Tagebuch des Zeichners

Urs Meier's picture

Tagebuch des Zeichners

Von Urs Meier, 19.05.2021

Die Graphische Sammlung in der Münchener Pinakothek der Moderne zeigt Richter mit einem magistralen Alterswerk.

Als letzte grosse Arbeit hat er im September 2020 drei Kirchenfenster in der Benediktinerabtei Tholey im Saarland fertiggestellt. Darauf gab der damals 88-jährige Gerhard Richter bekannt, er höre mit dem Malen auf. Die Zeit der Herstellung monumentaler Formate in technisch (und vielfach auch körperlich) anspruchsvollen Maltechniken, wie sie zurzeit im Zürcher Kunsthaus in der Landschaften-Ausstellung zu erleben sind, ist für Gerhard Richter vorüber. 

Vom Beginn des Jahres 2020 datiert eine Reihe von Zeichnungen. Entstanden sind sie in dem stillen Kölner Atelier, zu dem die einst so betriebsame Kunstmanufaktur nun geworden ist. Gerhard Richter ist in seinem Gesamtwerk selten mit Zeichnungen hervorgetreten. Es sei, so hat ein Beobachter festgestellt, immer dann geschehen, wenn er für sich selbst etwas habe klären und eine Entscheidung für seine nächste Werkperiode treffen wollen. Sollte dies auch für die jetzt in München ausgestellten späten Zeichnungen zutreffen, so könnte es bedeuten, dass er sich mit diesen Arbeiten zum Entscheid durchgerungen hat, sein Lebenswerk abzuschliessen. Oder heisst es vielleicht, dass nun noch ein grösseres zeichnerisches Oeuvre als letztes Alterswerk erwartet werden darf?

Zu den vor Jahresfrist entstandenen Zeichnungen hat sich der Künstler selbst in gewohntem Understatement geäussert: «Die kleinen Abstrakten Bilder waren (…) eine Erholung, eine Art Altersleichtsinn – ich muss nichts mehr beweisen, ich darf mich etwas gehen lassen. Nicht unkontrolliert, aber nicht mit einem so ausgesprochenen Willen oder einem Ziel …»

Gerhard Richter 28.2.2020, Bleistift und Ölkreide 270 x 400 mm, © Gerhard Richter 2021
Gerhard Richter 28.2.2020, Bleistift und Ölkreide 270 x 400 mm, © Gerhard Richter 2021

Tatsächlich zeugen die 54 Zeichnungen gleichermassen von spielerischer Leichtigkeit und souveräner Gestaltung. Sie gliedern sich in drei Suiten mit festen Querformaten (270 x 400 mm und 210 x 297 mm). In der Pinakothek der Moderne werden sie alle in gleicher Rahmung und streng regelmässiger Hängung gezeigt, um den Seriencharakter hervorzuheben. Mit Fettkreide, Bleistift und Fineliner sowie mit Frottagen und Schab- oder Kratztechnik ist die erste Suite entstanden; lediglich Bleistift und Radier- sowie Laviertechnik bestimmen die zweite; gepinselte, lavierte und mit der Feder gezogene Tusche sowie Bleistiftlinien geben der dritten ihren ganz eigenen Charakter.

Gerhard Richter 15.4.2020, recto, Bleistift und farbige Tusche, 210 x 297 mm, © Gerhard Richter 2021
Gerhard Richter 15.4.2020, recto, Bleistift und farbige Tusche, 210 x 297 mm, © Gerhard Richter 2021

Gemeinsam ist den 54 Blättern die Spannung zwischen einem manchmal verborgenen, manchmal dominanten Gerüst aus geraden, mit dem Lineal gezogenen Linien und der freien Gestik von Frottagen, Schraffuren, Krickelaturen. Bei den lavierten Tuscheflecken kommt ein Zufallsmoment ins Spiel, erst recht da, wo deren Durchscheinen auf der Rückseite des Papiers zum Anlass für eine neue Komposition genommen wird. Dadurch ist die Mehrzahl der getuschten Blätter recto und verso ausgeführt, also beidseitig zu betrachten.

Gerhard Richter 15.4.2020, verso, Bleistift und farbige Tusche, 210 x 297 mm, © Gerhard Richter 2021
Gerhard Richter 15.4.2020, verso, Bleistift und farbige Tusche, 210 x 297 mm, © Gerhard Richter 2021

Die Blätter drei Suiten sind tages- oder monatsgenau datiert. Entstanden sind sie zwischen dem 25. Januar und dem 15. Mai 2020. Einmal sind es vier, ein anderes Mal gar sechs am gleichen Tag. Der erste Corona-Lockdown fällt in diese Zeit. Vielleicht hat er zu der kontemplativen Einkehr des Künstlers im leeren Atelier das Seine beigesteuert. Dort also hat der alte Mann diese wundersam neue Serie von Bildwerken kreiert, während draussen ein neuartiges Virus die Welt erschreckt und lahmgelegt hat. Die Zeichnungen sind ein Tagebuch, der Niederschlag eines Nachdenkens über den erreichten eigenen Ort in der Kunst und die noch nicht begangenen Reviere. 

Ob die Bilder auch einen Reflex auf Corona enthalten? Schwer zu sagen; auch ihr Urheber wäre wahrscheinlich überfragt. Richter ist ja kein Darsteller von Befindlichkeiten und Stimmungen. Aber es könnte schon sein, dass er sich trotz der Pandemie, sozusagen «erst recht», auf seine Kunst konzentriert und so der Seuche die Reverenz der Furcht verweigert hat. Aus den Zeichnungen spricht, wie mir scheint, eine heitere Gelassenheit – nicht als Stimmung, sondern als Haltung.

Der junge Gerhard Richter war stark vom Abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock und vom Informel eines Wols beeindruckt. Er lernte beider Werke an der Documenta II 1959 in Kassel kennen, und es war diese westliche Avantgarde beziehungsweise deren Verteufelung im Sozialismus, die ihn wenig später, kurz vor dem Mauerbau, zusammen mit seiner Frau zur Flucht aus Ostdeutschland bewog. Einflüsse von Pollock, Wols und besonders auch von Duchamp widerhallen als fernes Echo in Richters Frühwerk, und nun scheint es, als hätten sie im Spätwerk der jüngsten Zeichnungen wieder an Gewicht gewonnen. Zu erkennen ist dies in Richters klaren Absagen an Konventionen meisterlichen Zeichnens. Kopf und Hand des mythisierten kreativen Genies bekommen Konkurrenz sowohl mit dem Einbezug des Zufälligen wie mit dem gewissermassen entgegengesetzten Extrem, der Benutzung des Lineals.

Gerhard Richter 10.4.2020, Bleistift, 210 x 297 mm, © Gerhard Richter 2021
Gerhard Richter 10.4.2020, Bleistift, 210 x 297 mm, © Gerhard Richter 2021

Richter hat immer wieder Kunst und Anti-Kunst dicht zueinander gerückt und in deren wechselseitiger Spannung das eigentliche Thema vieler seiner Werke verortet. Dabei hat er die intellektuelle Dimension dieser Konfrontation zwar anvisiert, sie aber auf ähnliche Weise verwischt wie den Realismus seiner nach Fotografien gemalten Szenen. Primär geht es ihm nicht um Debatten, sondern um praktizierte Ästhetik: um die Wiedergewinnung des Schönen nach dessen Dekonstruktion und Destruktion in einer von Reflexionszwängen umstellten Kunstpraxis. Und in der Tat: Die 54 Zeichnungen sind hinreissend. Einige der Blätter sind unverschämt, ja schamlos schön. Sie sind es so umstandslos, so direkt, dass die Gefahr des Kitschs drohte, wäre die Machart der Zeichnungen nicht sichtlich experimentell und riskant.

Die Staatliche Graphische Sammlung München zeigt die 54 Zeichnungen zusammen mit drei grauen Spiegeln und einer Kugel. Die Spiegel dämpfen und verwischen, was sie zeigen. Sie konfrontieren die Betrachtenden mit einem Bild ihrer selbst, auf dem die Last und vielleicht die Wohltat des Unklaren liegt. Die in einer Vitrine ausgestellte Edelstahlkugel (auch im Kunsthaus Zürich liegt eine) ist demgegenüber und auch im Kontrast zu den Zeichnungen das sich vollkommen selbst genügende Objekt, das keiner Interaktion und Interpretation bedarf, um etwas zu bedeuten. 

Corona zwingt das Museum zu einem strengen Regime für den Besuch der Ausstellung, die überdies nur kurze Zeit zu sehen ist. Glücklicherweise kann der Katalog als vollwertige Variante der Präsentation gelten. Das Buch zeigt die reproduzierten Zeichnungen im Originalformat und in hervorragender, vom Künstler bei der Produktion beaufsichtigter Qualität. Ein Glücksfall!

Staatliche Graphische Sammlung München / Pinakothek der Moderne: Gerhard Richter – 54 Zeichnungen, 3 graue Spiegel, 1 Kugel, bis 6. Juni 2021

Nachtrag: verlängert bis 22. August 2021

Katalog erschienen beim Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2021

Durch Klick auf das Titelbild erscheinen die Fotos des Artikels in grösserer und besserer Darstellung in einer Bildergalerie.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Warum sollte man sich für so etwas interessieren, in einer Gesellschaft, in welcher auch Gesundheitsversorgung offenbar kein Grundrecht mehr ist.

Sie brauchen keine Ausrede, wenn Sie sich nicht für Kunst interessieren. Es ist o.k.

Das ist jetzt aber eine Unterstellung, Herr Meier, denn das habe ich ja nicht gesagt. Ich würde eher beklagen, dass es sich in gewisser Weise um ein Nullsummenspiel handelt. Das allerdings ist sicher eine Frage des Standpunktes. Zu dem aber auch die Frage der Lebenssicherheit gehört und eigentlich doch der Glaube, die Kunst würde in irgendeiner Weise zur Verbesserung des Lebens aller beitragen. Ich bin nicht der Einzige, der seit Langem ernüchtert ist. Man mag das als naiv bezeichnen, aber dann gilt der Satz eben doch. Denn zynische Kunst brauche ich zumindest nicht, mein Umfeld auch nicht. Die Frage dabei, ob einfach nur der Betrieb zynisch ist, die Kunst aber nicht, ist irgendwie hinfällig, sicher ab einem gewissen Punkt, eher doch generell. Ich weiss, das ist eine ewige Frage...

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren