2500 Kilometer zu sich und einander

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2500 Kilometer zu sich und einander

Von Urs Meier, 29.07.2018

„303“ von Hans Weingartner ist Sommermärchen, Road Movie, Kammerspiel, Love Story, Debattiersalon, Selbstfindungsdrama – und in alldem: wunderbares Kino.

Zufall bringt Jule und Jan in dem Wohnmobil zusammen, in dem sie von Berlin bis nach Portugal reisen werden. Die per App gebuchte Mitfahrt hat sich zerschlagen, und Jan steht mit seinem Rucksack auf dem Autobahnparkplatz. Jule hat bei ihrem betagten 303er-Mercedes, der den Hymer-Campingaufbau trägt, gerade Öl nachgefüllt. Man ist sich schnell einig: Die Studentin nimmt den Studenten in Richtung Köln mit, kein Problem.

Der Begegnung auf dem Parkplatz gehen zwei kurze Expositionen voraus. Jule hat gerade eine Zwischenprüfung in Biologie geschmissen. Die Anzeichen sind nicht zu übersehen, dass sie beim mündlichen Examen nicht völlig präsent ist und unter ihrem Niveau geschlagen bleibt. Ein Anruf in ihrer Wohnung wirft sie aus der Bahn. Es gebe da etwas, das sie nicht am Telefon besprechen könne.

Jan, der Politikwissenschaften studiert, hat sich für ein Stipendium beworben. Sein Professor ruft ihn nach der Vorlesung zu sich und teilt ihm mit, trotz einer als glänzend beurteilten Arbeit habe es nicht gereicht. Vermutlich seien Jans schroffe Thesen zu den amerikanischen Drohnenangriffen nicht goutiert worden. Man müsse eben, um an Geld zu kommen, politisch klug vorgehen. Jan ist aufgebracht: Wie sich denn das vertrage mit dem, was der Professor sonst gern als „Haltung“ einfordere.

Verborgene Lebenslasten

Bei der Parkplatzszene weiss das Filmpublikum schon, dass sich nach dem so unkomplizierten Aufbruch zwei durchaus nicht unbeschwerte junge Leute auf den Weg machen. Doch die tieferen Verletzungen der beiden liegen da noch verborgen. Für Jan und Jule sind es eben diese lastenden Probleme, die sie mit der Reise nach Spanien und Portugal bewältigen wollen. Wie das vor sich gehen soll, wissen sie beide nicht so genau. Fest steht nur: Er will zum ersten Mal seinem leiblichen Vater begegnen, sie will etwas Schwieriges mit ihrem Freund klären.

Was tun zwei 24-jährige hellwache gescheite Menschen, wenn sie tagelang zusammen im Wohnmobil unterwegs sind? Sie reden, reden mit Lust an der Debatte, auch mit Spass am rhetorischen Kampf. Doch gleich das erste Gespräch läuft gründlich schief. In einer übermütig ausgereizten Meinungsdifferenz reitet Jan auf der These herum, Suizid sei egoistisch und rücksichtslos. Er war es, der das Thema nach einer harmlosen Blödelei sozusagen scharf gemacht hat. Offenkundig will er die Frau, die er noch nicht kennt, aus der Reserve locken und sich selbst als unerschrockenen Debattierer in Szene setzen. Doch Jule lehnt es ab, sich darauf einlassen, reagiert zunehmend gereizt. Mühsam sich beherrschend, stellt sie Jan vor den abrupten Entscheid, es sei ein Fehler gewesen, ihn mitzunehmen. Sie wolle allein sein und ihn deshalb bei nächster Gelegenheit absetzen.

Der Film ist erst am Anfang, die Reise hat noch kaum begonnen, und Jan steht schon wieder auf einem Autobahn-Rastplatz. Selbstverständlich kommen sie wieder zusammen. Der Film bekommt das mit einer erzählerischen Volte locker hin, wie es sich für ein Sommermärchen gehört. Jan weiss inzwischen, womit er die erste Konversation an die Wand gefahren hat. Er hätte es merken sollen: Jule hatte ihren vor kurzem verstorbenen Bruder erwähnt, und Suizid war für sie alles andere als ein locker zu diskutierendes Thema.

Annäherung im Gespräch

Inzwischen geht die Fahrt weiter. Jule wählt Routen auf Landstrassen abseits von Autobahnen, Reiseerfahrung und Filmerzählung gewinnen an Dichte und die Gespräche an Substanz. Sind Konkurrenz und Kampf die Prinzipien menschlichen Verhaltens? Jan verficht diese Position mit Vehemenz und glaubt dafür auch die Darwinschen Theorien in Anspruch nehmen zu können. Doch die Biologin hält dagegen: Jan sei über ihr Fach schlicht nicht auf dem Laufenden. Sozialdarwinismus könne sich auf einen recht verstandenen Darwin gerade nicht berufen. Vielmehr spiele in der Natur und insbesondere bei der Entwicklung zum Menschen das Prinzip der Kooperation eine entscheidende Rolle.

Die Diskussion des reisenden Duos nähert sich immer mehr der persönlichen Sphäre an. Es geht um Weltbilder und Ideologien, um Vorstellungen von menschlichem Verhalten, um – zunächst ganz biologisch und soziologisch – Geschlecht, Paarung, Zusammenleben, schliesslich zunächst abstrakt um Sex und Treue und in Andeutungen dann auch um eigene Erwartungen gegenüber Beziehungen.

Inzwischen wechseln sie sich am Steuer des 303ers ab. Sie leben auf engstem Raum zusammen wie gute Freunde, mit Bedacht und nicht ganz ohne Anstrengung bleibt das Erotische draussen. Zumindest wird es gleich wieder verscheucht, wenn mal Intimität aufkommt. Gestört wird das verschworene Duo, sooft der Freund auf Jules Handy anruft, was diese jeweils in Unruhe versetzt. Das aufmerksame Filmpublikum hat im Unterschied zu Jan endlich begriffen, dass Jule schwanger ist und zu diesem Alex reist, um mit ihm über Behalten oder Abtreiben des Kindes zu reden. Beim Halt in einem französischen Landstädtchen kommt einer dieser Anrufe. Da Jule völlig von der Rolle ist, holt Jan in der nahen Bäckerei ein Apfeltörtchen, um sie zu trösten.

Viele Worte, aber keines zuviel

Das gemächliche Reisen mit dem klapprigen, aber verlässlichen Wohnmobil hat eine paradoxe Wirkung. Zum einen üben die Schönheiten der Landschaft und die idyllischen Aufenthalte eine besänftigende Wirkung aus. Zum andern aber nähern sich die Reisenden ihren Zielen an, und damit steigen Spannung und uneingestandene Furcht. Beides, Entspannung und wachsender Stress, treibt Jan und Jule zueinander. Sie öffnen sich allmählich, und selbst der nur äusserlich lockere, innerlich aber verschlossene Jan fängt an über den Grund seiner Suche nach dem Vater zu reden.

Allzu viel über den weiteren Gang der Geschichte soll hier nicht verraten werden, denn schliesslich ist diese Kritik vor allem eine Empfehlung, ins Kino zu gehen und „303“ anzuschauen. Manche Kritiken haben stark betont, es werde in diesem Film viel geredet. Einige haben durchblicken lassen: zu viel. Dazu kann ich nur sagen: In „303“ fällt kein einziges überflüssiges Wort. Der Film ist auch keineswegs, wie einzelne meinten, lediglich ein bebilderter Dialog. Was Hans Weingartner da geschaffen hat, ist dichtes, kluges und auch sehr bildstarkes Kino. Zwei Stunden lang nehmen einen die beiden grossartigen Protagonisten Mala Emde und Anton Spieker völlig gefangen. „303“ ist ein Film, bei dem man in jeder Minute mitgeht und viel zu denken bekommt über das Wesen von Nähe, Zuwendung und Liebe.

Trailer zum Film „303“

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Kommentare

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Wunderbares Sommerkino! Danke für den anregenden Tipp.

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