Quid pro Quo, oder: Ist der Euro noch sicher?

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Quid pro Quo, oder: Ist der Euro noch sicher?

Von Heribert Genreith, 31.03.2013

Liebe Leser, ehrlich gesagt ist mir ein dümmerer Titel als „Ist der Euro noch sicher?“ nicht eingefallen. Im historischen Kontext ist natürlich keine Währung “sicher”.

Wenn alle Währungen eines gemeinsam haben, dann ist es der Fakt, dass sie alle und ohne Ausnahme irgendwann verfallen. Die eine früher, die andere später, manche schleichend, manche scheinbar plötzlich. Oder zahlt etwa jemand von Ihnen noch mit Reichsmark oder dem guten alten Thaler?

Die bange Frage

Gut, sollten sie noch einen von Letzterem besitzen so hat er einen durchaus respektablen Sammlerwert, aber unmittelbar damit zahlen können Sie natürlich nicht. Und so ist und war es mit allen Währungen, vom römische Denar über das britische Pfund bis zum aktuellen Euro und Dollar ebenfalls. Nur letztere haben zweifellos noch etwas Lebenszeit vor sich. Nur wie lange, ist die bange Frage?

Dass man überhaupt nur ungestraft der Lächerlichkeit so dümmliche Fragen wie, „Ist der Euro noch sicher?“, in den Titelzeilen der internationalen Medien stellen darf, bedarf wenigstens eines kleinen historischen Essays, bevor ich am Ende auf einige aktuelle Fragen der Euro-Ökonomie eingehe.

Der Wertzerfall

Natürlich, etwa beim britischen Pfund könnte man einwenden, dass es diese Währung nun schon seit Jahrhunderten gibt. Genauer gesagt, schon seit König Offa der im Jahre 757 seinen Dienst antrat, und die neue Währung in Anlehnung an den auf dem ehemaligen römischen Denar basierenden Währung von Karl dem Grossen schuf. Der Silver Penny als Basis des Pfunds, das darin bestand, dass 240 karolingische Denare eine libra oder eben genau ein Pfund wog. Seitdem aber hat das Pfund unzählige Währungsreformen durchlaufen, geblieben ist jeweils nur der Name.

Was den Bürger dagegen interessiert, nämlich der Wert des Pfundes, der änderte sich in ständig wiederkehrenden Rhythmen. Alleine das moderne Pfund verlor auf Basis von 1971 gerechnet rund 91% seines Wertes: Von der Kaufkraft eines britischen Pfundes in 1971 blieben bis 2010 gerade einmal 9,1 Cents oder Pennies übrig. Der römische Denar, das britische Pfund und der US-Dollar sind dabei sogar die seltenen Ausnahmen gegenüber den unzähligen vergessenen Währungen der Welt, die ständig kommen und gehen und nur in der verblassenden Erinnerung der Menschen bestehen können: der Denar und das Pound und zur Zeit der Dollar, waren oder sind Weltwährungen, die grundsätzlich etwas länger überleben können als rein nationale Währungen. Römischer Denar und britisches Pfund sind übrigens auch Repräsentanten der beiden historisch grössten Weltmächte der Ersten Welt, sie überlebten daher immerhin viele Jahrhunderte. Allerdings nur um den Preis gewaltiger Inflationen, und sie überlebten in der Tat eher dem Namen und der gefühlten Bedeutung nach.

Quid pro Quo

Was Geld oder sein Äquivalent in Währung tatsächlich bedeutet, lässt sich an der Namensgebung des Pfunds im englischen Volkstum verdeutlichen. Eine allgemein gebräuchlicher Ausdruck für das Pfund ist neben „Sterling“ auch der Name „Quid“. Dieser kommt vermutlich vom lateinischen Wortspiel für Geld, welches lautet „quid pro quo“. Wörtlich übersetzt also ungefähr „etwas für etwas anderes“. Und ja, Quid pro Quo, viel genauer kann man die Bedeutung von Geld bis heute eigentlich nicht übersetzen. Insbesondere das „pro quo“, das Andere, macht die Bedeutung und den Grund für die ständigen Untergänge der Währungen aus. Denn das Pro Quo ist nichts anderes als das Neudeutsche Bruttoinlandsprodukt, oder kurz BIP, was im englischen GDP für „gross domestic product“ heisst.

Denn, was mit allen Währungen über kurz oder lang passiert ist, dass man viel mehr davon herausgibt als es an kauf- und handelbarem BIP tatsächlich gibt. Dazu kommt noch verheerender, dass es sich in diesem historisch ständig wiederkehrenden Prozess zunehmend und bevorzugt in nur wenigen Händen anhäuft. Ein Effekt, der in jedem Jahrhundert seit Menschengedenken zu wenigstens einem ebenso verheerenden Umsturz oder Krieg geführt hat, der die mit dem Geldgebrauch angehäuften Widersprüche dann wieder einigermassen ausgeglichen hat. Nur dafür, dass das alte Spiel danach wieder von Neuem beginnen durfte. Nichts Neues zwar für Historiker, jedoch für viele Ökonomen, Politiker, Investoren, Unternehmer und auch Bürger ein Zusammenhang, der gar nicht gerne gesehen wird. Die Gründe für diese verbreitete Wahrnehmungsverzerrung sind dabei durchaus unterschiedlicher Natur.

Der Zeithorizont des Menschen

Dem „Bürger“, zu dem natürlich auch alle oben angeführten Personen in unterschiedlichen Proportionen angehören, ist kaum ein Vorwurf zu machen. Der Mensch als solcher denkt im allgemeinen kurzfristig, erst recht wenn er „Investor“ ist. Das ist allerdings weniger seiner „Gier“ als Investor mit dem Schielen auf möglichst kurzfristigen und hohem Gewinn geschuldet, als seinem archaischen Instinkt. Eine hohe Lebenserwartung nämlich durfte sich der Mensch nie ausrechnen, bevor die moderne Medizin und Pharmazie Allgemeingut wurde. Und das ist noch nicht lange her, eigentlich erst seit guten hundert Jahren.

Seit Urzeiten war er dagegen mit durchschnittlichen 35 Jahren Lebenserwartung gut bedient und noch um 1900 erlebte nur jeder zweite Geborene überhaupt seinen fünfzehnten Geburtstag. Tatsächlich war es weder sinnvoll noch notwendig, über längere Zeiträume seine Gedanken zu verschwenden. Tatsächlich reichte es, sich Gedanken über den kommenden Winter zu machen. Um das Überleben zu sichern, war es nur sinnvoll seine Energie auf Zeiten- und auch Raumhorizonte zu verwenden, die höchstens ein oder zwei Jahre betrugen, und einen Raum zu umfassen, den man in typischen zwei Tagesmärschen betreten konnte.

Der Pub auf Mallorca

Auch wenn wir heute gelernt haben, unsere Dimensionen erheblich zu erweitern, historische Bücher schreiben und mit Düsenjets in wenigen Stunden praktisch jede Stelle der Welt erreichen können, so hinkt unser kulturelles Denken dem zivilisatorischen Fortschritt immer noch weit hinterher. Erkennbar u.a. auch an der Unzahl der „English Pubs“ oder „Deutschen Kaffestuben“ etwa auf Mallorca, wo sich dann selbstredend genau die angesprochene Klientel wiederfindet, so als wäre der Sinn der Reise nur gewesen, sein eigenes kleines kulturelles Eiland anderswo wieder- und sich selbst sicher zu finden.

Vorwerfen darf man dagegen der wissenschaftlichen Ökonomie des letzten und des angehenden Jahrhunderts, dass diese, trotz der eindeutigen Evidenz der ständigen Auf- und Abstiege, der Untergänge und Katastrophen, der Kapitalkrisen und damit verbundenen Revolutionen und Kriege, dass diese eine (Kapital-)Krise in ihren Standardmodellen der Wachstumsökonomie überhaupt nicht kennen. Nicht kennen können, weil sie in den klassischen mathematischen Modellen der Ökonomie nämlich praktischerweise und grundsätzlich erst gar nicht verbaut wurden.

Ein zweifelhaftes Prinzip

Ich möchte Sie hier nicht mit Mathematik foltern, jedoch sei nur erwähnt, dass diese klassischen Wachstums-Modelle alle nach dem selben zweifelhaften Prinzip funktionieren: Ganz zu Anfang definiert man sich das gesuchte Ergebnis Y=f(K) schon mal selbst, wobei ad hoc schon eine positive Wirkung des Kapitals implementiert wird. Um dann mit viel wissenschaftlichem Getöse „festzustellen“, dass sich das Kapital K „zweifellos“ positiv auf die Entwicklung des BIP Y auswirken müsse. Nicht verwunderlich also, wenn die ökonomische Politikberatung dahingehend funktioniert, dass man angeblich nur reichlich mehr Kapital in den aufgeblasenen Ballon pumpen müsse, um endlich Erfolg zu haben. Dummerweise ist aber das Gegenteil der Fall, was man auch schon ohne analytische Mathematik zu bemühen an den Realzahlen erahnen kann:

Die obigen drei Kurven sind die veröffentlichten Zahlen der Bundesbank und des Statistischen Bundesamtes für Deutschland von 1950 bis 2010. Die untere Kurve ist das BIP, die obere die Bilanzsumme aller deutschen Kreditinstitute, die mittlere Kurve die direkten Kredite davon in das BIP. Man sieht sofort, dass die Schere zwischen Vermögen (Assets, CAP) und verfügbaren BIP (GDP) mit der Zeit immer weiter auseinander klafft.

Vermögen fressen Wachstum

Alle diese Assets aber wollen Renditen erwirtschaften, welche wiederum im Endeffekt nur aus dem BIP kommen können. Ein Zusammenhang, der schon daran erkennbar ist, das Aktiva und Passiva der Banken immer in gleicher Höhe vorliegen müssen. Jedem Vermögen (Passiva) steht eine gleich hohe Schuld (Aktiva) eines anderen gegenüber. Einer, allerdings bei weitem nicht der einzige, dieser Hauptschuldner ist bekanntermassen der Staat.

Weitere Schuldner sind Konsumenten, Unternehmen und die Banken selbst in jeweils vergleichbarer Grössenordnung. Der Effekt am Ende der Schere ist, dass die Renditeforderungen der - in relativ immer weniger Händen angehäuften - Vermögen endlich jedes noch mögliche Wachstum sofort auffressen. Üblicherweise dauert ein solcher Prozess bis zur Krise etwa 60 Jahre, ausgehend von der letzten Währungsreform, sofern er nicht wesentlich durch externe Effekte gestört wird.

In obigen Bild sieht man zur besseren Verständlichkeit die Kurven normiert auf das BIP=1. Wie man sieht, hat sich im Laufe der Nachkriegsjahre bis heute dort wesentliches verändert. So betrug das Verhältnis von Vermögen bzw. Schulden zum BIP im Jahr 1950 nur weniger als 0,4=40%. In 2010 war dieser Wert jedoch auf gewaltige ca. 340% angewachsen. Ebenso die Menge der direkten Kredite ins BIP (Kredite der Geschäftsbanken sowohl für Investitionen als auch Konsum), sie überstiegen seit 1982 100% des BIP, gipfeln um das Jahr 2000 bei 147% und nehmen seitdem zum Erschrecken der Ökonomen wieder ab.

Fakt ist jedenfalls: Schon seit langem ist das BIP vollgesogen mit Krediten. Da kann man sich sehr darum bemühen, noch mehr hinein zu quetschen, aber da geht beim besten Willen nicht mehr viel. Um so mehr allerdings beim sogenannten Investmentbanking oder Bankeneigengeschäft, wo im wesentlichen mit Finanzprodukten ohne unmittelbare BIP-Beteiligung, und zudem zwischen den Finanzinstituten, gehandelt wird. Dieser Bereich macht inzwischen den absoluten Löwenanteil der Finanzökonomie aus; er ist inzwischen rund doppelt so gross wie das eigentlich BIP der Nation.

Die Situation sieht prinzipiell für alle entwickelten Nationen des Westens, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, ähnlich verheerend aus. Ökonometrisch kündigen sich Finanzkrisen an, wenn der totale Kapitalkoeffizient CAP/GDP den Wert 300% überschreitet oder der Wert der Kredite ins BIP sich erstmals der Marke von 140 bis 150% nähert, oder die gesamte Bilanzsumme des Geschäftsbankenmodells unter den Wert des Bankeneigengeschäfts fällt. Dieser Zustand trat für die BRD etwa im Jahre 2001 auf. Für die Gesamtbilanz der EU-17 Staaten sieht es seit 2006 auch nicht mehr besser aus, wie die nachfolgende Graphik zeigt.

Der 2. Teil des Beitrags von Heribert Genreith erscheint am Donnerstag, den 4. April 2013, unter dem Titel: Die spezielle Problematik des Euro


Heribert Genreith ist Referent im Bundesministerium des Inneren, Bonn, und wissenschaftlicher Leiter des Beratungsunternehmens IFARA. Genreith studierte zunächst Geschichte, Germanistik und Philosophie, wechselte zur Geophysik, Abschluss in Theoretischer Plasmaphysik mit Modellrechnungen zu Elektromagnetischen Wechselwirkungen des Jupiters mit seinem Mond Io. Von Heribert Genreith liegt auch ein Lehrbuch zur Allgemeinen Relativitätstheorie vor. Er schreibt regelmässig einen Blog

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