Abstimmungskampf als Kampf um Talente

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Abstimmungskampf als Kampf um Talente

Von Markus Schärli, 17.11.2014

Im Kanton Luzern wird demnächst vom Volk entschieden, ob an der Universität eine Wirtschaftsfakultät als Ergänzung zur juristischen Fakultät aufgebaut werden soll oder nicht.

Im Abstimmungskampf exponiert sich vor allem ein Unternehmer, der infolge starken Firmenwachstums den Kampf um Talente hautnah spürt: SIGA Verwaltungsrat Reto Sieber. Journal 21 sprach mit ihm.

J21: Reto Sieber, wenn man Sie in diesem Abstimmungskampf beobachtet, fällt sofort auf, dass Sie sich emotional sehr stark für die neue Wirtschaftsfakultät engagieren. Woher kommt diese Betroffenheit für eine doch eher trockene Materie? Eine Wirtschaftsfakultät mehr oder weniger auf dieser Welt, kann einen das so betroffen machen?

Reto Sieber: Für die Zentralschweiz und den Kanton Luzern ist eine eigene Wirtschaftsfakultät von grosser wirtschaftlicher Bedeutung. 1982 haben nur 137 Luzerner Gymnasiasten an einer ausserkantonalen Uni Wirtschaft studiert, heute sind es bereits 750 Studierende. Diese Zahl steigt jedes Jahr. Die wenigsten von ihnen kehren nach ihrem Uni-Abschluss in die Zentralschweiz zurück, sie gehen so der Luzerner Wirtschaft verloren. Im Kampf um Talente sind wir gegenüber den Uni-Kantonen stark benachteiligt, nicht nur, aber besonders bei den Wirtschaftsfakultäten. Am 30. November bietet sich mit der Abstimmung über das revidierte Uni-Gesetz eine einmalige Gelegenheit dazu, das nachhaltig zu ändern. Also müssen wir jetzt mit beiden Händen zugreifen. 

J21: Sie sprechen davon, dass Ihr Unternehmen Studienabgänger aus der Region dringend braucht. Nun gibt es aber bereits einige Institutionen in der Zentralschweiz, welche wirtschaftliches Wissen vermitteln: Die Berufsakademie für kaufmännische Ausbildungen, Handelsschulen, Hochschulen usw.?

Ja schon, aber für echte Diversität fehlen uns die Uni-Absolventen. Wir fördern in unserer Firma Diversität bewusst. Berufsleute und Akademiker, Frauen und Männer,  Alte und Junge, Schweizer und Ausländer, das ergibt den richtige Mix, um für komplexe Probleme und Herausforderungen kreative Lösungen zu finden. Dieser Erfolgsfaktor wird von vielen Schweizer KMU immer noch unterschätzt.  

J21: Sie haben sich in Zusammenhang mit der Abstimmung Ende Monat intensiv mit Bildung im Allgemeinen und der Universität im Besonderen auseinandergesetzt. Das Konstrukt „Vorlesung“ stammt aus einer Zeit, wo sich die Leute kein Buch leisten konnten und es sich vorlesen lassen mussten, von einem, der ein Buch hatte. Finden Sie die Art dieser Wissensvermittlung an Universitäten überhaupt noch zeitgemäss und praxisrelevant?

Reto Sieber: Nein, Massenabfertigung mit Vorlesungen die per Video in verschiedene Hörsäle übertragen werden, sind mir ein Graus. Ich habe selber erfahren, dass eine Kombination von Selbststudium, kleinen Lerngruppen und gutes Mentoring am schnellsten zu grossen Lernfortschritten führt. Als Mentoren stelle ich mir nicht nur Professoren sondern auch KMU-Chefs oder herausragende Manager vor. Das führt mich zum zweiten Problem. Im Bereich Management kommen heute die innovativen Ideen aus den Unternehmen und nicht aus den Universitäten. Der Grund ist einfach, die Universitäten stehen in keinem existenziellen Wettbewerb zu einander, global tätige Unternehmen aber schon. Wir müssen uns jeden Tag Gedanken machen, wie wir uns verbessern können. Bei SIGA arbeitet die Belegschaft neun Tage und die Mitarbeitenden bringen in dieser Zeit Verbesserungsvorschläge ein. Am zehnten Tag ruht die Arbeit und alle Mitarbeitenden setzen innerhalb von Prozessteams die Verbesserungsvorschläge um. Das praktizieren wir seit sechs Jahren. In dieser Zeit konnte die Produktivität um 40% gesteigert werden. Dieses Vorgehen kostet weniger, als wenn ein Unternehmen alle fünf Jahre eine Restrukturierung vornimmt.

J21: Zum Schluss noch eine etwas provokative Frage: Engagieren Sie sich nicht für etwas, dass es in ein paar Jahren gar nicht mehr geben wird? Die offenen Studiengänge von Top Universitäten, welche man heute im Internet belegen kann, nehmen im rasanten Tempo zu. Warum soll jemand sich in 10 Jahren noch Dinge an zweitklassigen Universitäten von zweitklassigen Professoren erklären lassen, wenn er oder sie diese Erklärungen von den Besten der Welt erhalten kann?

Reto Sieber: Die Gefahr besteht. Wenn ich beobachte, was die heutigen Uni-Absolventen einer Wirtschaftsfakultät an Wissen und Können mitbringen, bzw. nicht mitbringen, dann könnte man meinen, die Uhren laufen rückwärts. Für  ein Traineeprogramm in einem Grosskonzern mag das reichen, nicht aber für eine Führungsposition in einem KMU. Deshalb wollen wir an der Wirtschaftsfakultät an der Uni Luzern KMU-taugliche Absolventen ausbilden. Diese benötigen ein viel breiteres Wissen, das sie für die Praxis dringend benötigen. Dazu braucht es erfolgreiche Unternehmer als Mentoren, das kann niemals ausschliesslich von Professoren vermittelt werden. Aber ohne realen Treffpunkt, genannt Uni, wo man sich austauschen kann, geht es nicht. Bei SIGA arbeiten wir mit eLearning-Tools und Video-Konferenzen. Das sind gute Ergänzungsmittel, ersetzen aber nie persönliche Treffen und Auseinandersetzungen. Zeit zusammen zu verbringen und etwas vertieft zu analysieren kann nicht durch Social-Media ersetzt werden.

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Was die Uni Luzern plant, ist bei der Hochschule viel besser aufgehoben. Wie allzu viele weitere kann Reto Sieber nicht so gut zwischen Bildung und Ausbildung unterscheiden. Wer Oekonomie auf glaubwürdigem Niveau studieren will, hat nicht darauf gewartet, dass die Uni Luzern den Versuch machen will. Im weiteren: Etwas Mobilität tut jedem und jeder Studierenden gut. Wer Provinzielles nicht noch weiter fördern will, stimmt mit NEIN.

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