Vier Versionen. Wer hat recht?

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Vier Versionen. Wer hat recht?

Von Arnold Hottinger, 13.05.2018

Nach den israelisch-iranischen Zusammenstössen legen Israel, Syrien, Iran und Russland unterschiedliche Informationen zu den Ereignissen vor.

Israel erklärt, Iran, spezifisch die Quds-Organisation der Revolutionswächter, habe kurz nach Mitternacht des 11. Mai 2018 Raketen auf israelische Positionen im Golan abgeschossen. Fünf davon seien abgefangen worden, die anderen hätten ihre Ziele verfehlt und seien auf syrischem Territorium niedergegangen.

Als Vergeltung habe Israel anschliessend mehrere iranische Stellungen in Syrien angegriffen. Dabei seien beinahe alle zerstört worden. Getroffen worden seien Raketenwerfer, Waffendepots, Munitionslager, logistische Zentren sowie ein iranisches Informationszentrum.

Die schwersten Kriegshandlungen seit 1974

Offiziere der israelischen Armee fügten ergänzend hinzu, die israelischen Gegenangriffe in Syrien seien die schwersten Kriegshandlungen seit 1974 gewesen. Laut israelischen Angaben hätten fünf syrische Luftabwehrbatterien versucht, israelische Kampfflugzeuge abzuschiessen. Anschliessend seien die syrischen Flab-Stationen zerstört worden.

Israel hatte erwartet, dass seine Stellungen auf dem Golan beschossen werden könnten. Bevor die israelische Armee zur Vergeltung schritt, hatte sie die Bevölkerung aufgefordert, in den Luftschutzkellern Zuflucht zu suchen. Ein ehemaliger israelischer Geheimdienstchef erklärte, der jetzt erfolgte Einsatz gegen die iranische Präsenz in Syrien sei nun beendet. Es sei jedoch zu erwarten, dass früher oder später weitere Angriffe folgen würden.

Rücksicht auf Russland

Israelische Quellen deuteten an, dass Russland über die bevorstehende israelische Aktion informiert worden sei, und zwar über die seit 2015 bestehende israelisch-russische Koordinationsstelle. Nicht klar ist, ob die Russen unmittelbar vor dem israelischen Gegenschlag oder schon früher benachrichtigt worden sind.

Nach israelischen Angaben war iranisches Kriegsmaterial das Ziel der israelischen Angriffe – und nicht iranische Mannschaften und Kämpfer, die in Syrien stationiert sind. Das pro-iranische militärische Personal ist für den syrischen Präsidenten Asad unentbehrlich, um sich an der Macht zu halten. Es ist deshalb auch für die Russen wichtig, deren Ziel es ist, Asad an der Macht zu halten. Doch die gegen Israel in Stellung gebrachten schweren iranischen Waffen dienen nicht der Machterhaltung Asads, sondern sind dazu da, die Israeli herauszufordern. Dies will Russland, das ein Ende des Syrienkriegs anstrebt, nicht. Militärische Auseinandersetzungen zwischen Israel und Iran würden jedoch den Syrienkrieg auf unbestimmte Zeit verlängern.

Damaskus sagt wenig

Die Syrer beschränkten sich darauf zu erklären, Israel habe die Ortschaft Kisweh, südlich von Damaskus, angegriffen und sei von der syrischen Fliegerabwehr zurückgeschlagen worden. Drei syrische Soldaten seien gefallen. Zahlreiche israelische Geschosse seien unschädlich gemacht worden.  

Die Fernsehstation des Hizbullah, „al-Mayadeen“, spricht von 28 israelischen F15- und F16-Kapfflugzeugen, die Ziele in Syrien angegriffen hätten. Dabei seien 60 Raketen abgefeuert worden.

Schliesslich gibt es noch die nicht regierungsabhängige Quelle, die syrische Menschenrechtsbeobachtungsstelle, die von London aus operiert. Sie meldete, bei den israelischen Angriffen seien 23 Menschen ums Leben gekommen, darunter elf Iraner.   

Dementi aus Teheran

Iran erklärt, iranische Kräfte hätten nie israelische Stellungen auf dem Golan beschossen. Solche Angriffe seien frei erfunden. Zudem hätte Syrien das Recht, sich gegen israelische Übergriffe zu verteidigen.

Die Russen bestätigten, dass sie im Voraus über die bevorstehenden israelischen Aktionen informiert worden seien. Eine symbolische Handlung der Russen war, dass sie Ministerpräsident Netanjahu am 9. Mai, dem Tag des Sieges über die Nazi, nach Moskau einluden, ihn dort wie einen VIP-Gast empfingen und ihn während der Militärparade zwischen Putin und seinem Verteidigungsminister platzierten. Keine zwölf Stunden später griffen die Israeli die iranischen Stellungen in Syrien an.

Die saudische Zeitung „ash-Sharq al-Awsat“ will in Erfahrung gebracht haben, dass die Russen, nachdem sie von den bevorstehenden israelischen Aktionen gegen Iran in Syrien unterrichtet worden waren, einen stellvertretenden Verteidigungsminister nach Teheran entsandt hätten, um die Iraner zu warnen.

Israels Darstellung ist die Glaubwürdigste

Die israelischen Versionen können als die verlässlichsten gelten, so triumphalistisch sie auch klingen. Israel hat eine freie Presse; die Regierungssprecher können es sich nicht erlauben, offensichtlich erfundene Tatsachen zu verbreiten. Dazu kommt, dass die Darstellungen, die aus Israel kommen, die bei weitem ausführlichsten sind. Die Israeli haben auch ausdrücklich die Verantwortung dafür übernommen, dass sie in den Monaten zuvor iranisches Kriegsmaterial, das i  Syrien gelagert ist, unschädlich machten.

In Iran und Syrien hingegen gibt es keine freie Presse, die es sich leisten kann, Communiqués ihrer Regierungen kritisch zu hinterfragen. Ihre Versionen des Kriegsgeschehens, so lakonisch sie ausfallen mögen, besitzen in ihren Ländern ein Informationsmonopol.

Noch lässt Moskau Israel gewähren

Welche Haltung nehmen die Russen in Bezug auf die israelischen Angriffe in Syrien ein? Diese Frage ist von entscheidender Bedeutung. Die Russen haben bisher die israelischen Aktionen geduldet. Dies wohl deshalb, weil Putin weiss, dass zurzeit nur Israel in der Lage wäre, Moskaus Kriegsziel in Syrien zu durchkreuzen. Und dieses Kriegsziel ist die Machterhaltung Asads. Die USA andererseits unternehmen nichts mehr, um den syrischen Präsidenten zu verdrängen. Und Saudi-Arabien mit seinen Verbündeten im Golf anderseits, aber auch die Türkei, sind mit ihrem Versuch, Asad zu stürzen, gescheitert.

Doch regierungskritische israelische Kommentatoren erklären, dass der Tag einmal kommen könnte, an dem Putin die Geduld verliert. Dann könnte er die iranischen Waffen und das iranische Kriegsgerät, das auf syrischem Boden stationiert ist, unter den Schutz der russischen Flugabwehr stellen.

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