„A New Gandhi is in Town“

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„A New Gandhi is in Town“

Von Bernard Imhasly, Bombay/Mumbai - 10.02.2019

Drei Monate vor der indischen Parlamentswahl formieren sich die Fronten. Die Kongress-Opposition geht mit einem Traum-Ticket in die Schlacht – einem Geschwisterpaar.

„A New Gandhi is in Town!“  lautete vor wenigen Wochen eine Zeitungsschlagzeile. Ich spitzte die Ohren. War es möglich, dass der grosse Mahatma, ausgerechnet in seinem 150. Geburtsjahr, endlich einen Nachfolger gefunden hatte?

Indien könnte einen gut brauchen. Bereits 1936 hatte der historische Mahatma geschrieben: „A wave of intoleration is sweeping through this unhappy land.“ Der Religionsfriede wurde ihm damals noch wichtiger als die Unabhängigkeit.

Eine ähnliche Welle der Intoleranz schwappt auch heute durch das Land. Und viele Menschen hoffen auf eine ähnlich charismatische Person, die mit einer neuen Volksbewegung die dramatische Ausbreitung von Hass und religiösem Nationalismus eindämmen würde.

Vom Nimbus zehren

Doch Indien hat bekanntlich zwei Ikonen mit dem Namen „Gandhi“, und mit der Zeitungsschlagzeile war nicht der Mahatma gemeint. Sie spielte vielmehr auf das jüngste Glied der anderen Gandhi-Dynastie an, die nun bereits in vierter Generation die Geschicke des Landes mitbestimmt.

Das erste Glied hatte noch nicht Gandhi geheissen, sondern Nehru, Indiens erster Premierminister. Dessen Tochter Indira hatte einen Provinzpolitiker namens Feroze Gandhi – einen Parsen – geheiratet, der mit dem Nationalheiligen nur den Namen teilte.

„Nur“ ist ein relativer Begriff bei einem solchen Namen. Indira konnte, wie ihre Kinder und Kindeskinder, damit auch vom Nimbus zehren, der mit dem Namen des Vaters der Nation einherkommt. Indiras Schwiegertochter Sonia, die nach dem Attentat auf ihren Mann Rajiv die Führung der Kongresspartei übernommen hatte, verbarg dahinter gar ihre italienische Herkunft, und dies mit einigem Erfolg.

Mit der Religion zündeln

Ihre Kinder Rahul und Priyanka sind diesbezüglich weniger belastet, obwohl Blut-und-Boden-Politiker sie als „Halb-Inder“ in die Ecke stellen möchten. Die Hindu-Nationalisten kommen geradezu ins Schäumen, wenn Rahul, nun offiziell der Parteipräsident, sich einen Hindu nennt, Tempel betritt und nichts dagegen hat, wenn er auf seinen Brahmanenstatus angesprochen wird.

Doch auch der liberalen Elite wird unwohl dabei. Müssen nun auch „säkulare“ Politiker, so fragen sie, mit der Religion zu zündeln beginnen, um Wahlen zu gewinnen? Viele zeigen aber auch Verständnis für den armen Kerl. Würde dieser scheue, widerwillige Politiker seinem liberal-globalen Habitus nachgeben, er würde vom Vollblut Narendra Modi endgültig zur Unperson gestempelt.

Wie konnte Rahul Gandhi, so fragten sich viele Leute, der Wunschkandidat der Partei für das Präsidium sein, wenn er es selber gar nicht wollte? Doch weder er noch die Parteibonzen hatten eine Wahl. Denn Rahuls jüngere Schwester Priyanka sträubte sich, in die Fussstapfen von Mutter, Vater und Grossmutter zu treten.

Priyanka Gandhi-Vadra

Sie hatte gute Gründe dafür. Sie war die Mutter von zwei Kindern. Ihr Ehemann Robert Vadra war ein Geschäftsmann und bereits bekannt dafür, dass er seine familiäre Verbindung gewinnträchtig einzusetzen verstand; damit wurde auch sie angreifbar. Der tiefere Grund war – wie bei ihrem Bruder – eine Abscheu vor der dreckigen Politik, einer Politik, für die Grossmutter und Vater mit ihrem Leben bezahlt hatten.

Doch nun ist plötzlich, wie die Schlagzeile sagt, „A  New Gandhi in Town“. Und sie heisst Priyanka Gandhi-Vadra. So schreibt sie auch ihren Namen: Die eheliche Beziehung wird nicht verleugnet, aber sie ist zweitrangig. Doch nicht jedermann ist mit dieser Nomenklatur einverstanden.

Noch am gleichen Tag kamen die ersten Böllerschüsse. Gandhi-Vadra? Der politische Gegner sieht es anders. Am Abend der Ankündigung gab das Informationsministerium den beiden staatlichen Leitmedien – All India Radio und Doordarshan (TV) – eine neue Sprachregelung vor: Die frischgekürte Generalsekretärin der Kongresspartei wird fortan nur als „Priyanka Vadra“ geführt.

Vielversprechendes Wahlpferd

Es wurde rasch klar, warum. Nur wenige Tage später erhielt Ehemann Vadra eine Gerichtsvorladung. Es geht um Vorwürfe von Konten im Ausland, von Geldwäscherei und betrügerischen Landkäufen. Es war ein deutliches Signal der BJP-Regierungspartei, dass sie die neue Gegnerin ernstnahm.

Handkehrum zeigte der Jubel in der Kongresspartei, was für ein vielversprechendes Wahlpferd die Arena betreten hatte. Wie für ihren Bruder Rahul ist auch Priyankas Verhältnis zur Politik schwer beschädigt. Aber im Gegensatz zu ihm lassen ihre öffentlichen Auftritte – als Wahlhelferin für ihre Mutter Sonia etwa –, vermuten, dass sie ein politisches Naturtalent ist. 

Sie fühlt sich offensichtlich wohl in der Menge. Sie wirkt nicht gestresst, sie lächelt in die Gesichter, streckt ihre Arme aus, um die dargebotenen Hände in der Menge zu erreichen. Sie besitzt die Gabe, prüfend in die Menge zu schauen und jedem Einzelnen das Gefühl zu geben, er sei der auserkorene Blickfang.

Das Gegenteil von Narendra Modi

Auch Priyankas Reden bewirken diesen Connect, ohne dass sie ihren gemessenen Ton und ihr freundliches Lächeln aufzugeben braucht. Sie ist das Gegenteil von Narendra Modi, dessen lauter Zunge und Staccato-Gestik. Als Modi einmal sagte, der Kongress erinnere ihn an eine alte Frau, kam prompt ihre Frage: „Schaue ich alt aus für Sie?“ Ein kurzer Satz, der alles enthielt: ihre Selbstbehauptung als jung, weiblich, und parteitreu. Er liess Modi alt aussehen.  

Darin gleicht sie ihrer Grossmutter Indira, einer Politikerin, der selbst Modi hie und da ein Kompliment macht. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge ist das Eine. Dazu kommt die Körpersprache. Es ist dieselbe „hemdsärmlige“ Art, wie sie ihren Sari trägt: Das Ende des Umwurfs in die Seite geklemmt, so dass Hände und Arme frei sind, wie bei einer Hausfrau in der Küche. Es wirkt fast männlich und wird noch unterstrichen durch eine Armbanduhr mit grossem Zifferblatt – ein Markenzeichen, das bereits die Grossmutter besass.  

Der Zeitpunkt von Priyankas Eintritt in die Politik ist sorgfältig gewählt. Er kommt in einem Augenblick, da Rahul Gandhi endlich erste Wahlerfolge verbuchen kann. Vor allem punktet er im gnadenlosen Kampfplatz der Sozialen Medien, und dies gegen Narendra Modi und dessen Trolls. Statt zurückzugifteln, antwortet Rahul auf dessen Tiraden höflich, verständnisvoll, mit Humor und konstruktiven Alternativen. So konnte er im Beliebtheitsranking der Demoskopen einen „decency gap“ zwischen ihm und seiner bisherigen Nemesis öffnen.

Keule unter der Mönchsrobe

Nun können Gerüchte mit einiger Glaubwürdigkeit im Keim erstickt werden, wonach Priyanka in die Fusstapfen ihres schwachen Bruders treten soll. Zudem wurde ihr ein formell untergeordneter Job zugewiesen: Sie wird Generalsekretärin der Partei für den Osten des Bundesstaats Uttar Pradesh.

Jedermann weiss allerdings, dass dies eine Region ist, in der die nächste Wahl mitentschieden wird. Die Provinz ist mit achtzig Sitzen die „Königsmacherin“ in jedem bundesweiten Wahlkampf, allen voran dessen dichtbevölkerte und arme Ostregion. Es sind die Stammlande des Nehru-Gandhi-Clans, und sowohl Rahul wie dessen Mutter Sonia Gandhi werden dort gewählt.

Im östlichen Uttar Pradesh liegt auch die uralte Hindu-Pilgerstadt Varanasi, der Wahlkreis des Premierministers. Und nördlich davon liegt der Wahlbezirk von Chefminister Yogi Adityanad – der Bête Noire aller Liberalen. Er tritt mit einer Mönchsrobe auf, verbirgt darunter aber eine Keule. Sein krimineller Hintergrund sollte eine derart prominente politische Rolle eigentlich ausschliessen. Doch Modi hat ihn an die Spitze des bevölkerungsreichsten Bundesstaats Indiens berufen. Priyanka wird beide herausfordern.

Zitterpartie für Modi

Die BJP gewann 2014 praktisch alle achtzig Sitze, die Uttar Pradesh im Parlament einnimmt. UP war das  Fundament für die grosse Parlamentsmehrheit der BJP. Und es wurde zum Totengräber für den Kongress, der keinen einzigen Sitz gewann.

Niemand ist so vermessen zu glauben, dass die BJP die Sitzmehrheit verlieren wird. Aber bereits ein Minus von 20 Sitzen wäre eine Niederlage für die Partei. Bei erwarteten Einbussen in anderen Gliedstaaten könnte die Gesamterneuerungswahl für Modi zur Zitterpartie werden.

Eine junge charismatische Politikerin mit einem eindrücklichen Stammbaum könnte dieses Szenario in greifbare Nähe rücken. Dies gilt umso mehr, als im familienverrückten Indien ein Wort wie „Dynastie“ keineswegs nur negativ besetzt ist.

Gegen „Nepotismus“ gefeit ist eigentlich nur der Premierminister, der seine Frau am Morgen nach der Hochzeitsnacht für immer verlassen hat. Er mag mit seiner Parteiarbeit (bzw. seiner politischen Persona) verheiratet sein, aber daraus entwachsen keine Kinder. Und welcher Inder wünscht sich schon eine kinderlose Ehe?

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