Ab auf die Insel!

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Ab auf die Insel!

Von Niklaus Oberholzer, 16.07.2018

Claude Sandoz (*1946) verbringt jedes Jahr viele Monate auf der St. Lucia. Sein Werk schildert die Karibik-Insel als Utopia der Lebensfreude. Ein Sommerthema mit Fragezeichen.

Koffer um Koffer – Bilder, Seidenmalereien, Aquarelle, Zeichnungen, mit Stempeln bedruckte Blätter, Bücher voller bunter Malereien, dazu Fundgegenstände, Verpackungsmaterial von Bierdosen, Flaschendeckel, Kokosnüsse, trockene Schoten von Johannisbrot, weisse Korallen, alles Mögliche also, vor allem aber Malereien und Zeichnungen jeder Grösse – all das schleppte Claude Sandoz seit Jahren aus der Karibik nach Luzern in sein ohnehin schon überfülltes Atelier und in seine prallvollen Lager. Ein immenses Material, das zu überblicken selbst für den Künstler schwierig geworden ist und das im Lauf der Zeit chaotische Dimensionen annahm.

Claude Sandoz, 1946 geboren, besuchte Kunstgewerbeschulen in Bern und Biel. Seit 1964 freischaffender Künstler. Ausgedehnte Reisen in Europa, Nordafrika, Asien und Amerika. Von 1983 bis 2005 Lehrer an der Ecole supérieure des beaux-arts de Genève. Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission von 1993 bis 2000. Rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland. Seit 1997 jährlich mehrmonatige Aufenthalte auf der Karibik-Insel St. Lucia.

In den sechs Räumen des Kunstmuseums Luzern, welche Museumsdirektorin und Ausstellungskuratorin Fanni Fetzer ihm zur Verfügung gestellt hat, herrscht wohl Buntes vor, doch von Chaos ist nichts zu spüren. Die Bilderflut zieht sich sauber geordnet und rechtwinklig über die Wände. Der Künstler fügt einzelne Aquarelle zu Blöcken und tapeziert Räume mit Hunderten von A-4-Blättern. Fundgut, teils farbig bemalt, arrangiert er in einer grossen Boden-Installation zur fast militärisch straffen Auslegeordnung. Selbst in der in einem Museumsraum installierten und reich ausgestatteten Bar herrscht Übersicht. Es ist, als hätte Sandoz die Gelegenheit der Ausstellung vor allem dazu benützt, für sich selber Ordnung zu schaffen, um endlich genau zu wissen, was alles sich in diesen zwanzig Jahren getan hat: Die Ausstellung als Distanznahme zum eigenen Erleben und als Rechenschaftsablage über das eigene Tun.

Farbenprächtig bunt

Das Ergebnis ist eindrücklich und faszinierend und farbenprächtig bunt: Sandoz wählt wenige, aber intensiv leuchtende Farben, die er flächig aufträgt – tiefes Blau, intensives Rot, helles Grün, dazu Schwarz und Weiss. Oft trennt er die Farbflächen mit schwarzen oder, besonders effektvoll, mit goldenen Linien. Die Motive: Palmen natürlich, da die Karibik-Insel Schauplatz des Geschehens ist, Wasser, Meer, Blumen, Früchte, Berge, dunkelhäutige tanzende, schwimmende oder fischende Menschen. Die Bilder sind durchsetzt mit leuchtenden Sonnen. Gleich nebenan durchziehen Regensträhnen die Landschaften.

Ordnung schaffte Claude Sandoz nicht nur in den Ausstellungsräumen, sondern auch in vielen der mit ausgesprochenem Gefühl für räumliche Wirkung installierten Werke selber. Der Künstler bedient sich häufig ornamentaler Kompositionsmittel. Es gibt formale und farbliche Symmetrien, es gibt Rankenwerk, und viele Blumen und Pflanzen werden als Ornamente inszeniert. Auch die menschliche Figur wird zum Ornament.

Welches Bild der Karibik?

Spricht man mit Claude Sandoz über seine Arbeiten, so stellt sich bald heraus: Was er an Material ausbreitet, will kein realistisches Bild von St. Lucia sein. Der Künstler spricht natürlich von wunderbarer Landschaft, von der Üppigkeit der tropischen Vegetation und von der unbeschwerten Lebensfreude der Einwohner, die wegen des Reichtums der spriessenden Natur Hunger kaum kennen. Doch er spricht auch von virulenten Drogenproblemen, von Alkoholismus, von Armut und Arbeitslosigkeit, von Wirbelstürmen und ihren dramatischen Folgen und von sehr teuren Luxushotels für reiche und reichste Ausländer.

Davon reden die Malereien kaum. Die Farben sind prächtig. Bierdosenverpackungen oder Flaschendeckel werden zu sonnigen Ornamenten. Etwas Düsternis kommt auf, wenn Sandoz in der umfangreichen Serie „At Diamond Rainforest“ – so heisst ein Regenwald auf St. Lucia – anhand von Abklatschbildern („Manipulated Rorschach“) den ausgedehnten Aufenthalt im überwältigenden dunklen Wald schildert.

Unbeschwerte Freude also trotz der Schattenseiten in der früheren Kolonie? Kritik kann aufkommen. Doch Claude Sandoz spricht von einer Fiktion. Was er ausbreitet, Raum für Raum, ist die mit Obsession vorangetriebene Ausgestaltung einer Utopie, die von seinem ersehnten Lebensgefühl spricht. Für deren Umsetzung sucht er die adäquaten und auch unverwechselbar eigenen künstlerischen Mittel. Machen sich die Betrachter über diese aus der individuellen Empfindung des Künstlers heraus geschilderte Atomsphäre und über ihren Realitätsbezug ihre eigenen Gedanken? Ob und wie das geschieht, liegt ausserhalb des Einflussbereichs von Claude Sandoz.

Allerdings: Die utopische Welt des Glücks hat Bruchstellen. Wer genau hinsieht, entdeckt auf einem grossen Aquarell links unten und rechts oben einen Mann mit einem Strick um den Hals.

Ausweitung des Themas

Claude Sandoz steht im Mittelpunkt dieser Sommerausstellung, doch er bestreitet sie nicht allein. Fanni Fetzer begleitet seine Vision des tropischen Inselerlebnisses mit weiteren künstlerischen Äusserungen zum Thema. Die Auswahl wirkt, nicht erstaunlich bei der Weitläufigkeit des Themas, eher zufällig. Fetzer schafft so einen Kontext, der den Besucherinnen und Besuchern andere Sichtweisen auf das Thema eröffnet und sie zu kritischem Bedenken des Mythos Insel anleiten mag. Ein Paukenschlag am Anfang ist die Präsentation des hauseigenen Werkes von Max Pechstein „Frauen mit buntem Teppich“ (1920), das der Künstler in Erinnerung an seinen Aufenthalt in der kurzlebigen deutschen Kolonie auf der pazifischen Insel Palau malte. Es ist der noch auf jeden postkolonial-kritischen Blick verzichtende Traum von der üppig-exotischen Schönheit.

Der Belgier Rinus Van de Velde (*1983) begibt sich in seinen monumental grossen Kohlezeichnungen auf imaginäre Reisen und nimmt sich Alexander von Humboldt zum Reisegefährten. Samuel Herzog (*1966) schuf sich die fiktive Insel „Lemusa“, die er erforscht und deren Gewürze er in einer Bretterbude anbietet. Der Künstler Fabian Marti errichtete auf einer Brasilien vorgelagerten kleinen Insel in Anlehnung an Alighiero Boettis ähnliches Projekt in Kabul ein roh zusammengezimmertes „Hotel“, in dem Lene Henke (*1982), Anna Kanai (*1971) und Maria Karlberg (*1985) ihre in Luzern gezeigten Arbeiten schufen. Christine Streuli (*1975) schliesslich zeigt Arbeiten aus dem Jahr 2006, in denen sie sich während eines Hawaii-Aufenthaltes mit den dortigen Tourismus-Werbebildern auseinandersetzt.

Kunstmuseum Luzern: Claude Sandoz – Ab auf die Insel!, bis 28. Oktober, Katalog erscheint Ende August, umfangreiches Begleitprogramm.

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