Seien wir pingelig

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Seien wir pingelig

Von Heiner Hug, 25.09.2020

68 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer

An diesem Wochenende finden in der Schweiz Abstimmungen und Wahlen statt.

Wir werden dann lesen und hören: 72 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben die Vorlage abgelehnt.

Natürlich wissen alle, was damit gemeint ist. Falsch ist es trotzdem.

Denn: Nicht alle Schweizerinnen und Schweizer dürfen an der Abstimmung teilnehmen: Es gilt das Stimmrechtsalter 18 oder 20.

Es müsste also heissen: 72 Prozent der stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer haben die Vorlage abgelehnt.

Das ist weniger falsch, aber noch immer falsch.

Denn: Nicht alle, die stimmberechtigt sind, haben auch an der Abstimmung teilgenommen. Die Stimmbeteiligung betrug 42 Prozent. Richtig wäre also: „72 Prozent der an der Abstimmung mitwirkenden stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer haben die Initiative abgelehnt.“

Oder: „72 Prozent der stimmberechtigten stimmenden Schweizerinnen und Schweizer ...“

Oft heisst es auch: „Das Stimmvolk hat die Initiative mit 74 Prozent gutgeheissen.“ Nein, nicht das ganze Stimmvolk hat entschieden, sondern nur der an der Abstimmung teilgenommen habende Teil des Stimmvolkes ...

Eine angeblich elegante, immer wieder gelesene und gehörte Form ist: 63 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sagten an der Urne Ja zur Vorlage XY ...

An der Urne? Und die Briefwahl? Richtig müsste es heissen: „63 Prozent der stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer, die zur Urne gegangen sind oder an der Briefwahl teilgenommen haben, sagten Ja ...“

All das ist nicht nur pingelig, sondern kompliziert, langfädig und etwas lächerlich. Bleiben wir dabei: „82 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sagen Nein ...“

Das ist zwar nicht ganz richtig, aber wir Schweizerinnen und Schweizer mit unserem tiefsitzenden Demokratieverständnis wissen, was damit gemeint ist.

Kommentare

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Diese Überlegungen gefallen mir sehr gut und müssten eigentlich allen bekannt sein. Im Weiteren könnten wir auch darauf hinweisen, dass letztendlich es die Minderheit der Gesellschaft ist, die die Abstimmungen gewinnen und somit deren Auswirkungen bestimmen.

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