Warum nicht die Geschichte umschreiben?

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Warum nicht die Geschichte umschreiben?

Von Bernard Imhasly, Bombay - 12.02.2017

Alternative Facts? In Indien ist das Spiel mit ‚multiple truths’ eine Konstante der Philosophie – und Politik. Wundert es da, wenn Trumps Einpeitscher Steve Bannon in Modi ein Vorbild sieht?

Vor zwei Jahren explodierte in Delhi eine Bombe, als Abfallsammler eine Müllhalde nach verwertbarem Material – Glas, Plastik, Kupferdraht – aussortierten. Noch bevor Presse und Fernsehen reagieren konnten, zwitscherte es in den Sozialen Medien bereits lautstark: „Anschlag auf Premierminister Modi“, behauptete der erste Tweet, und sofort gab es tausendfaches RT-Echo.

Selbst als die Leitmedien bloss eine uralte Sprengladung feststellten, weideten die Mini-Medien ihre Horrormeldung aus. Premierminister Modi habe im gleichen Augenblick „in einigen hundert Metern Entfernung“ einen Wahlauftritt absolviert. Und es folgte der obligate Hinweis auf muslimische Verdächtige. Einige hundert Meter? Es waren in Wahrheit zwölf Kilometer.

Online-Hass

Das Strohfeuer erlosch rasch, doch die Trolle hatten ihren Zweck erreicht: Angst verbreitete sich, und sie machte sich einmal mehr im muslimischen Andern fest. Insofern hatten die Fake Facts, wie wir das nun bei Trump erfahren, echte Fakten geschaffen. So erkannte es kein geringerer als Narendra Modi. Die Person, die den ersten Tweet gesandt hatte, gehörte zu den 150 Social Media Influencers, die einige Monate später bei einem Digital India-Event vom Premierminister empfangen wurden. Das Signal war unmissverständlich: der Erste Diener des Staates vervielfachte deren Resonanz.

Inzwischen gibt es aber auch genügend kritische Blogger, die den elektronischen Fussabdrücken der medialen Bombenbastler nachgehen. Vor einigen Wochen meldete sich sogar ein Vertreter der regionalen Oppositionspartei Trinamool Congress im Parlament zu Wort. Derek O’Brien, so berichtete das Newsportal The Wire, klagte Modi an, „Online-Hass zu verbreiten, dank den Tweets, die er regelmässig verfolgt, darunter 26 Twitter-Konten, die mit Vergewaltigung und religiöser Hetze drohen“.

Mehr Followers als jeder andere Politiker

O’Briens Intervention zeigt, wie leicht es ist, in die Konten Einblick zu nehmen, denen der Premierminister folgt. Es sollen 1641 sein. Zwischen Adressen von Staatspräsidenten, Wirtschaftskapitänen und Parteikollegen trollen sich solche, die von Twitter-Administratoren blockiert werden mussten, ein Amitesh Singh etwa, seines Zeichens Präsident der BJP-Jugendriege in Pune. Nach einem Zugunglück erkannte dieser sofort einen Terrorakt und schrieb: „Filthy Islam again. Kill at least 3000 Muslims tomorrow!“

Die gute Nachricht lautet also: Jeder Tweet hinterlässt eine Spur, und so kann die Öffentlichkeit Einblick nehmen in die digitalen Konsumgewohnheiten eines Premierministers, was er liest und was er weiterempfiehlt. Aber ist dies nicht wie der Warnruf „Achtung, die Stalltür ist offen!“, und die Pferde sind schon auf und davon?

Modi hat bereits 2009 ein Twitter-Konto eröffnet, seine Facebook-Adresse Jahre früher. Heute hat er weltweit mehr Followers als jeder andere Politiker, und bei der Parlamentswahl von 2014 folgte ihm jeder sechste indische Facebook-Nutzer. Viele Beobachter glauben, dass diese Vernetzung seinen Wahlsieg mitentschieden hat.

Verdrehung der Wahrheit

In einem kürzlichen Buch legte eine ehemalige Mitarbeiterin der BJP Media Cell dar, wie diese regelrechte Kampagnen inszenierte, wenn es galt, die öffentliche Stimmung kurz vor Wahlen aufzuheizen. Es begann mit Meldungen über Massenkonversionen von Dalits zu Muslimen und Christen, verbunden mit dem Ruf, Christen wieder „nach Hause“ – zum Hinduismus – zu führen. Dann wurde plötzlich der Love Jihad entdeckt, eine Kampagne gegen junge Muslime, die nur darauf aus seien, arglose Hindu-Mädchen zu heiraten und dann zu bekehren. Es folgte die Jagd auf „Kuh-Mörder“, und jeder Dalit oder Muslim war plötzlich ein potentieller Tierschänder. Kaum war die jeweilige Lokal- oder Regionalwahl zu Ende, wurde die Kampagne abgeblasen.

Letzte Woche öffnete sich ein neues Feld zur Fabrikation von Neuigkeiten, diesmal in Rajasthan, das die BJP und ihr ideologischer Mentor RSS öfter als Versuchslabor wählen. Es begann mit der Zerstörung eines Filmsets ausserhalb von Jaipur durch einen Mob. Angeblich sollte dort eine Liebesszene zwischen einer Prinzessin Padmavati aus dem 14. Jahrhundert und Sultan Alauddin Khilji gedreht werden. Gemäss Volkssage hatte Padmavati bereits den Freitod gewählt, als Alauddin die Festung Chittor eroberte. Nur: Das Drehbuch sagte genau dasselbe – die angebliche Geschichtsverdrehung war nichts als eine ... Verdrehung der Wahrheit.

Akbar der Grosse?

Kaum war die Film-Equipe verjagt, ergriffen BJP-Minister die Gelegenheit, mit dem angeblich islamfreundlichen Geschichtsunterricht aufzuräumen. Die Schlacht von Haldighati im Jahr 1576 sei nicht von Akbar dem Grossen gewonnen worden, wie alle Historiker fälschlicherweise meinten. Der Sieger sei vielmehr der Rajput-Herzog Rana Pratap gewesen. Er sei nämlich nicht geflohen, sondern habe sich bloss zurückgezogen. Der Subtext: Es darf nicht sein, dass ein Hindu-König einem Muslim unterliegt. Dabei wird unterschlagen, dass Akbars Feldherr ein Hindu war, und in Rana Prataps Streitmacht muslimische Einheiten kämpften.

Akbar der Grosse? Bereits letztes Jahr wurde im neuen Geschichtslehrbuch für Achtklässler das ehrende Beiwort gestrichen. Stattdessen wurde dem wohl grössten Mogulherrscher das Epitheton eines Eindringlings verliehen, obwohl Akbar bereits die dritte Generation der Mogul-Dynastie vertrat. Er kann sich trösten. Jawaharlal Nehru und seine zentrale Rolle im Unabhängigkeitskampf wird im Geschichtsbuch mit Schweigen übergangen.

Churchill, ein Indien-Hasser

Es soll hier nicht behauptet werden, Geschichtsschreibung sei eine exakte Wissenschaft. Das geflügelte Wort, dass Geschichte in der Regel aus der Perspektive der Sieger geschrieben wird, findet in Indien gerade in diesen Tagen wieder neue Aufmerksamkeit. Mehrere Neuerscheinungen korrigieren das selbstgefällige Bild der letzten Phase der britischen Kolonialherrschaft, das wesentlich von der selbstheroisierenden Kriegsgeschichte Churchills – einem Indien-Hasser – geprägt ist.

Sie hatte den gewaltigen Beitrag der Kronkolonie in den beiden Weltkriegen kleingeschrieben. Dies gilt für die vielen tausend indischen Soldaten-Opfer auf den Schlachtfeldern in Europa und Nordafrika. Es trifft auch auf die enormen finanziellen Opfer zu, die Indien leistete, um Grossbritanniens Überlebensfähigkeit zu garantieren. Der Politiker Shashi Tharoor räumt in einer Streitschrift unter dem Titel „An Era of Darkness“ mit der weitverbreiteten Meinung auf, dass die Kolonialherrschaft in der Schlussbilanz „A Force for the Good“ gewesen sei.

Indien ist anfälliger als die USA und Europa

Was in Rajasthan geschieht, ist allerdings weniger Geschichtskorrektur als Geschichtsklitterung. Es brauchte nicht einmal Donald Trumps faktfreien Umgang mit der Wahrheit als Auslöser. Das Zurechtbiegen oder freie Erfinden von Fakten gehört bereits seit Jahren zum rhetorischen Arsenal Narendra Modis, und er nutzt es mit weit grösserem Effekt als der tumbe Trump.

Überhaupt ist Indien anfälliger als die USA und Europa für das Zurechtbiegen der Fakten und der Wahrheit. Die philosophische Grenzziehung zwischen Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge, Mythos und Geschichte ist im Grundverständnis der Hindus ungemein fliessend. Was Wahrheit ist und was Lüge, ist nämlich kontextbestimmt. Und der  Kontext kann aus allen möglichen Dingen zusammengesetzt sein – der Kasten-Hintergrund der Beteiligten, die lokale oder soziale Situation des Ereignisses, dessen Nutzen oder Schaden für die Betroffenen usw.

Hindus, stärker als Muslime

So argumentierte etwa ein Minister in Sachen Sieg oder Niederlage von Rana Pratap: Der Geschichtsschüler würde durch eine Niederlage des Hindu-Helden in der Grundwahrheit erschüttert, dass Hindus stärker sind als Muslime. Die alles überwölbende Wahrheit ändert damit auch die Vorzeichen der Fakten von Einzelereignissen.

Selbst ein scharfsinniger Mann wie Narendra Modi unterwirft sich dieser seltsamen Logik, wenn der Kontext es gebietet. Bei einem Auftritt vor dem Wissenschaftskongress am Indian Institute of Technology in Bombay vor zwei Jahren nannte er Gott Ganesh – sein Vater Shiva hatte ihm den Kopf abgeschnitten und einen Elefantenschädel aufgesetzt – als Beweis, dass die indische Medizin bereits vor tausenden Jahren die Organ-Transplantation beherrschte.

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Mal ganz unabhängig vom speziellen Inhalt des Artikels, aber die Titelfrage "Warum nicht die Geschichte umschreiben?" provoziert die Gegenfrage: Ja, warum eigentlich nicht? Die Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben, weshalb Karlheinz Deschners Diktum zuzustimmen ist: "Wer Geschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, macht sich zu ihrem Komplizen." Demnach gehört alle Geschichte so umgeschrieben, dass die Verbrechen und die Verbrecher klar benannt werden. Oder? Und das geht nur, indem man nicht die lächerliche Schaufassade der Politik und ihre Selbstbeweihräucherungsmythen nachplappert, wie es die staatsangestellten "Historiker" i.d.R. tun, sondern die Hintergründe aufdeckt. Und da gibt es eine einfache Faustregel: "Follow the money!"

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