PKWs katalogisierte Welt

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PKWs katalogisierte Welt

Von Annette Freitag, 20.01.2015

Wie durch ein Mikroskop betrachtet er die Welt. Nicht die grossen Dinge, die kleinen und scheinbar unwichtigen haben es ihm angetan. Das ist sogar in Kalifornien aufgefallen.

Später Nachmittag. Ich bin mit PKW im Dada-Haus. Sie müssen jetzt nicht denken, dass ich mit dem Auto dort reingeprescht wäre. Dieser PKW ist kein „Personenkraftwagen“, also kein Auto, sondern ein Autor: Peter Konrad Wehrli, den alle nur PKW nennen, und der kann nicht mal autofahren. „Ach, ich vermisse das gar nicht“, wehrt Wehrli gleich ab. „Ich habe immer das Gefühl, wenn ich nur schon als Beifahrer im Auto sitze, dann fahre ich an den Landschaften vorbei, statt in sie hinein.“

Das Lebenswerk

Genau. So ist der PKW. Richtig hineinknien will er sich, nicht nur oberflächlich und flüchtig durch seine Welt flanieren. Das klingt jetzt , als wäre er Wissenschaftler, aber trotz seiner Genauigkeit, mit der er den Dingen wie ein Forscher auf den Grund zu gehen versucht, ist Wehrli Künstler und Literat. Wobei: das eine muss das andere ja wirklich nicht ausschliessen…

Also: PKW reist seit Jahrzehnten durch die Welt, am liebsten in portugiesisch-sprachige Länder und ausschliesslich mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Auf dem Tisch liegt ein Buch. „Catalog of Everything“ heisst es. Herausgegeben von der University of California, Berkeley. Autor: Peter K. Wehrli. Er blättert in dem Buch, das ganz frisch herausgekommen ist, und die Freude darüber ist ihm anzusehen. Denn dieser „Katalog von Allem“ ist sein Lebenswerk. Natürlich nicht erst, seit er in dieser englischsprachigen Ausgabe vorliegt. Sondern schon seit mehr als 45 Jahren.

Peter K. Wehrli, 75, ist Schriftsteller und war Kultur-Redaktor beim Schweizer Fernsehen SRF     

Foto © Rara Coray
Peter K. Wehrli, 75, ist Schriftsteller und war Kultur-Redaktor beim Schweizer Fernsehen SRF Foto © Rara Coray

Angefangen hat alles mit einem Missgeschick. PKW sitzt im legendären Orient-Express und tritt die lange Reise nach Beirut an. Im Zug von Zürich in den Libanon! Kaum ist der Zug abgefahren, durchzuckt PKW ein Riesenschreck. Der Fotoapparat, der die aufregende Reise dokumentieren sollte, war zuhause liegen geblieben…. Was nun? Auf die Schrecksekunde folgte der Geistesblitz. PKW beschloss, die Bilder in Worte zu fassen und seine Beobachtungen katalogartig nummeriert im Notizbüchlein festzuhalten. Gesagt, getan.

Zu Beginn konnten PKWs Freunde und jene, die es werden wollten, den „Katalog von Allem“ als Aktenordner abonnieren. PKW lieferte immer wieder neue Blätter mit seinen Beobachtungen aus der Welt und aus dem Leben. Aus den losen Blättern ist schliesslich ein dickes Buch mit über 400 Seiten und 1111 Katalognummern aus 31 Jahren entstanden. Das war 1999. Seither sind vier Ausgaben erschienen, die letzte 2008 im Ammann-Verlag. Und PKW schreibt munter weiter. „Ich muss das ja“, sagt er. „Sonst wäre der Titel ‚Katalog von Allem‘ eine Anmassung. Ich kann erst aufhören, wenn wirklich alles beisammen ist.“

Buchdeckel der Berkeley-Ausgabe
Buchdeckel der Berkeley-Ausgabe

Inzwischen hat sich die Universität von Berkeley dieses eigentümlichen Konglomerats von Beobachtungen angenommen. Wie aber kam Berkeley überhaupt dazu? Das liegt ja nun wirklich nicht auf der Hand…. „Das muss 2011 gewesen sein“, erzählt PKW. „Ich war damals auf Lesetournee durch kalifornische Universitäten. Da nahm Jeroen Dewulf, der Germanistikprofessor von Berkeley mit mir Kontakt auf. In einem Seminar wollte er mit seinen Studenten ein Buch herstellen. Sie sollten lernen, wie man lektoriert, korrigiert, übersetzt und so weiter, dies alles anhand des ‚Katalogs von Allem‘ .“ Der Professor ist auch Nachlassverwalter von Hugo Loetscher, hat also offenbar eine Affinität zu schweizerischer Literatur. Und nun liegt das Buch vor. Dewulf und seine Studenten haben in ihre Auswahl auch jene Katalogpunkte hineingenommen, die PKW auf seiner Reise durch Kalifornien notiert hat. Und die Berkeley-Mannschaft hat noch ein paar „other stories“ beigefügt, wie es im Titel heisst. Die sind natürlich auch von PKW.

Wie ist es denn, die eigenen Texte in einer anderen Sprache zu lesen? „Das ist ganz toll“, sagt PKW voller Begeisterung. Und mehr noch: „Den eigenen Text in einer fremden Sprache vorzulesen, das ist ein aufregendes, sinnliches Erlebnis.“ Allerdings müsse er das auch vorher üben, gibt er zu. „Das mache ich mit Hilfe eines Aufnahmegeräts, bis die Sprache wirklich sitzt. Ich fühle mich dann wie ein Kind, das seine Muttersprache lernt. Denn so wie ein Kind die Dinge vor sich sieht, die es sprachlich benennen soll, habe ich den deutschen Text intus. Und dadurch, dass ich lerne, ihn in immer neuen Sprachvarianten auszusprechen, ist dies die tauglichste und nachhaltigste Art überhaupt, eine Sprache zu lernen.“

Das Unwichtige wird wichtig

Der „Katalog von Allem“ beschäftigt PKW bald einmal seit 50 Jahren. Er ist zu einer Art Motor für ihn geworden, der ihn ständig in Bewegung hält. Vor allem geistig. Was PKW im Alltag sieht, formuliert er automatisch zu einem Katalog-Text. „Ich mache das nicht absichtlich. Es passiert einfach, es läuft mit. Es ist eine Begleiterscheinung des Wahrnehmens, des Sehens, des aufmerksam Sehens. Ich kann das gar nicht stoppen. Ich will es auch nicht stoppen, sondern ich bin glücklich, dass es so läuft und gewissermassen selbstverständlich wird“.

Eine der Hauptaufgaben des Katalogs, dies unterstreicht PKW ausdrücklich, sei es, dass die Bedeutungslosigkeit der Dinge in der Beobachtung wichtig wird. „Also: Ich sehe etwas ganz Unscheinbares, dieses Astloch zum Beispiel,“ PKW zeigt auf das Holz der Tischplatte hier im Dada-Haus, „und nur schon dadurch, dass ich es ansehe und gezwungen bin, genau hinzusehen, bekommt es plötzlich eine Bedeutung. Das Unwichtige wird wichtig, das Banale wird mit Würde versehen, das Beiläufige erhält Aufmerksamkeit. Ich durchlaufe damit eine Schule des Wahrnehmens, die mir unheimlich gut tut.“

Nie abgeschlossen

Bei dieser Unmenge von in Worte gefassten Beobachtungen fragt man sich natürlich auch, ob PKW zwischendurch nachliest, was er vor Jahren einmal geschrieben hat. Schliesslich ist das ja auch so ein bisschen wie ein Tagebuch, was er da in loser Folge zusammengetragen hat. „Ja, ich lese immer mal wieder alte Katalognummern“, sagt PKW. Spannend sei für ihn aber nicht das Wieder-Lesen, sondern das Weiter-Schreiben. Also: „Wenn ich das lese, will ich es auch wieder verändern, ich will an diesen Texten weiterkneten. Die sind nie abgeschlossen. Wer weiss, vielleicht kommt der Text auch irgendwann zu seiner endgültigen, ultimativen Formulierung, an der wirklich überhaupt nichts mehr geändert werden kann, keine Silbe, kein Satz… daran arbeite ich….“

Und? Hat er das Gefühl, dass die Formulierung je einmal endgültig sein wird? „Nein!“

Genau und komprimiert

In gewissem Sinne hat PKW mit dieser Art, Beobachtungen in knappen Worten festzuhalten, Twitter vorausgenommen. „Ja, das hat was…“ , meint er und denkt gleich weiter. „Da sprechen wir etwas an, das mir sehr wichtig ist: genau und komprimiert, das sind die entscheidenden Begriffe.“ An der Langfristigkeit des „Katalogs von Allem“ sieht man aber auch, dass er dies bereits praktiziert hat, lange bevor Twitter, Facebook, SMS & Co erfunden waren. Dazu zählt auch der Rap. „In unserer Performance ‚Alles von Allem‘ die wir 1985 im Hechtplatz-Theater aufgeführt haben, gab es bereits Rap-Sequenzen. Das habe ich erst kürzlich realisiert, als ich Filmaufnahmen von diesem Anlass gesehen habe und dachte, he, hallo….!“ Und nicht nur das. „Jetzt freut es mich auch ganz besonders, dass Hazel Brugger, die Rap-Königin der Schweiz, an der Uni Zürich eine Seminararbeit über den ’Katalog von Allem‘ geschrieben hat.“

Grossartig findet er das und er freut sich riesig darüber. „Ich glaube, ich muss der Hazel das mal sagen..“, meint er dann noch und ist in Gedanken schon bei seiner nächsten Katalog-Eintragung. Nummer 1922 wird es dann sein. PKW trinkt sein Bier aus, steckt den „Catalog of Everything“ in seine Schultertasche, und geht.

Hier die neuesten, noch unveröffentlichten, drei Nummern aus dem „Katalog von Allem“:

1919. das Längenmass

die Flötistin Regula Schwarzenbach, die beim Konzert in Uster so intensiv mit ihrem Instrument verschmolzen schien, als würde es ihr zum Mass aller Dinge, zum Längenmass, so, dass ich, wenn ich sie beschriebe, sagen müsste: Ihre Hand ist eineinhalb Flötenlängen vom Herz entfernt und der Tabakladen dreiundsiebzig Flötenlängen von der Haustür.

1920. das Misstrauen

das Misstrauen, mit dem ich, wenn ich es wecke, die Welt beschädige,
und der Hass, mit dem ich, wenn ich jemanden hasse, mich selber beschädige.

1921. der Star

der Stararchitekt, der in Wirklichkeit ein Architekt ist, der Starkomiker, der wie ein Komiker komisch ist, der Starautor, der Starchirurg, der Stardesigner – und dann der Schauspielschüler, der von der Klatsch-Redaktion zum Star erklärt werden muss, damit in der Leserschaft der Eindruck erweckt werden kann, die Zeitung melde Wichtiges über wichtige Personen

Peter K. Wehrli „Catalog of Everything and other stories“ University of Cailfornia, Berkeley, ISBN 978-1-304-96040-5

Zu bestellen über www.lulu.com/shop/wehrli-peter

Kommentare

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Belangloses ins Zentrum rücken…..OK!
Der Tropfen auf dem Marmorstein, dem Designertisch war Milch, war einmal Gras. Die Kuh Elsa, ihre Vorfahren stammten aus dem Irak, gab sich Mühe und wurde Schweizerin. Schweizerin des Jahres, weil gut integriert! Alle lieben Elsa……cathari
Ps. Dieser Herr PKW inspiriert!
Danke für den Hinweis Frau A. Freitag

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