Verschollen in Syrien

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Verschollen in Syrien

Von Armin Wertz, 22.10.2014

Seit zwei Jahren gibt es kein Lebenszeichen des texanischen Journalisten Austin Tice, der in Darayya, einem Vorort von Damaskus, entführt wurde.

Seine Berichte aus dem Bürgerkrieg in Syrien trugen dazu bei, dass die McClatchy-Zeitungen den George-Polk-Preis gewannen. Schon 2000 Interessierte folgten den Meldungen auf seinem Twitter account, ihre Zahl wuchs täglich. Austin Bennett Tice, ein ehemaliger Offizier der Marineinfanterie und freier Journalist aus Houston, belieferte eine ganze Reihe von Nachrichtenorganisationen wie die Washington Post oder den Fernsehsender CBS. Er schickte Fotos, Nachrichtenmeldungen und Reportagen aus dem Kampfgebiet.

Austin Tice im Mai 2012
Austin Tice im Mai 2012

Doch am 11. August 2012 brachen die Berichte plötzlich ab. Stattdessen tauchte sieben Wochen später auf Youtube ein 47 Sekunden dauerndes Video auf, das einen Konvoi von drei Fahrzeugen auf einer Gebirgsstraße zeigt. Nach einem Schnitt führt eine Gruppe maskierter Männer mit Sturmgewehren den Journalisten, dem die Augen verbunden sind, einen Bergpfad entlang, begleitet von Allahu-al-Akbar-Rufen. Dann wird der Gefangene auf die Knie gestoßen und betet auf Arabisch. Sichtlich aufgeregt ruft er in Englisch „oh Jesus, oh Jesus“, ehe er zurück ins Arabische fällt, und das Video dunkel wird.

Zweifelhaftes Video

Das Video wurde entdeckt, nachdem es zweimal auf einer regierungsnahen Facebookseite mit dem Titel „The Media Channel of Al-Assad’s Syria“ auftauchte. Das urspüngliche Posting wurde mit dem Hinweis kommentiert, es beweise, dass die „westliche Presse gegen Syrien arbeitet“. Auf dem zweiten Posting wird behauptet, „Austin Ticve lebt“, die radikalislamische al-Nusra-Front sei für das Verschwinden des Journalisten verantwortlich: „Der amerikanische Journalist Austin Tice befindet sich in den Händen bewaffneter Banden, der al-Nusra-Front und al-Qaeda.“

Experten, die den Clip analysiert haben, warnten davor, aus dem Video zu schließen, dass sich Tice in der Gewalt von radikalen Muslimen wie der al-Nusra-Front oder dem IS befinde. Einige Auffälligkeiten zwangen vielmehr zu dem Schluss, dass sich Tice in den Händen von Regierungssoldaten befindet. So ist den Videoclips nicht zu entnehmen, wer sie ins Netz gestellt hat. Jihadisten aber pflegen sich mit ihren Gefangennahmen zu rühmen und prahlen dann in ihren Botschaften über ihre Erfolge. Auch die Bilder selbst überzeugen wenig. Tice‘ Bewacher tragen scheinbar frisch gebügelte Salwar-Kamiz (Tunika und Pluderhosen) im afghanischen Stil, ein Outfit, das bislang in Syrien noch nie beobachtet wurde. Zudem schauen sogenannte Islamisten im Allgemeinen direkt in die Kamera, wenn sie ihre Statements abgeben. Tice‘ Wächter hingegen scheinen sehr bemüht, ihre Gesichter zu verbergen. Sie halten nicht die üblichen Reden, „Allahu al-Akbar“ und „takhbir“ (Lob) sind die einzigen Worte, die zu hören sind. „Die wirken wie die Karikatur einer Jihadi-Gruppe“, spottete Joseph Holliday vom Washingtoner Institute for the Study of War. „Das sieht aus, als habe jemand im Internet Bilder von afghanischen Mujaheddin angeschaut, und sie anschließend kopiert.“

August 2012

Auch die tschechische Botschafterin, die in Damaskus die Interessen der USA wahrnimmt, glaubt, dass sich Tice in der Hand der syrischen Regierung befindet. Journalisten, die Nachforschungen nach Tice‘ Verbleib angestellt haben, schlossen sich ebenfalls dieser Auffassung an, zumal auf Internetseiten der syrischen Regierung eine Reihe Beschuldigungen geäußert werden, die ebenfalls darauf hindeuten, dass Tice in der Gewalt syrischer Regierungsstellen ist. So wurde auf einer Facebook-Seite, die den Eindruck vermittelt, Assad zu gehören, behauptet, Tice sei ein „Mossad-Agent“. Andere Regierungsseiten beschuldigten Tice, drei syrische Offiziere getötet zu haben.

Wie schwerwiegend und bedrohlich diese Anschuldigungen auch klingen, Austins Eltern klammern sich an die Annahme, dass er irgendwo in einem Gefängnis der Regierungsbehörden sitzt. Sie baten bei zahlreichen Regierungsstellen in Washington um Hilfe. Verzweifelt wendet sich Austins Vater Mark an jede mögliche Quelle, die ihm vielleicht Hilfe, Trost oder auch nur den Versuch einer Erklärung bieten kann. Anlässlich des 33. Geburtstags ihres ältesten Sohnes stellte die Washington Post den verzweifelten Eltern Platz für einen Brief zur Verfügung.

Verzweifelte Eltern

Seit dem 14. August 2012 „haben wir keinen Kontakt zu Austin. Wir kamen an Austins Geburtstag zusammen, und wissen immer noch nicht, wo er ist oder wer ihn festhält. So kamen auf jede lustige und glückliche Erinnerung (an ihn) Myriaden von Fragen, die uns die vergangenen 17520 Stunden verfolgt haben. Wie lebt Austin heute? Ist er sicher? Isst er genug? Ist er allein? Kann er den Himmel sehen? Wie verbringt er die Zeit? Weiß er, dass viele Menschen für ihn beten und an seiner sicheren Rückkehr arbeiten? Wann werden wir in der Lage sein, die täglichen Freuden, Herausforderungen, Fehler und Missgeschicke wieder mit ihm zu teilen?“

In einem langen Gespräch suchte der Vater bei mir Aufklärung über das Leben, das sein Sohn vielleicht jetzt führt, über die Haftbedingungen. Ich war im vergangenen Jahr fünf Monate lang von den syrischen Behörden inhaftiert. Ich war sicher, fühlte mich sicher, auf jeden Fall nicht bedroht. Zu essen gab es nahezu ausschließlich Brot und Reis, ich war ständig hungrig. Ich war die meiste Zeit alleine in einer dunklen Zelle und sah den Himmel nur viermal, jeweils für eine halbe Stunde, wenn der Kammerjäger die Zellen zu desinfizieren und die Myriaden von Käfern abzutöten versuchte. Um die endlose, eintönige Zeit zu überstehen, sang ich, grub Gedichte, die ich einst in der Schule auswendig gelernt hatte, aus dem Gedächtnis, stellte mir köstliche Menüs zusammen, sehnte mich nach Obstsaft und Karottensalat, dachte neidisch an meine Berliner Freunde, die sich am Tageslicht erfreuen, spazieren gehen, Sportschau gucken und abends im Zwiebelfisch am Savignyplatz ein herrlich kühles Bier trinken konnten – und war glücklich, als mir ein Häftling eine köstlich süße Dattel durch das vergitterte Fenster in meiner Zellentüre zusteckte.

„Mama, Du musst mich abholen.“

Er habe zwar „zahlreiche Kontakte zu diversen Regierungsbehörden“ geknüpft, klagte der Vater, habe aber bisher nichts erfahren, so als kümmere sich Washington nicht im Geringsten um das Schicksal seines Sohnes. Dabei waren mir gerade die Regierungen der USA in den mehr als 30 Jahren, die ich im Ausland gearbeitet habe, aufgefallen, stets besonders hartnäckig nach dem Verbleib verschollener Bürger ihres Landes zu forschen. Allerdings pflegen die zuständigen oder mit derartigen Fällen befassten Behörden wenig Worte darüber zu verlieren und hüllen sich gemeinhin in quälendes Schweigen. Auch meine Freilassung wurde erst bestätigt, als ich längst in Deutschland eingetroffen war. Im Falle Austin Tice hat das FBI die Ermittlungen aufgenommen: „If you have any information concerning this person, please contact your local FBI office or the nearest American Embassy or Consulate.“

Besorgt, aber optimistisch warten Austins Eltern, Debra und Mark, auf seine Rückkehr. „Ich lebe dort, wohin er zurückkehren wird“, sagte Debra in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS. Es ist das schönste und geheimnisvollste Geschenk, das Gott mir jeden Tag gibt. Ich muss mich nicht an Hoffnung klammern. Ich weiß es.“ Ja, seine Frau habe jede Nacht denselben Traum, dass Austin vom Flughafen anrufe: „Mama, Du musst mich abholen.“

Kommentare

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Als Amerikaner war es ihm wohl bewusst, dass er im Entführungsfall keine staatliche Unterstützung zu erwarten hat, da die USA grundsätzlich auf Forderungen von Entführern nicht eingehen. Das reduziert im Normalfall die Gefahr entführt zu werden. Europäische Geiseln rentieren sich für Entführer da viel mehr.
Das Problem ist, dass die Islamisten nicht normal ticken und genug Finanzen haben sie zudem auch.
Da geht es ausschliesslich um Menschenverachtung.

Möglicherweise ist dem Herrn Tice zum Verhängnis geworden, das er nicht nur als freier Journalist sondern auch als Agent der CIA tätig war. Bei der geschilderten beruflichen Vergangenheit ist eine derartige Vermutung alles andere als abwegig.

Dann geht es also in Ordnung, oder wie? Sind also alle Journalisten, die je in einer Armee gedient haben, verdächtig und dürfen darum einfach ohne Verfahren inhaftiert werden? Wie ist das eigentlich mit den Mitarbeitern des Internationalen Roten Kreuzes? Als Schweizer haben sie doch wohl alle ebenfalls gedient und sind somit wohl auch alle der Spionage verdächtig? Zudem sollte sich der "Gast" mit der deutschen Orthographie vertraut machen. Da müsste "dass er nicht nur als freier Journalist..." und nicht "das" stehen.

Arroganz?.... Salomos: wer zu Grunde gehen soll, wird zuvor stolz; Hochmut kommt vor dem Fall! Eine Kanadierin wartete vergeblich auf ihren Mann der nach einer Zwischenlandung in New York unerklärlicher Weise verschwand. Es stellte sich als Irrtum heraus, nach seiner Freilassung erzählte er von den Folterkammern in die er gebracht wurde im Nahen Osten, die damals noch benutzt wurden als Gaddafi, Assad und Mubarak noch genehm waren. Die Zeit als gewisse Amerikaner und Saddam Hussein sich noch küssten, ja umarmten. Als Husni Mubarak noch Säule war und Gaddafi in New York, Paris und Rom sein Beduinenzelt aufstellen konnte. Nun herrscht Krieg! Die Länder Irak, Libyen und Syrien wurden ja nicht befreit sondern angegriffen und zerstört. Ägypten zwar nur beinahe, aber es herrscht überall Krieg. Da sollen wir uns wundern? Kriegsjournalismus ist gefährlich weil Spionageverdacht nicht ausgeschlossen werden kann. Selbstverständlich haben wir Mitleid, genauso wie mit den Menschen in Abu Ghraib, Bagram und Guantanamo. Alles ausserhalb Rechtsstaatlichkeit! Allumfassendes Denken wäre angesagt!....cathari

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