkermordens sind mittlerweile mehr als sieben Jahrzehnte vergangen. Aus den Trümmern ist durch menschlichen Fleiss (nicht zu vergessen auch: vor allem amerikanische Hilfe) Neues entstanden, nicht zuletzt – wenigstens im westlichen Teil – eine in der deutschen Geschichte bis dahin noch nie gekannte Friedensphase mit ebenfalls bis dahin einmaligem Wohlstand. Und trotzdem ist die permanente Bereitschaft hierzulande zur Panik nicht zu übersehen und schon gar nicht zu überhören.

Zur Freude unfähig?

Das Frankfurter Psychoanalytiker-Ehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich hatte 1967 mit dem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ die Weigerung der damaligen deutschen Öffentlichkeit aufgespiesst, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Auch das ist schon lange her, und viele der seinerzeitigen Kritikpunkte sind zum Glück obsolet geworden. Dennoch – kann es sein, dass sich ein solcher Hang zum Verdrängen und Trauer über frühere Taten möglichst gar nicht zuzulassen, ein selbst noch späteren Generationen eigenes, spezifisches Verhalten übertragen hat? Nämlich die Unfähigkeit, sich zu freuen. Schon ein einfaches Blättern, zum Beispiel im bevorzugten Motz-Medium namens Facebook, ist durchaus geeignet, nicht nur ohnehin zur Ängstlichkeit neigenden Zeitgenossen zusätzlich tiefe Sorgenalten in die Stirn zu graben. „Es wird noch viel schlimmer“, ist nur einer von vielen zustimmenden Kommentaren von „Freunden“ und „Followern“ auf die apokalyptischen Zukunftsmalereien diverser Weltuntergangs-Propheten.

Nun wüsste man ja mitunter gern, was denn so im Einzelnen „noch viel schlimmer“ werde. Schliesslich möchte man sich vielleicht ja auch selber gegen das angeblich unmittelbar bevorstehende Unheil wappnen. Solche Spezifizierungen bleiben indessen in aller Regel aus; sie werden von den Autoren vermutlich einfach durch den Begriff „alles“ umfassend beschrieben. Doch halt! Eine Ausnahme sticht immerhin aus der amorphen Masse dieser allgemein gehaltenen düsteren Visionen heraus – der mittlerweile für anscheinend ganze Heerscharen traumatisierter Mitbürger personifizierte Schreckensname Angela Merkel. Nicht selten hat das schon den Anschein, dass diese Zeitgenossen richtig glücklich sind, ihren Frust über eine konkrete Person ausgiessen zu können. Das macht einem, bei aller berechtigten Kritik an vielen politischen Entscheidungen, diese Frau fast schon wieder sympathisch. Solche Nehmerqualitäten besitzen schliesslich nicht alle im Rampenlicht stehenden und den öffentlichen Giftpfeilen ausgesetzten Politiker.

Eine Mauer ums Land?

Ja natürlich, die Zeiten sind schwierig.  Aber sind Schwierigkeiten nicht dazu da, bewältigt zu werden? Ebenfalls unbestreitbar, die Krise um den Massenzustrom von Flüchtlingen, Asylbewerbern, nach einem lebenswerten Dasein strebenden Ausländern ist noch lange nicht bewältigt. Und sie wäre es mit Sicherheit auch dann nicht, wenn es nicht den unkontrollierten Grenzübertritt, nicht den drei Jahre währenden und weitgehend nutzlosen politischen Streit und entsprechend ausgebliebene Entscheidungen gegeben hätte, nicht die katastrophalen Zustände bei den Entscheidungsbehörden. Fast 70 Millionen Menschen befinden sich, nach Uno-Angaben, gegenwärtig weltweit auf der Flucht – vor Krieg, Gewalt, Hunger, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit. Das ist die grösste Zahl in der Geschichte der Menschheit. Die schiere Zahl übersteigt das Vorstellungsvermögen jedes Einzelnen von uns. Und doch muss man sich bewusst machen, dass hinter allen ein individuelles Schicksal steht. Also eine Mauer um das Land?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass an dem Problem tatsächlich die ohnehin nicht stabile Regierung in Berlin zerbricht. Nun sind Krisen in der Politik nichts Ungewöhnliches – auch und gerade nicht in einer Demokratie. Und hier und da wird ja auch bereits das Halali für das Ende der Jagd auf die gegenwärtige Kanzlerin geübt. Vielleicht steht Merkel diese Zeit durch, vielleicht auch nicht. Und dann? Irgendwann Neuwahlen. Die SPD hat bislang noch von keiner Dummheit der Union profitiert, im Gegenteil. Also noch mehr Hinwendung politisch Blinder zur AfD? Nicht ausgeschlossen. Mit der keineswegs unwahrscheinlichen Konsequenz, dass die einzige Möglichkeit für eine neue, zahlenmässig regierungsfähige Koalition in einem Bündnis zwischen CDU (ob mit oder ohne CSU) und der AfD besteht. Lieb Vaterland, magst ruhig sein! Dagegen wären sogar „italienische Verhältnisse“ harmlos.

Das sind – vielleicht – nur Zerrbilder einer beunruhigten Fantasie. Hoffentlich. Indessen treibt es einem schon den Schweiss auf die Stirn, wenn man beobachtet, wie leichtfertig, ja geradezu mutwillig auch und besonders in dem ja nicht gerade ganz unwichtigen Land in der Mitte Europas daran gearbeitet wird, all das wieder zu zerstören, was die wahrscheinlich kostbarste Errungenschaft ist, die auf diesem Kontinent jemals erreicht wurde. Nämlich: Das in der internationalen Geschichte bislang einmalige Experiment, Grenzen zu beseitigen, den freien Austausch von Ideen, Waren und Menschen zu ermöglichen – und vor allem: alles ohne Gewaltanwendung. Beim Gedanken daran, dass dieses Werk wirklich zertrümmert wird, kann einen wirklich Panik erfassen. Nicht nur im deutschen Mutterland der Ängstlichkeit.

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Kommentare

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Mit auch deutschen Bekannten und Verwandten und regelmässigen Besuchen dorthin gesegnet und nun so aus Distanz, durch die Medien und asiatischen Expats betrachtet, würde ich die mangelnde "ausgeprägte Fähigkeit zur Gelassenheit" einfach als deutsche Gemütlichkeit, Frohsinn, Flachs und Entspanntheit uminterpretieren, über die die Deutschen ganz sicher schon verfügen, aber damit im Alltag natürlich nicht weit kämen, im internationalen Wettbewerb, der ja gnadenlos ist. Die wissenschaftlichen Leistungen, deutsche Gründlichkeit und DIN-Norm Maschinen werden von den Engländern und Amis aber allgenmein bewundert. Die boomende Wirtschaft, Exportzahlen, die niedrige Arbeitslosigkeit und hohe Lebensqualität sprechen dazu für sich. Leider auch die zu geringe Vertilitätsrate der geburtsfähigen Frauen und die zu 50% keine Kinder mehr zeugenden Männer Europas. Deshalb müssen doch auch diese jungen, gesunden, kräftigen und moralisch religiös gut erzogenen, unverdorbenen und bio-ernährten, aussereuropäischen "survival of the fittest"- Neuankömmlinge zur Auffrischung des schon etwas degenerierten alten Blutes herzlich willkommen geheissen und schnellstmöglich integriert werden. Und zwar so, dass alle darüber noch wunderbar Politik machen und sich fortwährend neu definieren können. „Schlimmer kann es gar nicht mehr kommen“ ist dazu die deutsche Form von ironischer, vielleicht auch zynischer Gelassenheit. Und den 70 Millionen flüchtenden und vertriebenen Menschen in den 750 Millionen Europäern eine neue Heimat zu geben, wäre doch ein Klacks; die Schweiz allein hat ja schon 25% Ausländer Anteil und alles läuft wunderbar. Aber man muss es halt den Menschen vermitteln wollen können.

Sehr treffende Schilderung der "deutschen" politischen Debatte. Es gibt dort keine Kritik, nur Hass. Es gibt keine Konservative, nur Rechtsextreme. Es gibt keine Heimat, nur Europa. Was nicht Allerweltsgefälligkeit (neudeutsch. Mainstream) ist, ist Faschismus. Was nicht sozial/sozialistisch ist, ist Neoliberalismus. Wer eigenverantwortlich handelt, ist gestrig. Umverteilung ist gut, weil gerecht. Sparen ist eine veraltete Tugend, insbesondere beim Staat. Stolz auf das Vaterland------igitt igitt!
Ein deutsches Volk? Nur ja nicht, weil der Begriff bis vor 73 Jahren überstrapaziert wurde, somit für immer tabuisiert gehört.

Damit treffen Sie den Nagel auf den Kopf.

Dazu gehört leider auch, dass wer die Flüchtlingspolitik in ihrer derzeitigen Form ablehnt aber dennoch nicht gewillt ist die AfD kritiklos zu preise als „87% Volksverräter“ und Büttel des Sytems verunglimpft wird. Die Fähigkeit zur Diskussion fehlt nicht nur links.

Kein schöner Land in dieser Zeit, als Europa weit und breit!

Peter Scholl-Latour wusste es, viele ahnten es, jedoch ohne die logischen Folgen daraus zu ziehen. Die Leute heute und auch Präsident E. Macron haben erkannt, konzeptlos kann es so nicht weitergehen. Als G.W. Bush damals bekannt gab, ohne Not die Grenzen im Nahen Osten neu zu ziehen, würde das mit Sicherheit Krieg bedeuten und Kriege lösen immer massive Flüchtlingsströme aus. Was tröpfchenweise mit Wirtschafts-Flüchtlingen begann, wurde zum nicht abreissenden Strom von Kriegsflüchtlingen. Die Hilfe Deutschlands ist sehr hoch anzurechnen, Angela Merkel tut was sie muss und kann, wird aber diesem Ansturm niemals gerecht werden können. Genauso geht es Italien. Wir sehen, vorauseilender Gehorsam birgt etliche Risiken, politische Risiken wenn man an die extremen Rechtsparteien denkt. Angebliche Freundschaften mit fremden Ländern, gilt auch für Überseeische, sind leider und gut sichtbar nicht immer zuverlässig, ausgenommen bei ihren Eigeninteressen. Europa entsteht, leider sehr langsam, aber mit viel Hoffnung sollte es uns allen in Zukunft von grossem Wert sein oder werden! ...cathari

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