«Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt»

Christoph Zollinger's picture

«Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt»

Von Christoph Zollinger, 22.05.2020

Sollten wir uns in diesen Tagen der Ungewissheit gedanklich der Zukunft zuwenden? Stehen wir am Anfang eines epochalen Neubeginns?

Es stellt sich die Frage, ob der weltweite Lockdown etwas Grundsätzliches signalisiert – etwas, das bereits mit der Klimadiskussion ansatzweise angetippt wurde. War unser westlicher Lebensstil schon vor Ausbruch der Pandemie überhaupt nicht nachhaltig vertretbar – sollte er infolge fehlender Einsicht «mit Gewalt» beendet werden?

Zum Beispiel die Fliegerei

«In einer wirtschaftlich vernetzten Welt ist es völlig undenkbar, nicht zu fliegen», der das sagt: Carsten Spohr, Chef der Lufthansa in der ZEIT. Albert Einsteins Rat vor rund hundert Jahren: «Wir können die Probleme nicht mit demselben Denken lösen, mit dem wir sie geschaffen haben.»

Schon stehen wir mitten in der aktuellen Problematik. Während die Regierungen staatliche Hilfe in Milliardenhöhe zur Rettung prestigeträchtiger Fluggesellschaften – hierzulande die Swiss – sprechen, geraten wir in den mentalen Lockdown. Schliesslich sind zehntausende von Jobs allein bei den Airlines involviert, es sind weitere tausende in den Zulieferbranchen und die Auftragsbücher der grossen Flugzeugbauer sind rammelvoll. Es sind diesen Regierungen keine Vorwürfe zu machen. Doch eines ist klar: Wir denken immer noch in Kategorien der Vergangenheit.

Die rückwärtsgerichtete Äusserung des Lufthansa Chefs, «Die Lufthansa hat die drei besten Jahre ihrer Konzerngeschichte hinter sich. Wenn sie auch künftig erfolgreich sein soll, muss sie auch weiterhin ihr Schicksal unternehmerisch gestalten können» (ZEIT), zeigt glasklar, dass in dieser Branche auch nach Jahren der Diskussion das Thema Klimaerwärmung verdrängt wird (Anteil des Flugverkehrs am menschenverursachten Klimaproblem: 5 Prozent weltweit, 18 Prozent in der Schweiz).

Das Problem: Man kann die Aussagen des CEOs der Lufthansa aus der Sicht seines Auftrags ihm nicht übelnehmen. Was für die Branche gilt, ist im ganzheitlichen Denkansatz aber kontraproduktiv. Dies widerspiegelt die gegenwärtige Situation weltweit und in vielen anderen Branchen. Und dies ist auch der Grund, weshalb die politischen Klimaversprechen in der Praxis reine Makulatur bleiben. Kurzfristig dominiert der Denk-Fokus auf das individuelle Wohlergehen, langfristig müssten die Ziele einer nachhaltigeren Welt ganz anders formuliert werden.

Marschhalt 1: Was wir wissen und wie wir handeln

Irgendwie ahnten wir es seit langem. Unsere Lebensart, die des einen Prozentes der Weltbevölkerung, sie ist langfristig nicht kompatibel mit den Geboten des Klimaschutzes, des qualitativen Wachstums, der Ökologie oder des Artenschutzes. Aber wir verdrängen das. Der Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie an der Universität Bonn, Markus Gabriel, formuliert das so: «Wir wissen eigentlich intuitiv, dass die westliche Lebensform, in der wir uns behaglich eingerichtet haben, fatale Konsequenzen für sehr viele Menschen auf dem Planeten hat.» (NZZ)

Deutsche Autoindustrie in existentieller Krise

Studien prognostizieren, dass bereits 2025 keine Fahrzeuge mit traditionellen Verbrennungsmotoren mehr verkauft werden. Auch das Nutzungsverhalten wird sich grundlegend ändern, weg vom Besitz, hin zur Nutzung von Fahrzeugen. Und entscheidend: das Auto als Prestigeobjekt hat bei jüngeren Leuten völlig an Bedeutung verloren. Doch wie oft bei solch dramatischem Wandel unterschätzen die traditionellen Anbieter die Gefahr. Steht die deutsche Paradebranche vor dem Abgrund? Der Absatz bricht ein, bei Innovationen wie der E-Mobility und digitalem Verkehr geht es nicht voran, ein E-Auto-Bauer ist pleite und die EU beharrt auf ihren CO₂-Vorgaben.

Während noch darüber gestritten wird, in welcher Form der staatlichen Geldspritzen der notleidenden Branche (die eben noch Milliardengewinne auswies) geholfen werden soll, damit der kurzfristige Corona-Einbruch überbrückt werden kann, zeigt sich auch hier: Die Vorstellung, dass «nach Corona» alles wieder so werde wie vorher ist in den Köpfen der betroffenen CEOs tonangebend. Doch ähnlich wie in der Flugzeugindustrie mehren sich die Warnrufe jener, die über den täglichen, einschläfernden Tagesrhythmus hinaussehen: Was, wenn ein verändertes gesellschaftliches Verhalten zur Mobilität dem Individualverkehr zukünftig neue Regeln definiert? Dazu meint der deutsche Verkehrsexperte von Greenpeace, Benjamin Gehrs: «Wenn die Bundesregierung mitten im fundamentalsten Branchenumbruch der Automobilgeschichte alte Antriebe fördert, verwechselt sie Gaspedal mit Bremse.»

Marschhalt 2: Was wir nicht wissen und wie wir handeln

Aymo Brunetti, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern, mahnt zu vorsichtiger Beschlussfassung. «Das Problem besteht darin, dass wir mit einem makroökonomischen Schock konfrontiert sind, den es so noch nie gegeben hat. Wir wissen nicht, in welchem Zustand sich die Wirtschaft in einigen Monaten befinden wird; es besteht die Gefahr, dass überstürzte Massnahem kontraproduktiv wirken können.» (NZZ)

Das Ende der fossilen Weltordnung

Im April 2020 konnten wir in der ZEIT einen Satz lesen, der ausgezeichnet zu den oben beschriebenen Zuständen der Flugzeug- und Autoindustrie passt. Er kann durchaus als Übertitel verstanden werden: «Die Weltordnung, in der das Verbrennen von Erdöl normal war und sich politische Macht auf fossile Rohstoffe gründete, geht zu Ende.»

Einerseits werden wir Zeugen eines noch nie dagewesenen Preiszerfalls für Rohöl. Bereits ist in den USA einer der grössten Fracking-Betriebe (Produzent von Schieferöl durch Aufbrechen von Gestein) pleite gegangen, weitere werden zweifellos folgen. Da geht nicht nur ein weiteres Hobby des US-Präsidenten und Teil seines Machtgehabens bachab. Die einzigartige Baisse signalisiert einen fundamentalen Wandel der 150-jährigen Weltordnung: War es da der Zugang zu Öl, der Regierungen stärkte und Staaten Kriege und Hegemonie gewinnen liess, kämpfen heute viele Ölunternehmen ums Überleben.

Die Gretchen-Frage

Jetzt fragen wir uns: Ist die Gleichzeitigkeit der Klimadiskussion – die bisher von den Ölgiganten diskret hintertrieben wurde – und jene zur Corona-Katastrophe ursächlich gar zusammenhängend? Was läuft ab in den Köpfen der Menschen? Wächst da etwa eine Einsicht für persönliche Verhaltensänderung, die bislang verdrängt wurde? Spriessen auf dem Boden der Gesellschaft die zarten Vorboten klimaresistenter «Pflanzen»? Geht da eine Ära zu Ende, die wie «geschmiert» lief – ohne Rücksicht auf Verluste?

Ist dies die Gretchen-Frage (nomen est omen), personalisiert durch jenes Mädchen, deren Beantwortung sich aufdrängt? Darüber nachzudenken in diesen Tagen ist spannend – eigentlich lohnende Bürgerpflicht. Warum spukt da in unseren Köpfen plötzlich Goethes Erlkönig – «Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt» – herum? Wir wissen es nicht. Stehen wir gar am Anfang eines epochalen Neubeginns?

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Gibt es eine Bereitschaft zum Wandel?
Veränderung müssen gar nicht alle vorantreiben. Wenn 30 Prozent der Bevölkerung etwas anders machen, können sich dominante Praktiken ändern. Bei Wahlen reicht oft schon eine kleine Veränderung, um Mehrheiten zu kippen.

Man könnte zusammenfassend auch an Goethe erinnern, der mal sinngemäss meinte:

"Wenn man bewahren will was man hat, muss man vieles verändern"

Aber der Feind der Veränderungen ist die Macht der Gewohnheit und der gelebten Realität. Diese ist ins Wanken geraten, aber ob das genügt?

Mit diesen Gedanken würde ich gerne diesen ausgezeichneten Artilel abschliessen.

Besagter „epochaler Neubeginn“ wurde offen von versierten Lenkern wie Kanzlerin Merkel und Papst Franziskus bereits vorher angekündigt. In seiner Weihnachtsansprache an die römische Kurie vom 21. Dezember 2019 bezeichnete der Papst „die Epoche, in der wir leben“ als „Epochenwandel“, da nicht mehr nur „lineare“, sondern nunmehr „epochale Veränderungen“ anstünden. Diese stellten „Weichenstellungen dar, die die Art des Lebens, der Beziehungen, der Formung und Kommunikation des Denkens, des Verhältnisses zwischen den menschlichen Generationen und dem Verständnis und der Ausübung von Glauben und Wissenschaft schnell verwandeln.“

Die Kanzlerin führte – von der breiten Masse völlig ignoriert – auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos aus, dass „Transformationen von gigantischem historischem Ausmaß“ anstünden. Ihr ausdrückliches Credo: „Wir müssen handeln", denn sie sei „überzeugt, dass der Preis des Nichthandelns sehr viel höher wäre als der des Handelns" (zitiert nach: https://www.sueddeutsche.de/politik/merkel-davos-weltwirtschaftsforum-1....)

Mit Sicherheit wird in Deutschland der regierungsfromme Herdentrieb, inklusive beginnendem Blockwartgehabe und vorauseilendem Grundrechtsverzicht, von interessierten Kreisen sorgfältig registriert worden sein...

Ja, so oder so fängt auch die Sonne jeden Tag wieder von vorne an.

Gemach, alle diese Unkenrufe sind wohl richtig, allein, die Menschheit wird auch dieses Jahr um mindestens 50 Millionen wachsen, die Nigerianer um 5 Millionen, die Schweizer Einwohnerschaft um mindestens 50 Tausend. Dieses krebsartige Wachstum der Gattung homo sapiens erectus wird, wie gehabt, alle wirtschaftlichen Krisen und Seuchen locker überstehen. Malthus lässt grüssen.

Trotzdem bin ich fest überzeugt, dass es am Ende genau so weiter läuft wie früher.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren