Überleben mit „Wasser und Luft“

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Überleben mit „Wasser und Luft“

Von Peter Achten, Peking - 25.05.2019

Jedes Jahr zwischen Februar und Mai Hilferufe aus Pjöngjang. Das UN-Welternährungsprogramm bestätigt den Mangel an Nahrungsmitteln. Kann humanitäre Hilfe von Politik getrennt werden?

Die Versorgung Nordkoreas mit Lebensmitteln, so das UN-Welternährungsprogramm, sei so schlecht wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Die letzte Ernte sei durch Hitze und Dürre im vergangenen Sommer und den darauf folgenden Taifuns, Überschwemmungen und Erdrutschen stark beeinträchtigt worden. 2018 sind so rund 700’000 Tonnen zu wenig geerntet worden.

Im laufenden Jahr setzten sich die natürlichen Kalamitäten fort. Zwischen Januar und Mitte Mai fielen gerade einmal 56 Millimeter Regen, das heisst nur 42 Prozent der üblichen Menge. Laut nordkoreanischen Medien sei dies letztmals 1917 der Fall gewesen. Im laufenden Jahr, so Uno-Experten, fehlen wohl 1,4 Millionen Tonnen Nahrungsmittel. Die Parteimedien schreiben von der „schlimmsten Trockenheit seit einem Jahrhundert“, eine Einschätzung freilich, welche dieselben Medien bereits 2015 verwendet haben. Nordkoreas Uno-Botschafter Kim Song veröffentlichte bereits im Februar einen ungewöhnlichen Aufruf für Nahrungsmittelhilfe.

Chronischer Mangel

Die Parteizeitung „Rodong Sinmun“ spricht von „extremer Trockenheit“; die Frühernte im Juni von Weizen, Gerste, Mais, Kartoffeln und Bohnen sei ernsthaft bedroht. Das Parteiblatt ruft dazu auf, „alle Kräfte auf die Landwirtschaft zu bündeln und die Verbundenheit mit der Partei mit Reis zu zeigen“.

Auch die Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO und das Uno-Welternährungsprogramm (WFP) zeigen sich ob der aktuellen Lage tief besorgt. Für die Juni-Ernte seien die „Prognosen schlecht“. Das WFP macht sich „grosse Sorgen“, seien doch rund 40 Prozent der Bevölkerung akut bedroht. Eines von fünf Kindern sei chronisch unterernährt. „Die weitverbreitete Unterernährung“, so das WFP, „bedroht eine ganze Generation von Kindern“. 

Das raue Klima Nordkoreas machte seit jeher Selbstversorgung unmöglich. Früher freilich konnten mit Devisen Nahrungsmittel aus dem Ausland zugekauft werden. Doch seit den frühen 1990er-Jahren fiel wegen der kollabierenden Sowjetunion die Haupthilfe weg. Dazu kamen die kollektive Landwirtschaftspolitik, Abholzung und Raubbau sowie Unwetter, welche zur grossen Hungersnot Mitte der 1990er-Jahre geführt haben. Damals sind der Hungersnot, je nach Schätzung, ein bis zwei Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner zum Opfer gefallen. Seither herrscht chronischer Nahrungsmittelmangel.

Noch immer hängen gut ein Viertel der Bevölkerung vom Verteilungssystem des Staates ab. Doch das funktioniert nicht mehr. Die Privilegierten, schätzungsweise zwei bis drei Millionen von insgesamt 25 Millionen Menschen, versorgen sich mit Lebensmitteln auf den illegalen, jedoch stillschweigend geduldeten freien Märkten. Wegen der Uno-Sanktionen seit 2016 – wegen der nordkoreanischen Atom- und Raketentests – fliessen selbst aus China und Russland nur noch spärlich Importe. Auch der Schmuggel an der nördlichen nordkoreanisch-chinesischen Grenze soll schwieriger geworden sein.

Zweifel an der Wirkung humanitärer Hilfe

Von den Uno-Sanktionen ausgenommen ist humanitäre Hilfe. Bereits hat Südkorea mit Zustimmung der USA ein millionenschweres Hilfspaket in Aussicht gestellt. Humanitäre Hilfe ist freilich nicht unumstritten. Die Geberländer nämlich haben bei der Verteilung keinerlei Kontrolle. Ob die Hilfe tatsächlich den Bedürftigen und nicht den Militärs zugutekommt oder gar auf den freien Märkten landet, ist höchst ungewiss.

Dass humanitäre Hilfe immer politisch ist, zeigt schon Nordkoreas blumige Propaganda. So heisst es etwa, allein die Amerikaner seien an allem schuld wegen der Sanktionen. Ziel der USA sei es, „Nordkorea zu erwürgen“. Nach dem erfolglosen Gipfel von US-Präsident Trump mit dem „Grossen Führer“ Kim Jong-un im Februar in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi liess Nordkoreas Propaganda die Welt wissen, dass Pjöngjang dem internationalen Druck nicht nachgeben werde, sogar wenn das Volk „nur mit Wasser und Luft“ überleben sollte. Bereits hat die Regierung Konsum-Restriktionen verfügt.

Kommen die versprochenen Wirtschaftsreformen?

Längerfristig ist der junge Marschall Kim Jong-un trotz extrem repressiver Politik gegenüber dem Volk auf eben dieses Volk angewiesen. Die Lösung des seit Jahrzehnten anhaltenden Nahrungsmittelproblems ist dabei zentral. Der grosse Nachbar China wird bei der Problemlösung, so Kim das überhaupt will, die entscheidende Rolle spielen. Bereits Kims Grossvater Kim Il-sung und Vater Kim Jong-il hatten verschiedentlich Gelegenheit, das erfolgreiche chinesische Modell zu studieren: Wirtschaftsreform und Wohlstand ohne den absoluten Herrschaftsanspruch der Partei zu verlieren. Doch weder Kims Grossvater noch Vater zogen daraus Konsequenzen.

Der noch junge Kim hat sich zwar verbal für Reformen der Wirtschaft ausgesprochen, doch entscheidende Taten blieben bislang aus. Sollte Pjöngjang im Konflikt mit den USA erneut Atombomben und Raketen testen, wären chronischer Nahrungsmittelmangel, Unterernährung und Hunger gewiss.

China, Amerika, Russland, Japan und Südkorea, die alle mit Nordkorea während Jahren an den Pekinger Sechsergesprächen verhandelt haben, sind der internationalen Stabilität wegen am Status quo mit einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel interessiert. Kim Jong-un gilt unter südkoreanischen Experten als rational, gut informiert und intelligent. Wird er andere Schlüsse ziehen als sein Grossvater und Vater?  

PS: Nordkoreas Nahrungsmangel und Hunger sind in den Medien wegen der geopolitischen Lage des Landes in Nordost-Asien und den Atombomben immer wieder in den Schlagzeilen. Andere Länder, die noch mehr Hunger leiden, werden nur selten erwähnt. Nach dem globalen Uno-Hunger-Index liegt Nordkorea auf Platz 109 von insgesamt 119 Ländern. Noch schlimmer dran als Nordkorea sind (in dieser Reihenfolge) Timor-Leste, Afghanistan, Sudan, Haiti, Sierra Leone, Sambia, Madagaskar, Jemen, Tschad und auf Platz 119 die Zentralafrikanische Republik.

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