Schweizermacher in Oftringen

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Schweizermacher in Oftringen

Von Willy Schenk, 17.04.2016

Oftringen ist eine gewöhnliche Aargauer Gemeinde mit etwa 14'000 Einwohnern. Die Gemeindeversammlungen werden in der Regel eher schlecht als recht besucht. Aber am 7. April war alles anders.

Bei der Einbürgerung des Baggerführers Rocco Florio und seiner Frau kam es zu einem Aufstand. Der Sitzungsaal war so voll wie schon lange nicht mehr. Die Einbürgerungskommission und damit auch der Gemeinderat hatten das Einbürgerungsgesuch zur Ablehnung empfohlen. Aber nach einer markanten Diskussion wurden der Baggerführer und seine Frau mit 144 Ja gegen 15 Nein eingebürgert.

Die Einbürgerung gehört in Oftringen schon längst zur Routine und man hat sich daran gewöhnt, vor Budgetquerelen und Schulhausbauten ein halbes Dutzend neue Bürger aufzunehmen. Rocco Florio kam 1963 mit 18 Jahren aus Apulien in die Schweiz. Zuerst war er Hilfsmonteur und später Lastwagenchauffeur. Als Unternehmer mit eigenem Bagger wurde er in Oftringen zu einer Institution. Mit seiner Maschine war Rocco so vertraut wie ein Musiker mit seinem Instrument. Und wer je eine Baugrube oder eine Art von Aushebung braucht, findet in Rocco einen Fachmann, der jeden Wunsch schnell und kompetent erfüllt.

Gegen den Gemeinderat

Rocco war aber nicht nur der ideale Baggerführer, sondern er gehörte auch während 20 Jahren zur Oftringer Feuerwehr. Sein Schweizerdeutsch behält bis heute einen markanten italienischen Akzent. Aber wenn das Deutsch bei ihm und seiner Frau noch verbessert werden könnte, so sitzt beim Bagger- und Wendrohrführer jeder Griff. Als der Gemeinderat auf Empfehlung der Einbürgerungskommission das Gesuch der Florios zur Ablehnung empfahl, löste dies in der Gemeinde spontane Empörung aus und bewirkte, dass die jüngste Gemeindeversammlung so gut besucht wurde wie schon  lange nicht mehr.

Während die Kommission über das mangelhafte Deutsch und die fehlenden Kenntnisse in Schweizergeschichte klagte, rühmten verschiedene Bürger die Taten des Baggerführers und Feuerwehrmannes. Taten statt Worte war das Motto und die Abstimmung wurde zu einer stürmischen Ovation. Wer je am Sinn einer direkten Demokratie gezweifelt hatte, erhielt hier eine Lektion. Frustriert wirkte der Sprecher der Einbürgerungskommission, die sich genau an die kantonalen Vorgaben gehalten hatte. Die übergeordnete Behörde des Kantons kann die Entscheidung tatsächlich noch korrigieren, indem sie die Genauigkeit der Kommission belohnt und 144 Oftringern eine Ohrfeige verpasst.

Kniefall vor der Fahne verlangt

Eine säuerliche Reaktion kam schon zwei Tage später im Regionalblatt, wo ein Schreibtischmensch fand, der vierschrötige Praktiker aus Süditalien hätte trotz seiner Tüchtigkeit ein paar Stunden mehr Schweizergeschichte büffeln können. „Bescheidenheit statt Stolz“ lautete der Titel über dieser Belehrung. Als Normalverbraucher kann man da nur beifügen, wer von Rocco Florio Bescheidenheit fordert, ist dem fröhlichen Schaffer noch nie begegnet. Und wer einen prestigebewussten Kniefall vor unserer Fahne verlangt, müsste vielleicht wieder einmal Schillers Wihelm Tell vornehmen, wo unser Nationalheld diesen Kniefall verweigert.  

Kommentare

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Es wäre noch interessant zu wissen, in welcher parteipolitischen Zusammensetzung der Gemeinderat von Oftringen ist? Dass SVP-ler den Ton angeben, scheint auf der Hand zu liegen. Aber wenn auch FDP-ler dagegen waren, erstaunt die Ablehnung der Einbürgerung schon eher. Was ich nicht annehme, ist, dass mehr als ein Sozi, wenn überhaupt, im Gemeinderat sitzt. Im Übrigen ein Beispiel mehr, dass die Schweizermacher so aktuell sind wie eh und je.

Der Vorschlag, vor der Gemeindeversammlung, den Italiener dann einzubürgern kam meines Wissens von der SVP.
Der GR besteht übrigens aus 2 SVP, 1 FDP, 1 SP und dem bürgerlich-parteilosen Gemeindeammann. Der GR hat sich ja nur an die Empfehlung der Einbürgerungskommission gehalten, wozu er verpflichtet war.

Dass die Bürger die Mitglieder des Regimes auswendig aufsagen können müssen, war in der DDR ebenso Pflicht wie in den von Schneider-Ammann umhöselten totalitären Partnersystemen Aserbeidschan, Kasachstan, China, Saudiarabien etc., mit denen er und seine Kollegen nicht müde werden, Nähe und freundschaftliche Beziehungen zu suchen. Wer sich die Portraits von Maurer und J.S-A und die AHV-Nummer auf den Unterarm tätowieren lässt, bekommt einen Diplomatenpass und ein Abo für lebenslängliche Psychotherapie ohne Test geschenkt.

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