Verräterische Listen

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Verräterische Listen

Von Urs Meier, 25.09.2015

Der Linguist Roland Barthes hat sich mit Listen seiner Vorlieben und Abneigungen selbst porträtiert. Das Spiel reizt zur Nachahmung.

Listen sind Organisationsmittel. Sie dienen dem Einkauf, dem Kofferpacken, der Arbeitsplanung, allen Arten von Bewertung, dem Wählen und ganz allgemein dem Gedächtnis. Es gibt Schwarze Listen, Rote Listen und sicherlich auch eine Liste der Listen.

Und dann gibt es die spielerischen Listen. Sie verulken den menschlichen Hang zum Listenmachen. Mit scheinbar sinnlosen Reihungen von Wörtern rufen sie irrlichternde Bedeutungen hervor. In der Literatur sind sie ein poetisches Verfahren, um das Innenleben fiktionaler Figuren zu charakterisieren. Das Spiel mit Listen kann man allein, zu zweit oder in Gesellschaft spielen. Etwas Vorstellungskraft und Sprachvermögen vorausgesetzt, steht es jederzeit zur Verfügung.

Ein Beispiel spielerischer Listen gibt Roland Barthes in seinem Buch «Über mich selbst». Barthes’ Listen zeigen nicht nur die Lust am Spiel, sondern auch dessen Ernst: Er erforscht sich selber und gewährt dabei einen ziemlich intimen Blick in seine Persönlichkeit. Barthes tut dies mit einem Hintergedanken, nämlich um den sprachlichen Charakter alles Wirklichen zu demonstrieren. – Hier als Anregung zu eigenen Spielereien zwei seiner Listen.

«Ich liebe: Salat, Zimt, Käse, Paprikaschoten, Marzipan, den Geruch von frisch gemähtem Heu, Rosen, Pfingstrosen, Lavendel, Champagner, gemässigte Positionen in der Politik, Glenn Gould, eiskaltes Bier, flache Kopfkissen, geröstetes Brot, Havannazigarren, Händel, gemässigte Spaziergänge, Birnen, weisse Pfirsiche oder Weinbergpfirsiche, Kirschen, Farben, Armbanduhren, Füllfederhalter, Schreibfedern, Süssspeisen, Rohsalz, realistische Romane, das Klavier, Kaffee, Pollock, Twombly, die gesamte Musik der Romantik.»

«Ich liebe nicht: weisse Schosshündchen, Frauen in Hosen, Geranien, Erdbeeren, das Cembalo, Mirò, Tautologien, Zeichentrickfilme, Arthur Rubinstein, Villen, Nachmittage, Satie, Vivaldi, Telefonieren, Kinderchöre, die Konzerte von Chopin, die Tänze der Renaissance, die Orgel, Marc Antoine Charpentier, seine Trompeten und seine Pauken, das Politisch-Sexuelle, Szenen, Initiativen, Treue, Spontaneität, Gesellschaftsabende mit Leuten, die ich nicht kenne und so weiter.»

Es gibt kein frisch gemähtes Heu!

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