Alexander Solschenizyn, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962)

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Alexander Solschenizyn, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962)

Von Urs Bitterli, 04.01.2016

Es ereignet sich nur selten, dass Bücher Geschichte machen.

Alexander Solschenizyns berühmtes Werk steht jedoch in engem Zusammenhang mit historischen Vorgängen und hätte ohne den von Chruschtschow 1961 eingeleiteten Entstalinisierungsprozess nicht publiziert werden können.

Die Verschickung von Kriminellen und politisch Oppositionellen in die Arbeitslager Sibiriens hat in der russischen Geschichte eine lange Tradition. Berühmte Schriftsteller haben darüber geschrieben, nicht selten aus eigener Erfahrung. Fjodor Michailowitsch Dostojewski verbüsste vier Jahre Lagerhaft wegen subversiver politischer Tätigkeit und schrieb nachher seine „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Anton Tschechow besuchte die Sträflingsinsel Sachalin vor der russischen Pazifikküste und verfasste einen erschütternden Rechenschaftsbericht.

Rohmaterial Mensch

Nach der Oktoberrevolution errichteten die Bolschewiken in den unwirtlichen, aber rohstoffreichen Gegenden im Osten und Norden Russlands ein weitverzweigtes Netz von Zwangsarbeitslagern, das GULAG-System. Millionen von Häftlingen holzten hier Wälder ab, bauten Strassen und Eisenbahnlinien, hoben Kanäle aus und beuteten Bergwerke aus. Das russische Wort GULAG ist ein Akronym, ein Kürzel, das ähnlich wie das Wort UNO in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen ist. Es bedeutet wörtlich „Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und –kolonien“.

Dieses System von Zwangsarbeitslagern bildete ein zentrales Element von Stalins forcierter Industrialisierungspolitik. Der sowjetische Diktator begriff die Menschen nicht als Individuen, sondern als das Rohmaterial, das der Staat bis an die Grenzen des Möglichen zu nutzen hatte, um die Ziele der der Revolution zu erreichen. Von rechtsstaatlichen Verhältnissen, in denen Schuldige ihrer verdienten Strafe zugeführt werden, war man im GULAG weit entfernt. Das System, das Stalin und der Chef der politischen Polizei Jagoda in den zwanziger Jahren aufbauten, wurde zum Moloch, den man mit einer ausreichenden Zahl von Opfern fütterte, damit die ehrgeizigen Ziele der Fünfjahrespläne erfüllt werden konnten.

Mathematiklehrer Solschenizyn

Viele Zwangsarbeiter wussten denn auch nicht genau, was sie verbrochen hatten und warum sie verhaftet worden waren. Auch haftete dem Strafmass etwas Beliebiges an, und die Strafen konnten aus unbestimmtem oder nichtigem Anlass verlängert oder in Verbannung oder Zwangsumsiedlung umgewandelt werden. Die GULAG-Bevölkerung zählte vor dem Tod Stalins rund 2,6 Millionen Häftlinge in 175 Lagern. Dies waren vier Prozent der arbeitenden Bevölkerung der Sowjetunion.

Das bekannteste literarische Werk, das wir zum Thema GULAG besitzen, stammt von Alexander Solschenizyn. Das Buch, mehr Bericht als Roman, kam 1962 heraus und trägt den Titel „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Der Verfasser war zum Zeitpunkt der Niederschrift 44 Jahre alt und arbeitete als Mathematiklehrer in der Stadt Rjasan, zweihundert Kilometer südöstlich von Moskau. Er hatte unmittelbar vor dem Beginn des deutschen Russlandfeldzugs ein Mathematikstudium an der Universität Rostow abgeschlossen. Im Krieg wurde er der Artillerie zugeteilt und stand als Batteriekommandant im Fronteinsatz.

Kritische Äusserungen über Stalin

Einige Monate vor Kriegsende wurde Solschenizyn von der militärischen Spionageabwehr verhaftet und ins berüchtigte Moskauer Gefängnis, die Lubjanka, überführt. Man hatte in seiner Korrespondenz mit einem Freund kritische Äusserungen über Stalin entdeckt und verurteilte ihn ohne Gerichtsverfahren zu acht Jahren Arbeitslager. „Ich war der Ansicht“, schrieb der Schriftsteller später, „Stalin habe sich vom Leninismus entfernt, trage die Verantwortung für die Misserfolge zu Beginn des Krieges und drücke sich zudem ungepflegt aus. Infolge jugendlicher Sorglosigkeit legte ich all dies in meinen Briefen nieder.“

Zuerst kam Solschenizyn in ein Sonderlager für Wissenschaftler, wo er sich mit dem Germanisten und Schriftsteller Lew Kopelew anfreundete. Dann gelangte er in ein Lager nach Kasachstan und arbeitete dort als Maurer und Giesser. Im Todesjahr Stalins wurde er entlassen und nach einem kleinen kasachischen Steppendorf in die Verbannung geschickt, „auf Lebzeiten“, wie es hiess. Hier begann er mit der Niederschrift seines ersten Romans unter dem Titel „Im ersten Kreis der Hölle“, der in einem Arbeitslager für Wissenschaftler spielt. Im Jahre 1956 stellte Solschenizyn ein Gesuch um Rehabilitierung, dem stattgegeben wurde.

„Den Kopf gesenkt, keine Zeit nachzudenken"

Der Bericht „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ ist stark autobiografisch geprägt und schildert einen einzelnen Tag im Leben eines Strafgefangenen. Der Mann heisst Schuchow, ist von Beruf Zimmermann, vierzig Jahre alt, ungebildet und erfüllt von einem naiven Gottesglauben. Schuchow gehört der Arbeitsbrigade 104 an, haust in Baracke 9 und trägt auf seinem Mantel die Häftlingsnummer S 854. Vor dem Krieg lebte er mit seiner Frau und zwei Kindern in einem kleinen Bauerndorf. Im Krieg gerät er in deutsche Gefangenschaft, kann fliehen und wird beschuldigt, er habe sich vom deutschen Nachrichtendienst anwerben lassen. Auf diesem Delikt steht die Todesstrafe; doch Schuchow rettet sein Leben, indem er alles unterschreibt, was man ihm vorwirft. Er hat zu dem Zeitpunkt, da die Erzählung einsetzt, bereits acht Jahre Haft abgebüsst und akzeptiert seine Strafe, wie man ein unabänderliches Schicksal hinnimmt: „So lebt man also dahin“, sagt er sich, „den Kopf gesenkt, und hat keine Zeit nachzudenken, wie man reingekommen war und wann man wieder rauskommen würde."

„Ein Tag im Leben es Iwan Denissowitsch“ beginnt damit, dass ein Aufseher um fünf Uhr morgens mit einem Hammer an eine Stück Eisenbahnschiene schlägt, die vor der Kommandantur hängt. Es ist schneidend kalt, die Sträflinge versammeln sich, Menschen aus allen sozialen Schichten: Bauern, Arbeiter, ein Baptist, ein Kapitän, ein Filmregisseur, ein ehemaliger Parteifunktionär. Nach kargem Frühstück mit Suppe und Brei geht’s zum Appell. Dann marschiert man, eskortiert von bewaffneten Bewachern, zum Arbeitsort ausserhalb des Lagers. An diesem besonderen Tag geht es hinaus zu einem Kraftwerk, das im Bau steht. Man muss arbeiten, um die Kälte zu überleben. „Wenn, wie jetzt, Schwerarbeit zu leisten ist“, sagt sich Schuchow, „kannst du nicht einfach dabeisitzen und die Hände in den Schoss legen. Entweder sie hatten es hier binnen zwei Stunden warm, oder sie würden bald einen kalten Arsch kriegen und hin sein.“ Zum Mittagessen gibt es erneut Brei, zu wenig, um den Hunger zu stillen, halbwegs genug, um die Arbeitskraft des Häftlings zu erhalten.

"Nichts ist schiefgegangen, fast ein Glückstag"

Schuchow ist ein fleissiger, gewissenhafter Arbeiter; er findet in der Arbeit seine Befriedigung und steht den Mithäftlingen zur Seite. Um neun Uhr abends ertönt das Signal zum Arbeitsschluss. Es ist nun sehr kalt, man steht frierend und wartet, der Appell verzögert sich. Suchow gelingt es, das winzige Stück einer Säge, das er gefunden hat, im Fausthandschuh zu verbergen. Zum Abendessen gibt es wieder eine wässerige Brühe und einige hundert Gramm Brot, je nachdem, ob die vorgeschriebene Arbeitsleistung erreicht worden ist. Vor dem Einschlafen bleibt etwas Zeit für Gespräche, man tauscht Kleinigkeiten aus, die Gefangenen, die Post erhalten, öffnen Briefe und Pakete. Schuchow hat kein Paket zu erwarten; denn seine Familie ist arm, und er hat sie angewiesen, ihm nichts zu schicken.

Nochmals ein letzter Appell, eine reine Schikane. Schuchow wirft sich auf sein Lager und überdenkt den vergangenen Tag. Eigentlich, sagt er sich, darf er zufrieden sein: Die Maurerarbeit hat geklappt, er hat einen Extraschlag Brei herausgeschunden, man hat das Stück Säge nicht auf ihm gefunden. Solschenizyns Buch schliesst mit den Worten: „Nichts war an diesem Tag schiefgegangen. Fast ein Glückstag. Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig Tage wie dieser eine, das war seine Strafzeit, vom Frühappell bis zum Lichterlöschen. Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig. Drei Tage mehr, wegen der Schaltjahre...“

Die Selbstachtung bewahrt

Solschenizyns Buch ist vordergründig eine Reportage, und viele Leser, welche das GULAG-System von innen kannten, haben die Genauigkeit und Sachlichkeit der Berichterstattung bezeugt. Was diesem Bericht jedoch seine herausragende und bleibende Bedeutung verleiht, ist nicht der Realismus der Schilderung sondern die Darstellung der Hauptfigur. Der Häftling Iwan Denissowitsch Schuchow ist mit den denkbar schlimmsten Existenzbedingungen konfrontiert - und merkwürdig: Es gelingt ihm, nicht nur zu überleben, sondern auch, seine Selbstachtung zu bewahren. In der Atmosphäre des Arbeitslagers, welche die Entfesselung menschlicher Bösartigkeit begünstigt und wo jeder sich selbst der nächste ist, bleibt Iwan Denissowitsch moralisch integer und geistig unabhängig.

Die Haft hat ihn nicht verbittert. Er ist hartes Arbeiten seit früher Jugend gewohnt und findet auch in der Zwangsarbeit innere Befriedigung und eine Art von bescheidenem Glück. Eine stille Ruhe und Sicherheit geht von diesem Häftling aus, und er erinnert an die grossen Bauerngestalten im Werk Tolstois, die sich trotz Armut, Not und Leibeigenschaft ihre stille Würde bewahrt haben.

Verhaftet, ausgewiesen

„Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ wurde zwischen 1956 und 1958 niedergeschrieben, ohne dass sein Autor mit einer Publikation rechnen konnte. Die durch Chruschtschows „Geheimrede“ 1956 eingeleitete Destalinisierung und die Offenlegung von Stalins Verbrechen durch den XXII. Parteitag des Jahres 1961 führten jedoch zu einer zeitweiligen Liberalisierung, und Solschenizyns Buch konnte in der Literaturzeitschrift „Novy mir“ (Neue Welt) abgedruckt werden. Die Publikation schlug ein wie eine Bombe. Fast überall erschienen lobende Kritiken, Solschenizyn wurde in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen und für den Lenin-Preis vorgeschlagen.

Doch 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, und die geistige Öffnung, die sich angekündigt hatte, wurde unter Leonid Breschnew und seiner reformfeindlichen Gerontokratie rückgängig gemacht. Im Jahr 1965 beschlagnahmte das „Komitee für Staatssicherheit“ das Originalmanuskript von „Der Erste Kreis der Hölle“. Den Nobelpreis, der Solschenizyn fünf Jahre später verliehen wurde, konnte er nicht persönlich entgegennehmen, da er befürchten musste, nicht mehr nach Russland zurückkehren zu können. Im Jahre 1974 wurde der Schriftsteller, der zur Belastung des Regimes geworden war, verhaftet und ausgewiesen. Er fand zunächst Aufnahme in Deutschland und der Schweiz und lebte dann 17 Jahre lang im amerikanischen Bundesstaat Vermont im Exil. Im Jahre 1994 kehrte ein alter Mann nach Russland zurück, der von sich sagen konnte, er habe beides überlebt: den GULAG und die Diktatur.

"Archipel GULAG"

„Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ war nur ein Vorspiel, eine Fingerübung, wenn man Solschenizyns gesamtes Œuvre betrachtet. Umfassend ist das Thema der sowjetischen Zwangsarbeitslager von Alexander Solschenizyn in seinem monumentalen Hauptwerk „Der Archipel GULAG“ abgehandelt worden. Dieses Buch gelangte 1973 nach Paris, wurde dort in russischer Sprache gedruckt und anschliessend in viele andere Sprachen übersetzt. Eine vom Verfasser autorisierte gekürzte Ausgabe ist 1978 in deutscher Sprache erschienen. Am Anfang stehen die Worte:

„All jenen gewidmet,
die nicht genug Leben hatten,
um dies zu erzählen.
Sie mögen mir verzeihen,
dass ich nicht alles gesehen,
nicht an alles mich erinnert,
nicht alles erraten habe.“

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