Tradition vs. Technik

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Tradition vs. Technik

Von Klara Obermüller, 29.03.2021

Um das Schauspielhaus Zürich ist ein Streit entbrannt: Sanieren oder abreissen lautet die Frage, an der sich die Geister scheiden.

Am Pfauen gehen die Wogen hoch. Befürworter und Gegner des seit 2018 von der Stadt geplanten Neubaus stehen sich unversöhnlich gegenüber. «Rettet den Pfauen» rufen die einen, «Pfauen mit Zukunft» die andern. Worum geht es?

Das 1892 errichtete und ursprünglich als Privattheater betriebene Haus ist renovationsbedürftig. Vor allem hinter der Bühne sind die Verhältnisse eng, die technischen Bedingungen unzureichend. Aber auch der Zuschauerraum hat seine Mängel. In den vorderen Rängen ist die Sicht auf die Bühne eingeschränkt, in den hinteren die Akustik schlecht. Und im Foyer tritt man sich auf die Füsse.

Das ist alles nicht neu. Das war schon so, als ich in den fünfziger Jahren anfing, regelmässig ins Schauspielhaus zu gehen. Und doch wurde dort grosses Theater gemacht: mit wenig Geld, wenig Zeit und dafür umso mehr Herzblut. Sie waren damals alle noch da, die Emigranten, die in den dreissiger Jahren den Ruhm des Hauses begründet hatten: die Giehse und der Ginsberg, die Becker und der Steckel, die Gold, die Fein, der Parker, der Bassermann, der Horwitz, der Lindtberg und wie sie alle hiessen. Sie erinnerten uns Junge daran, dass sie es gewesen waren, die das Haus am Pfauen während der Nazi-Zeit zu einem künstlerischen Zentrum und einem Hort der Freiheit gemacht hatten. Stücke von Brecht waren hier uraufgeführt worden, später die Werke von Frisch und von Dürrenmatt, aber auch die Dramen von Ibsen und Strindberg, von Shakespeare, Goethe und Schiller, von Tennessee Williams, Osborne, Sartre, Camus und all den anderen klassischen wie zeitgenössischen Autoren gelangten in überzeugenden Inszenierungen auf die Bühne. Und schliesslich machte das Schauspielhaus Zürich nach dem Krieg auch immer wieder mit Gastspielen von sich reden. Es gab die Juni-Festwochen mit ihrem «Theater in vier Sprachen», das Jahr für Jahr für ein volles Haus sorgte. Die «Compagnie Renaud-Barrault» brachte Claudel und Tschechow nach Zürich, Giorgio Strehler seine legendären Goldoni-Inszenierungen, und das Londoner «Old Vic Theatre» eine Aufführung von Shakespeares «Troilus and Cressida», die grossartig war und zum Schreien komisch.

Auf eben diese viel gerühmte Vergangenheit berufen sich heute jene Kreise, die hinter dem Komitee «Rettet den Pfauen» stehen und das Haus zwar von Grund auf sanieren, Bühne, Zuschauerraum und Foyer jedoch nicht durch einen Neubau ersetzt sehen wollen. Genau dies aber soll geschehen, wenn es nach dem Willen der Stadtregierung und des Komitees «Pfauen mit Zukunft» geht, dem unter anderen auch die beiden Intendanten von Blomberg und Stemann angehören. Beide Seiten haben gute Argumente zur Hand. Beide Seiten fordern aber auch Widerspruch heraus.

Ja, die Arbeitsbedingungen hinter der Bühne sind schlecht, manche sagen sogar: unzumutbar. Dass hier Sanierungsbedarf besteht, ist unbestritten. Nur, hängt von Faktoren wie der Grösse von Zufahrtswegen, Lagerflächen und Umbaumöglichkeiten gleich die ganze Zukunft des Theaters ab? Lässt sich, wie von den Befürwortern des Neubaus behauptet, ohne ausgefeilteste Bühnentechnik kein gutes, kein modernes Theater mehr machen? Ich wage dies zu bezweifeln. Denn wenn es den Inszenierungen der letzten Jahre allzu oft an Überzeugungskraft fehlte, dann nicht wegen mangelhafter technischer Ausrüstung, sondern wegen der Überheblichkeit von Regisseuren, die den vorhandenen Stücken misstrauten und glaubten, sie durch willkürliche Eingriffe in deren Substanz ersetzen zu müssen.

Gleichzeitig wage ich aber auch zu bezweifeln, dass allein die Erinnerung an glorreiche Zeiten den Erhalt einer maroden Bausubstanz rechtfertigt. Zugegeben, die historische Bedeutung des Hauses ist einmalig. Der Pfauen ist ein Erinnerungsort des Widerstands gegen den Nationalsozialismus – einer der ganz wenigen in der Schweiz. Was hier geleistet wurde, strahlte weit über die Grenzen unseres Landes hin aus. Und auch nachdem dieser Ruhm verblasst war und die meisten der Emigranten die Schweiz verlassen hatten, ist in diesem Haus immer wieder Theatergeschichte geschrieben worden. Hier sind nicht nur Stücke wie «Der Besuch der alten Dame», «Meteor» oder «Andorra» uraufgeführt worden, hier hat man auch Brecht auf die Bühne gebracht, als dies im deutschsprachigen Westen noch als anstössig galt. Hier hatte Peter Stein seine ersten fulminanten Auftritte, die obwohl oder gerade weil man ihn davonjagte, seinen späteren Erfolg in Berlin begründeten. Und hier war schliesslich eine Zeitlang auch Christoph Marthaler zuhause, dessen Inszenierungen – egal, ob man sie mag oder nicht – Massstäbe im Theaterleben der letzten Jahrzehnte setzten. Nur, reicht es, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen, wenn man ein Theater in die Zukunft führen will?

Argumente und Gegenargumente halten sich in dieser Auseinandersetzung die Waage. Nicht die Technik entscheidet darüber, ob am Pfauen gutes Theater gemacht werden kann oder nicht. Die Geschichte oder, besser, der Erhalt von Bausubstanz tut es aber auch nicht. Gleichwohl wird früher oder später eine Entscheidung fallen müssen. Was mich betrifft, habe ich meine Position bezogen: Ich möchte für den Erhalt des Bestehenden plädieren – nicht nur wegen der Geschichte, aber auch wegen ihr und vor allem wegen des Raums, dessen einmalige Ausstrahlung durch keinen Neubau zu ersetzen ist. Ich kann nicht verstehen, warum Arbeitsbedingungen nicht verbessert und bauliche Mängel nicht behoben werden können, ohne gleich den ganzen Innenraum abzureissen und ihn durch einen Neubau zu ersetzen, der am Ende dann vermutlich aussieht wie ein x-beliebiges Kino. Und vor allem kann ich nicht nachvollziehen, warum von der Bühnentechnik die Qualität des Theaters abhängen soll.

Gutes Theater lebt doch nicht vom Vorhandensein einer Drehbühne, der Anzahl möglicher Umbauten oder der Opulenz seiner Ausstattung. Gutes Theater lebt von der Qualität dessen, was auf der Bühne geschieht: von der Aussagekraft des Stücks, von der schauspielerischen Leistung, der Kongenialität der Regie. Wenn dies alles zusammenkommt, die Sprache, die Spielfreude, die Phantasie und vor allem die Leidenschaft, dann entsteht jene Magie, um derentwillen Menschen seit Urzeiten ins Theater gehen. Dieses Wunder kann sich überall ereignen: auf einer mit modernster Technik ausgerüsteten Bühne, aber eben auch auf einem nackten Holzgerüst oder in einer ausrangierten Werkhalle.

Ich erinnere mich an eine Carmen-Inszenierung von Peter Brook. Da gab es nichts als eine Arena aus Sand und ein Seil, mit dem Carmen die Männer in ihren Bann zog. Die Musik kam ab Band. Ich erinnere mich an einen «Christoph Colombe» von Jean-Louis Barrault. Da hingen auf der Bühne nur ein paar weisse Tücher, die mal den Thronsaal des spanischen Königs abgaben, mal die vom Wind geblähten Segel des Schiffes, mit dem Kolumbus in See stach. Und ich erinnere mich an einen «King Lear» von Giorgio Strehler. Da war am Ende nichts als ein grosses Zelt, durch das ein Riss ging, als das Reich des Königs zerfiel und er sein Liebstes verlor.

In der Kunst gibt es den Begriff der «Arte povera». Vielleicht könnte die Situation am Pfauen ja Anlass sein, sich auf eine Art «teatro povero», ein armes Theater, zu besinnen, auf eine neue Bescheidenheit, eine Reduktion auf das Wesentliche, die den immateriellen Werten wie Talent, Sprache und Imagination den Vorrang vor luxuriöser Ausstattung und technischer Raffinesse gibt. Damit würde auch der Tradition des Hauses Rechnung getragen und, wer weiss, vielleicht ein Ort geschaffen, der nicht nur die Erinnerung an einstige Grösse hochhält, sondern auch Impulse für eine grundlegende Erneuerung des Theaters gibt.

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