A rose is a rose is a rose

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A rose is a rose is a rose

Von Verena Stauffacher, 29.07.2014

Kürzlich stand in den Zeitungen zu lesen, die SBB habe gewisse Züge als „sitzplatzkritisch“ bezeichnet.

Im Klartext heisst das: Man steht im Zug auf dem Weg zur Arbeit, manchmal sogar dicht gedrängt wie die sprichwörtlichen Sardinen in der Büchse (wobei immerhin noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Büchsen als „liegeplatzkritisch“ zu titulieren oder den „Dichtestress“ der toten Fische zu bedauern). Doch nicht nur den Bundesbahnen scheint es schwerzufallen, unangenehme Dinge bei ihrem negativen Namen zu nennen. Als ob sie damit angenehmer würden!

„Menschen mit Migrationshintergrund“

In den verschiedensten Lebensbereichen tauchen sie auf, diese Euphemismen, die das verhüllen, verschleiern oder gar schönreden, was eigentlich Sache ist. Harmlos, oft ironisch und originell sind jene, die als kreative Synonyme übliche Bezeichnungen ersetzen wie etwa der „Aspirinengel“, der Kranke pflegt, die „Abortprinzessin“, die als Toilettenfrau waltet, das „rustikale Zweikampfverhalten“ des Fussballers bei einem Foul oder der „Argumentationsverstärker“, als der eine Waffe gilt.

Das Lachen im Hals steckenbleiben könnte einem hingegen bei jenen Verbrämungen, die – den heutigen Massstäben der „political correctness“ gehorchend – Diskriminierendes in ein hübsches, vermeintlich tolerantes sprachliches Mäntelchen kleiden, auch wenn die Haltung, die dahinter steht, die gleiche bleibt. So sind und bleiben „Menschen mit Mitgrationshintergrund“ Ausländer oder Einwanderer mit allen Problemen, die wir mit ihnen und sie mit uns haben. Den „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ stehen die gleichen Hindernisse im Weg wie den Behinderten, und wir halten Leute, die „kognitiv herausgefordert“ sind, noch immer für dumm. „Sozial Schwache“ oder „Unterprivilegierte“ sind deswegen nicht weniger arm, und wer aus einer „bildungsfernen Schicht“ kommt, hat mit den gleichen Nachteilen zu kämpfen wie ein Ungebildeter.

„Nullwachstum“ und andere „Herausforderungen“

Besonders einfallsreich zeigt sich die Wirtschaft beim Versüssen bitterer Pillen, die es zu schlucken gilt. (Diese Taktik beherrschten übrigens schon unsere Grossmütter, wenn sie den grauslichen „Klosterfrau Melissengeist“ gegen Bauchweh auf ein Stück Würfelzucker tröpfelten.) Dass ein „negatives Wirtschaftswachstum“  noch „suboptimaler“ ist als „Nullwachstum“, lässt sich zwar kaum bestreiten, aber immerhin wächst da etwas, und Wachstum verheisst Gutes. An angekündigte „Preisanpassungen“, die nur eine Richtung kennen, nämlich die nach oben, haben wir uns schon gewöhnt.

Wer hingegen von seinem Job „freigestellt“ wird, wird sich mit der implizierten Freiheit der Entlassung zuerst abfinden müssen, selbst wenn sie das Resultat der „Nutzung von Synergie-Effekten“ des ehemaligen Arbeitgebers ist. Oder der „kreativen Buchführung“ des Buchhalters, die zu einem „negativen Ertragsüberschuss“ geführt hat. Wenn „negative Zuwachsraten im Personalbereich nicht ausgeschlossen“ werden, so sind Entlassungen so sicher wie das Amen in der Kirche. Spricht die Unternehmensführung von einer „Herausforderung“, die sie annimmt, klingt das heldenhaft. Die Aktionäre hingegen tun gut daran, sich den Sand, der ihnen in die Augen gestreut wird, schleunigst herauszuwischen. Denn die Firma steht vor Problemen, von denen keiner eine Ahnung hat, wie er sie lösen soll.

Initiative gegen Verschleierungswörter?

Kaum eine Bühne ist besser geeignet, um schöne, mit Maschen verzierte Wortpakete unters Volk zu bringen, als die politische und militärische. Die „bürgernahe“ Partei ist nicht selten eine populistische. Das „Sparpaket“, das es zu schnüren gilt, kommt sozusagen als Geschenk daher. Der „ins Stocken geratene Friedensprozess“ lässt vielleicht uns als Nachrichtenkonsumenten die Illusion von Frieden, für die Betroffenen aber ist auch ohne Worte klar: Es herrscht Krieg, in dem man zu sterben droht, vielleicht sogar durch „friendly fire“. Als ob es so etwas wie „freundliche Schüsse“ überhaupt gäbe! Nicht zu reden vom „Kollateralschaden“. Klingt doch viel neutraler und weniger schrecklich als „zivile Todesopfer“, tote Frauen, Männer, Kinder.

Vielleicht ist doch langsam die Zeit gekommen, eine Initiative für ein Verschleierungsverbot zu lancieren. Nicht eines für Frauen anderen Glaubens allerdings, sondern eines für Wörter, die wie Wölfe im Schafspelz daherkommen. Es gibt unschöne Dinge auf dieser Welt. Auch sie haben einen Namen. Und den soll man ihnen lassen. Denn „a rose is a rose is a rose“, wie Gertrude Stein sagte.

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Kommentare

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Tja .. der Schein ist halt wichtiger als das Sein.
Das ist unsere heutige Gesellschaft, Hauptsache es schaut hübsch aus bzw. klingt nett.
Anglizismen sind auch nichts anderes. Verwendet von Leuten die sich zur Elite zählen, aber faktisch auch nicht wissen was man tun sollte.
Der Gipfel des Ganzen:
In Quartalszahlberichten von Aktiengesellschaften werden Verluste nicht mit einem Minus gekennzeichnet, nein, sie werden eingeklammert. Also z.B. (21) statt -21 ... als ob das was ändern würde.

Mir aus dem Herzen geschrieben! Noch ein Beispiel:
Schiffe im Meer verklappen etwas. Das heisst? Sie lassen den Müll einfach durch eine Klappe unten raus und verschmutzen die Ozeane.

Der Ausruck, der die Schönfärberei schlüssig begründet ist die "supra-nasale Mangelerscheinung".
Alles klar?

Ganz Ihrer Meinung, Frau Stauffacher. Uns fehlt ein Karl Kraus, könnten Sie, oder soll ich seine Funktion neu beleben? Ich führe eine Sammlung der verschleierten Wörtern, bsp. Justizvollzugsanstalten, MedienschaffendInnen, Auszubildende, MitgliederInnen, RaumpflegerInnen, MörderInnen et cetera.

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