Afghanistan: Ist Indien der grosse Verlierer?

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Afghanistan: Ist Indien der grosse Verlierer?

Von Bernard Imhasly, 18.09.2021

Indien hatte ganz auf die Karte der afghanischen Regierung gesetzt und jeden Kontakt mit den Taliban vermieden. Nun steht es vor einem diplomatischen Trümmerhaufen und der ersehnte Zugang zu Zentralasien ist zugesperrt.

„Forward Policy“ nannten die Engländer im 19.Jahrhundert ihre Afghanistan-Politik, als sie versuchten, das Land mit Waffengewalt unter ihre Kontrolle zu bringen. Nach zwei schmählichen Niederlagen besannen sie sich eines Besseren und bequemten sich zu einer Koexistenz mit den Stammesbewohnern entlang der Westgrenze von Britisch-Indien. Nun lautete die neue Politik beschönigend Britisch-Indien. Nun lautete die neue Politiok beschönigend „masterly inactivity“.

Pakistan als Gewinner – zumindest vorläufig

Die kürzliche Übernahme Afghanistans durch die Taliban bewog einige Kommentatoren in Indien, diese verrosteten Stratageme aus der kolonialen Rumpelkammer zu holen und sie auf die heutige Politik der östlichen Nachbarn von Afghanistan anzuwenden: Pakistan habe eine „Forward Policy“ betrieben und gewonnen; Indien dagegen stehe als der grosse Verlierer da und versuche nun, seine Marginalisierung als Strategie der „wohlüberlegten Zurückhaltung“ zu drapieren.

Niemand zweifelt daran, dass Islamabads forsche und hartnäckige Politik mit dem Ziel eines Siegs der Taliban Früchte getragen hat – zumindest kurzfristig. Was Indien angeht, ist man sich in der indischen Öffentlichkeit dagegen einig, dass sein Verhalten alles andere als „masterful“ war.

Bereits in den Jahren der ersten Taliban-Regierung zwischen 1996 und 2001 hatte sich Delhi – noch eindeutiger als die amerikanischen Schirmherren – auf die Seite der ehemaligen Mudschaheddin gestellt und die Nord-Allianz unter Ahmed Shah Massud mit Waffen und Geld unterstützt. Unter der Präsidentschaft von Hamid Karzai und Abdul Ghani investierte das Land grosszügig in Bereichen des Strassen- und Eisenbahnbaus und den Aufbau von Spitälern und Schulen.

Angesichts der blockierten Zugangswege durch Pakistan baute Indien in der Arabischen See den iranischen Hafen von Chabahar aus. Delhi  beteiligte sich am Bau einer Eisenbahnlinie, die von dort bis zum iranisch-afghanischen Grenzübergang bei Zaranj führte – die nächstgelegene Meeresanknüpfung für das Binnenland Afghanistan, falls es je pakistanisches Territorium umgehen will oder muss. Man nimmt an, dass Indien in den letzten zwanzig Jahren über eine Milliarde Dollar in Afghanistan investiert hat, zum grössten Teil in die zivile Infrastruktur. Es verfügte nicht nur in der Regierung über Sympathien und Einfluss; auch in der breiten Bevölkerung genoss es ein von Bollywood verbrämtes Image eines Sehnsuchtlands.

An der Seite des gestürzten Präsidenten

Der „Allwetter-Freund“ der afghanischen Regierung wurde damit zu einem de Facto-Verbündeten der USA, mit denen Indien in diversen Projekten auch zusammenarbeitete, etwa bei der Polizei-Ausbildung. In den letzten Jahren ging Indien sogar noch weiter als die USA und schlug sich innerhalb der verschiedenen Strömungen in der Regierung resolut auf die Seite Abdul Ghanis, der Verhandlungen mit den Taliban ablehnte.

Was war der Grund für dieses enge Verhältnis mit Kabul? War es der alte Scheuklappen-Reflex, der Indiens Nachbarn aus dem engen Blickwinkel der Feindschaft zu Pakistan wahrnehmen lässt? Für eine regionale Hegemoniemacht wie Indien war es jedoch unverständlich, dass sie überhaupt keinen Dialog-Kanal mit den Taliban unterhielt. Erst im letzten März kam es offenbar zu einem geheimen Treffen mit Sher Mohammed Stanekzai in Katar, einem der Unterhändler bei den Verhandlungen mit den USA in Doha (und einem der raren Taliban, der ein Studium absolviert hatte – und dies in Indien).

Das indische Aussenministerium verfügte im Land über mehrere Konsulate, darunter in Herat, Jalalabad und Kandahar; diese waren bereits vor mehreren Monaten aus Sicherheitsgründen geschlossen worden. Die Botschaft in Kabul dagegen wurde vom raschen Kollaps der Regierung am 15. August überrumpelt. Sie konnte von den neuen Herrschern keine Sicherheitsgarantien erhalten, schloss umgehend ihre Tore und zog ihr gesamtes Personal aus Kabul ab.

Gelbe Armbinden für Sikhs und Hindus 

Dies war leichtfertig, warf ein ehemaliger indischer Botschafter der Regierung vor, denn allein in der Hauptstadt wohnen immer noch mehrere hundert Hindus und Sikhs, die nicht evakuiert werden konnten. Sie sind extrem gefährdet, wenn nicht durch Übergriffe der Taliban-Soldateska, dann durch den mangelnden Schutz vor Attentaten des IS-K. Bereits 2012 und 2018 kam es zu Selbstmord-Aktionen, die zweite vor einem Sikh-Tempel, bei dem eine Reihe von Menschen getötet wurde.

Vor dem Bürgerkrieg lebten rund 60’000 Sikhs in Afghanistan, viele von ihnen seit vielen Generationen. Die erste Taliban-Regierung hatte Sikhs wie Hindus gezwungen, Armbinden zu tragen, die sie als Mitglied einer Minderheit auswiesen; ihre Farbe: Gelb. (Auch die Zahl der Juden war früher mit geschätzten 40’000 Einwohnern beträchtlich gewesen. Mitten in der ersten Machtphase der Taliban (im Jahr 1997) traf ich in Kabul einen Rabbi, der noch immer die einzige Synagoge der Hauptstadt betreute. Er führte die Zulassung der Gebetsstätte durch die Islamschüler auf einen Glauben unter den Paschtunen zurück, gemäss dem sie einer der verschollenen zehn Stämme der Hebräer seien.)

Kein Zugang zum „Neuen Aufghanistan“?

Angesichts der mangelnden Vernetzung der indischen Diplomatie fällt es ihr nun schwer, sich in der Gestaltung des internationalen Verhältnisses zum „Neuen Afghanistan“ wirksam einzubringen. Ein erster Versuch, in die informelle „erweiterte Troika“ der regionalen Mächte (USA, Russland, China, Pakistan) aufgenommen zu werden, scheiterte kläglich; nicht einmal die USA hatten sich dazu bereit erklärt. Immerhin liess Delhi seine aufgeheizte Anti-Taliban-Rhetorik fallen, mit der es die Taliban unmittelbar nach der Machtübernahme mit Terroristen gleichgesetzt hatte.

An diesem Wochenende findet in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe der zwanzigste Gipfel des „Shanghai Cooperation Council“ statt, einer von Russland und China geschaffenen Plattform mit den zentralasiatischen Staaten (mit Ausnahme Turkmenistans); Indien und Pakistan sind seit 2017 SCC-Mitglieder, und seit diesem Jahr ist auch Iran dabei. 

Sowohl Russland wie China liessen in den letzten Wochen verlauten, dass sie den SCC als das richtige Organ für ein regional koordiniertes Vorgehen gegenüber der neuen Regierung in Kabul betrachten. Damit liessen sich die USA und der Westen auf Distanz halten, just an diesem kritischen Wendepunkt, wenn das plötzliche Machtvakuum nach dem überstürzten Abzug der USA mit neuen Akteuren besetzt wird.

Machtgerangel in der Taliban-Führung

Für Indien ist es die beste und vielleicht letzte Chance, sein Gewicht in die Waagschale zu werfen, wenn es um die Wahrung seiner Interessen geht. Es kann dabei mit dem Wohlwollen der zentralasiatischen Staaten rechnen. Deren Interessen in Afghanistan werden durch Pakistan oder China nur teilweise abgedeckt. Ihre Bevölkerungen pflegen ethnische Verbindungen mit den grossen Stammesgruppen in Nord-Afghanistan – namentlich den Tadschiken und Usbeken –, die traditionelle Gegner der paschtunischen Taliban sind.

Im bilateralen Verhältnis macht Delhi aus der Not eine Tugend und nimmt eine Wartestellung ein, bis sich der „Fog of War“ in Kabul gelichtet hat. So überzeugend die Übernahme des Landes war, so offensichtlich ist das Machtgerangel in der Taliban-Führung. In Delhi wird spekuliert, dass Pakistans Engagement für die Islamschüler rasch zu einem Bleigewicht werden könnte. Wenn sich nämlich zur wirtschaftlichen Not der Bevölkerung die administrative Inkompetenz der Regierenden hinzugesellt, könnte dies zu einer explosiven Mischung werden, mit unvorhersehbarem Ausgang.   

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