Zwei Arten der Erinnerung an 1914/18

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Zwei Arten der Erinnerung an 1914/18

Von Stephan Wehowsky, 16.06.2014

Gebrauchsfotografie und Fotografie mit künstlerischer Ambition in einer Ausstellung: Grösser könnte der Gegensatz nicht sein.

Während des 1. Weltkriegs war die Schweiz zwar eine Insel, aber keine Insel der Seligen. Zu Kriegsbeginn wurden 220`000 Soldaten der Milizarmee zur Sicherung der Grenzen einberufen. Sie zogen nicht in Gefechte, dafür wurde die Langeweile ihr ständiger Begleiter.

Inszenierungen

In den vergangenen Jahren hat die Fotostiftung Schweiz Postkarten aus dieser Zeit gesammelt. Mit ihrer Ausstellung gibt die Stiftung nun Einblicke in den Alltag der Milizsoldaten. Diese Einblicke repräsentieren die Sichtweise der Soldaten selbst. Denn sie sind es gewesen, die die Bilder ausgewählt, kommentiert und verschickt haben. Das ist ein Gesichtspunkt, der diesen Bildern den besonderen Reiz verleiht.

Ein weiterer Gesichtspunkt kommt hinzu. Es wurden nicht einfach mehr oder weniger unbemerkt Schnappschüsse angefertigt, sondern die meisten Bilder sind zumindest in Ansätzen inszeniert. Es bilden sich kleine Gruppen, die in die Kamera schauen, und auf vielen der gezeigten Fotos werden Jux und Tollerei aufgeführt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie manche Spassmacher immer wieder neue Ideen hatten.

Fotopostkarte, um 1914, Sammlung Fotostiftung Schweiz
Fotopostkarte, um 1914, Sammlung Fotostiftung Schweiz

In der Ausstellung und in dem schön gestalteten Begleitband, den der Kurator Peter Pfrunder herausgegeben hat, spielen die Mitteilungen, die mit den Karten verschickt wurden, eine grosse Rolle. Immer wieder heisst es: Ihr seht mich auf dem Bild, mir geht es soweit gut. Dann aber folgt die Klage über die lange Dauer des Dienstes, und es tönt unverkennbar das Heimweh an.

Da bin ich!

Im „Buch der Unruhe“ von 1982 beschreibt der portugiesische Autor Fernando Pessoa, wie ihm ein Foto der Kollegen aus dem Unternehmen, in dem er als Buchhalter arbeitete, gezeigt wurde. Als erstes suchte er natürlich nach sich selbst. Pessoa hat diesem urtümlichen Reflex ein literarisches Denkmal gesetzt, und wenn man durch die Ausstellung geht, kommen einem die Menschen nahe, die in der Uniformität des Dienstes und der Langeweile der endlosen Routinen ein unverkennbares „Hier bin ich“ an die Angehörigen übermitteln wollten.

Fotopostkarte, 1915, Sammlung Fotostiftung Schweiz
Fotopostkarte, 1915, Sammlung Fotostiftung Schweiz

Der Erste Weltkrieg hat der Feldpostkarte einen regelrechten Boom beschert. Im Laufe der Kriegsjahre wurden in der Schweiz mehrere Millionen davon verschickt, in Deutschland sollen es 7 bis 8 Milliarden Bildpostkarten gewesen sein. Das war natürlich auch ein gutes Geschäft. Die Bilder mussten entwickelt und vervielfältigt werden. Es gab professionelle Fotografen, aber eben auch einige Soldaten, die schon über handliche Kameras verfügten. Man überlegte, wie gross die Zahl einzelner Interessenten für die jeweiligen Fotos sein könnte, machte entsprechend Abzüge und konnte sich damit ein kleines Zubrot verdienen.

Diese Bilder erheben keinen weiteren Anspruch als schlichtweg zu erzählen, wie es so ist an der Grenze und wie es einem gerade geht. Ästhetisch anspruchsvoller sind einige Aufnahmen, die die Milizionäre in der Landschaft zeigen.

Fotopostkarte, um 1914, Sammlung Fotostiftung Schweiz
Fotopostkarte, um 1914, Sammlung Fotostiftung Schweiz

Aber auch dies gehört im Grunde zu der Erzählung des Alltags, wo man gerade ist und was man dabei sieht. Konfrontiert wird diese vergleichsweise einfache Sicht mit einem anderen Projekt, das auch erzählen will. Es handelt sich dabei um Aufnahmen von Stephan Schenk, der sich einen ganz eigenen bildnerischen Zugang zum Ersten Weltkrieg erarbeitet hat.

Die Ausstellung "Kreuzweg" von Stephan Schenk

Stephan Schenk hat die grössten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in Europa und Übersee besucht. Dabei hat er Aufnahmen des Bodens angefertigt, und die Ausschnitte dabei so gewählt, dass sie der Grösse eines Soldatengrabes entsprechen. Grob gesagt sieht man auf den sehr dunklen Bildern Gräser und Pflanzen, wobei das Bild von einer eng bemessenen Wasseroberfläche ins Skagerrak die Ausnahme bildet.

Im Grunde wird hier gar nichts erzählt, sondern viel gedacht. Die Bilder sind auch nicht einfach gedruckt, sondern  zu Teppichen in der monumentalen Grösse von 295 x 223 cm verwoben. Dadurch entsteht der Effekt, dass sich das Bild ab einer bestimmten Nähe des Betrachters in die Fäden auflöst, aus denen der Teppich besteht. Und die Bilder wirken durch ihre Umsetzung in gewebten Stoff sehr plastisch und tief.

Przemyśl, Polen, 2012, aus der Serie «Kreuzweg» © Stephan Schenk
Przemyśl, Polen, 2012, aus der Serie «Kreuzweg» © Stephan Schenk

Während die Feldpostkarten von sich aus erzählen, bedürfen die Arbeiten von Stephan Schenk der Erklärung und der Erzählung. Wären die 14 gewebten Wandbilder nicht im selben Raum wie die Feldpostkarten, sozusagen kontextlos, und gäbe es nicht die Erläuterungen des Künstlers, hätte niemand auch nur die geringste Chance, den Inhalt dieser Bilder zu deuten. Spricht das dagegen?

Wenn man den Argumenten von Stephan Schenk in einem Gespräch mit Peter Pfrunder und Beat Stutzer, Direktor des Bündner Kunstmuseums Chur, das im Begleitband abgedruckt ist, folgt, so soll gerade diese Verrätselung und Unanschaulichkeit zum Ausdruck bringen, dass der Erste Weltkrieg in seiner Monstrosität alles Vorstellbare übertrifft. Auf der anderen Seite liegt Schenk allergrössten Wert auf Konkretion: Die abgebildeten Flächen mit den Pflanzen stammen tatsächlich von den Schlachtfeldern, mit denen er sich intensiv auseinandergesetzt hat. Allerdings bemerkt er nebenbei, dass die Betrachter der Bilder es gar nicht bemerken würden, wenn sie von ganz anderen Orten stammten.

Offene Fragen

Im Begleittext zur Ausstellung heisst es: „Die an den Wänden des Ausstellungsraums installierten Werke liefern Stoff für eine andere, assoziative, emotionale und nicht-dokumentarischer Form der Erinnerungskultur.“ Ist die Fotografie dafür das geeignete Medium? Und kann es Erinnerungen geben, die nicht-dokumentarisch sind? Wovon reden wir, wenn wir uns an etwas erinnern, aber keinen Bezug mehr auf Dokumente und Fakten haben?

Und so bietet die Ausstellung insgesamt nicht nur einen informativen und durchaus unterhaltsamen Einblick in die Alltagskultur des Krieges aus der Perspektive der Grenzsoldaten, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, worin das Erinnern besteht. Es ist ein Verdienst der Verantwortlichen der Fotostiftung, durch die Kombination der Alltagskultur der Feldpostkarten mit den ambitionierten Fotoarbeiten von Stephan Schenk die Frage nach dem Erinnern und den Bildern, die uns berühren, auf spezielle Weise zu stellen.

Fotostiftung Schweiz:

Bilder von der Grenze, 7. Juni bis 12. Oktober 2014, Winterthur

Stephan Schenk, Kreuzweg, 7. Juni bis 12. Oktober 2014, Winterthur

Begleitpublikationen:

„Schöner wär`s daheim. Fotopostkarten 1914/18“, hg. Von Peter Pfrunder, Limmat Verlag Zürich

Film von Heinz Bütler, „Schöner wär`s daheim" ,NZZ Format / Fotostiftung Schweiz

Stephan Schenk, Kreuzweg, Verlag Rothe Drucke, Bern

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